Sell in May and go away Börsenweisheit oder -kalauer?

Hält nichts von Börsenweisheiten: Baader-Bank-Chefanalyst Robert Halver | © Getty Images

Hält nichts von Börsenweisheiten: Baader-Bank-Chefanalyst Robert Halver Foto: Getty Images

In dieser Zeit fehlten ohnehin die marktbewegenden Impulse, bestände aber das Risiko, dass angesichts saisonal schwacher Umsätze schon kleinste negative Nachrichten zu Lasten der Aktienkurse aufgebauscht werden. Erst ab September, wenn alle Börsianer aus dem Urlaub zurückgekehrt sind, sollten erneut Aktienbestände für die Jahresendrallye aufgebaut werden.
In der guten alten Börsenzeit, als Kapitalmärkte noch anders tickten, Handelszeiten eng begrenzt waren und die Politik sich kaum ins Börsengeschehen einmischte, hatte diese Börsenregel durchaus ihre Berechtigung.  

Die Börsenwelt hat sich radikal verändert

Heute jedoch handelt man zeitlich fast unbegrenzt und von überall. Via Smartphones ist es selbst während des Urlaubs auf dem Ballermann möglich, zum Beispiel Siemens-Aktien zu kaufen. Innovative Hedgefonds haben sowieso keine Anlagestrategie, die sich an Saisonmustern orientiert. Ihre Strategie ist Geld verdienen, egal wie und wann.  

 Daneben hat sich die Anzahl der Akteure auf dem Börsenspielfeld erhöht. Früher gab es nur Amerika und Europa mit ein bisschen Einfluss aus Japan. Mittlerweile aber spielen Schwellenländer wie China aktiv mit. Sie sind weltwirtschafts- und -finanzpolitisch systemrelevant. Sie machen ihr Ding und stören sich wenig an westlichen Saisonalitätsregeln. Heutzutage passiert irgendwo auf der Welt fast jeden Tag irgendetwas, was aufgrund der Dominosteine der Globalisierung irgendwie alle großen Börsen betrifft.
Ohnehin hat die Politik längst die Rolle des reinen Schiedsrichters an den Finanzmärkten aufgegeben. 

Sie ist zum eigentlichen Spielmacher geworden, von dem Wohl und Wehe der Aktienmärkte massiv abhängen. Egal, ob Brexit, Handelskrieg, Eurosklerose oder die Rettung von Euro-Ländern, Politik bietet großes Börsen-Kino an 365 Tagen. Politik ist wie New York, sie schläft nie, auch nicht in der heißen Jahreszeit. Und so hat ausgerechnet im Sommerloch 2015 die Lösung der Griechenland-Krise dem DAX ein Plus von 20 Prozent beschert.

Auch mit der vornehmen Zurückhaltung der Geld-Politik war es spätestens nach dem Platzen der Immobilienblase vorbei. Ab 2008 griffen die Staaten mit massiver Neuverschuldung ein, um das weltweite Wirtschaftssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Seitdem sind die Notenbanken gezwungen, mit beispiellosen Zinssenkungen und Geldschwemmen das ansonsten unvermeidbare weltweite Schulden-Armageddon zu verhindern. Es wird nicht nur saisonal, sondern ganzjährig gerettet.

An der Börse wird nicht Vergangenheit, sondern Zukunft gehandelt
Tatsächlich scheinen in diesem Jahr die starken Kursgewinne seit Ende 2018 förmlich nach Anwendung dieser Börsenregel zu schreien. Eine weltweite Konjunkturflaute und schlechte Unternehmensdaten sind doch keine Mücken, sondern wilde Elefanten, die die bisherige Hausse des Frühjahrs im heißen Sommer akut bedrohen, oder?