Europa verfügt über ein gewaltiges finanzielles Arsenal. Die Angriffsfläche scheint riesig. Die US-Staatsverschuldung steht inzwischen bei über 38 Billionen Dollar – ein Rekordstand. Finanzakteure innerhalb der EU halten knapp 23 Prozent aller US-Staatsanleihen. Das entspricht Bonds im Wert von mehr als 2,1 Billionen Dollar. Damit ist die EU der größte ausländische Besitzer US-amerikanischer Staatsanleihen und ihr größter Gläubiger.
Doch Investoren fragen sich: Lässt sich diese Machtposition im Konflikt mit den USA wirklich nutzen? Oder bleibt sie eine leere Drohung?
Wie Staatsanleihen funktionieren
Wer die Brisanz eines solchen Manövers verstehen will, muss zunächst die Mechanik hinter diesen Wertpapieren betrachten. Eine Staatsanleihe ist ein verbriefter Kredit. Ein Investor leiht dem Staat Geld für eine feste Laufzeit. Im Gegenzug erhält er regelmäßige Zinszahlungen.
Der Markt folgt dabei einer eisernen Logik: Wenn viele Investoren ihre Staatsanleihen verkaufen, fällt der Kurs durch das plötzliche Überangebot. Damit steigt im Gegenzug zwangsläufig die Rendite für Anleger, die neu zugreifen. Auch der Zins bei der Ausgabe künftiger Anleihen steigt tendenziell.
Das würde die ohnehin schon hohe Zinslast der US-Regierung weiter erhöhen. Die Finanzierung von Staat und Wirtschaft würde sich drastisch verteuern. Anders gesagt: Es kostet die Trump-Regierung dann deutlich mehr, sich Geld zu leihen. Zum Beispiel für die gigantische Steuerreform „Big Beautiful Bill“. Höhere Zinsen wirken somit direkt als Bremse für die politischen Vorzeigeprojekte des Weißen Hauses.
Drohende Kernschmelze in den USA
Ein massiver und koordinierter Abverkauf durch den größten Gläubiger Europa würde die amerikanische Wirtschaft nicht nur oberflächlich treffen. Er könnte ihre strukturelle Funktionsweise fundamental beschädigen.
Ausgelöst würde die Krise durch den sprunghaften Anstieg der Renditen. Dieser würde sich wie ein Lauffeuer durch alle Sektoren der Realwirtschaft fressen. Da US-Treasuries als Benchmark für fast alle privaten und gewerblichen Kredite dienen, käme es zu einer sofortigen Kreditklemme (Credit Crunch). Die Zinsen für Hypotheken sowie Auto- und Konsumkredite würden explodieren und damit den privaten Konsum als wichtigsten Motor der US-Konjunktur abwürgen.
Auf staatlicher Ebene geriete Washington in einen fiskalischen Würgegriff. Bei dem aktuellen Rekordstand von über 38 Billionen Dollar Schulden würde der Schuldendienst einen immer größeren Teil der Steuereinnahmen verschlingen. Notwendige Investitionen müssten gestrichen werden. Eine tiefe Rezession wäre fast unvermeidbar.
Globale Schockwellen
Doch die internationalen Konsequenzen wären vermutlich noch verheerender als die inneramerikanischen Schäden. US-Treasuries fungieren weltweit als wichtigste Sicherheit im Bankensystem. Wenn der Wert dieser Sicherheiten durch einen Kurssturz erodiert, löst dies eine Kettenreaktion aus.
Finanzinstitute müssten plötzlich Milliarden an Nachschusszahlungen leisten. Das würde zu einer globalen Liquiditätskrise führen. Zudem dienen die Renditen der US-Anleihen als globaler risikofreier Zins zur Bewertung fast aller anderen Vermögenswerte. Steigt dieser Zins dramatisch an, müssen Aktien und Immobilien weltweit neu bewertet werden.
Das mathematisch zwingende Ergebnis: ein synchroner und weltweiter Börsencrash. Besonders hoch bewertete Technologieaktien würde es treffen.
Warum Europa sich selbst schaden würde
Trotz dieses theoretischen Drohpotenzials gleicht der Plan eines totalen Ausverkaufs in der Praxis weniger einem präzisen Schachzug als vielmehr einer finanziellen Atombombe im eigenen Vorgarten. Ein solcher Schritt würde Europa vermutlich härter treffen als die USA.
Die Bestände von 2,1 Billionen Dollar in den Bilanzen europäischer Akteure würden massiv an Wert verlieren. Sofortige Abschreibungen in Milliardenhöhe sowie eine Bankenkrise in der EU wären die Folge. Zudem würde der Verkaufserlös in Euro getauscht werden. Das würde zu einer massiven Aufwertung des Euros führen.
Für die exportorientierte europäische Wirtschaft wäre dies fatal. Ihre Waren würden auf dem Weltmarkt zu teuer. Man würde also die eigene Exportindustrie opfern, um Washington zu ärgern.
Die Illusion der gezielten Verkäufe
Einige Strategen ziehen eine subtilere Variante in Betracht. Sie fragen sich, ob kleinere sowie gezielte Verkäufe als politisches Warnsignal fungieren könnten. Doch auch diese Strategie der Nadelstiche entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als wirkungslos und hochriskant.
Das Hauptproblem ist die schiere Tiefe des US-Anleihemarkts. Er ist der liquideste der Welt. Wenn europäische Institutionen einen Bruchteil ihrer 2,1 Billionen Dollar verkaufen würden, wäre dies kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Andere Marktteilnehmer würden die Anleihen schnell absorbieren. Der ökonomische Druck bliebe somit aus.
Gleichzeitig wäre die politische Signalwirkung fatal. Eine US-Administration unter Donald Trump ist für ihren auf Vergeltung bedachten und oft aggressiven Stil bekannt. Sie würde einen solchen Schritt kaum unbeantwortet lassen. Einen gezielten Angriff auf den US-Anleihemarkt würde sie als feindseligen Akt interpretieren.
Washington könnte umgehend mit Strafzöllen antworten. Europa würde einen Handelskrieg riskieren, ohne im Gegenzug einen nennenswerten Hebel über die Zinskurve zu besitzen.
Die Fed als Schutzschild
Zudem überschätzen Befürworter beider Strategien die Verwundbarkeit der USA. Die amerikanische Notenbank würde einem solchen Angriff nicht tatenlos zusehen. Bevor die Zinsen ein Niveau erreichen, das den US-Haushalt kollabieren lässt, würde die Fed als Käufer der letzten Instanz auftreten.
Sie würde die von Europa verkauften Anleihen durch neu geschaffenes Geld aufkaufen. Die Zinsen würde sie künstlich deckeln. Das nennt man Yield Curve Control. Dies würde zwar das technische Armageddon an den Märkten verhindern. Aber den Preis würde vermutlich die Währung zahlen. Das würde sich in einer massiven Inflation oder einem Vertrauensverlust in den Dollar äußern.
Eine unglaubwürdige Drohung
Die Vorstellung, US-Anleihen als politisches Druckmittel gegen Donald Trump einzusetzen, scheitert an der Realität der globalen Verflechtung. Die finanziellen Kollateralschäden für die europäische Finanzstabilität und Exportwirtschaft wären so verheerend, dass die Drohung unglaubwürdig bleibt.
Es herrscht ein Gleichgewicht des Schreckens. Europa kann seine Gläubigerposition nicht offensiv nutzen, ohne sich selbst in eine tiefe Rezession zu stürzen. Die gegenseitige Abhängigkeit macht den Anleihemarkt zu einer denkbar ungeeigneten Waffe im geopolitischen Machtkampf.
Über den Autor:
Markus Richert ist Certified Financial Planer (CFP) und Seniorberater bei Vermögensverwalter Portfolio Concept mit Sitz in Köln.
