In einer sich rasant wandelnden Geschäftswelt stehen traditionelle Führungsmodelle zunehmend auf dem Prüfstand. Die Ursache dafür sind neben neuen Anforderungen an Mitarbeiter und Unternehmen infolge der Digitalisierung vor allem auch veränderte Ansprüche und Wünsche von Beschäftigten. Gerade jüngere Generationen, wie Millennials und Gen Z, fordern verstärkt flachere Hierarchien und eine bessere Vereinbarkeit von Karriere und Privatleben. Eine Führungsposition im klassischen Sinne streben laut einer Studie der Boston Consulting Group aus dem Jahr 2020 immer weniger der jungen Mitarbeiter an.

Unternehmen stellt das vor Herausforderungen. Auch in der als eher konservativ bekannten Finanzbranche experimentieren daher immer mehr Firmen mit neuen Ansätzen. Einer davon gewinnt besonders an Bedeutung: Shared Leadership, zu Deutsch „geteilte Führung“.

Doch was verbirgt sich hinter diesem Konzept? Welche Chancen und Herausforderungen bringt es mit sich? Und wie setzen Unternehmen es in der Praxis um?

Was ist Shared Leadership?

Beim Shared-Leadership-Modell wird die Führungsverantwortung auf mehrere Personen innerhalb eines Teams oder einer Organisation verteilt. Statt einer starren Hierarchie mit einem alleinigen Chef an der Spitze übernehmen verschiedene Teammitglieder die Leitung. Die genaue Ausgestaltung unterscheidet sich je nach Expertise und Situation von Unternehmen zu Unternehmen oder auch zwischen einzelnen Abteilungen.

Eduardo Mollo Cunha
Eduardo Mollo Cunha © Blackpoint AM

Eduardo Mollo Cunha von Blackpoint Asset Management teilt sich die Geschäftsführung des Unternehmens mit Marcel Huber und Alexander Pirpamer. „Shared Leadership nutzt die kollektive Intelligenz des Teams. Jeder bringt einzigartige Perspektiven und Stärken ein, die zusammen nicht nur die Qualität unserer Entscheidungen steigern, sondern auch die Flexibilität und Innovationskraft des Unternehmens stärken“, erläutert er die positiven Aspekte der geteilten Verantwortung.

Vorteile der geteilten Führung

Die Verteilung von Verantwortung auf mehrere Schultern bringt noch eine Reihe weiterer Vorteile mit sich.

Durch die Einbeziehung verschiedener Perspektiven können Entscheidungen beispielsweise oft ausgewogener und fundierter getroffen werden. Das bestätigt auch Carmen Kuster, die gemeinsam mit Claudia Dünisch seit rund zwei Jahren das internationale institutionelle Geschäft von Raiffeisen Capital Management leitet, im Interview mit DAS INVESTMENT: „Dadurch, dass wir uns in wichtigen Fragen täglich austauschen, können wir uns bei anstehenden Entscheidungen durch gezieltes Hinterfragen unterstützen. In Gesprächen schärfen wir unsere Argumente und können am Ende dann klarer und zielgerichteter ans Team, an Kunden und an andere Stakeholder kommunizieren. Wir sehen uns als Sparringspartnerinnen und sind es auch.“

Die erhöhte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ermöglicht es Unternehmen zudem, schneller auf neue Herausforderungen zu reagieren. Ein weiterer positiver Effekt ist die Stärkung des Teamzusammenhalts und der Motivation. Wenn Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen können, steigt oft ihre Identifikation mit dem Unternehmen. Gleichzeitig werden einzelne Führungskräfte entlastet, was Stress mindern und Burn-out vorbeugen kann.

Shared Leadership bietet darüber hinaus die Möglichkeit, Nachwuchskräfte schrittweise an Führungsaufgaben heranzuführen und ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Besonders in komplexen, wissensbasierten Bereichen, wo schnelle Anpassungsfähigkeit gefragt ist, kann Shared Leadership seine Stärken ausspielen.

Shared Leadership in der Praxis

Die genannten Vorteile sorgen dafür, dass immer mehr Unternehmen in der Finanzbranche auf Elemente der Shared Leadership setzen. Die ING Bank hat beispielsweise ein agiles Arbeitsmodell eingeführt, das selbstorganisierende Teams mit rotierenden Führungsrollen in verschiedenen Projekten und Abteilungen vorsieht.

Bei der Deka ist Shared Leadership ein wichtiger Baustein des modernen Personalmanagements. Das Unternehmen hat auf unterschiedlichen Ebenen Shared-Leadership-Modelle etabliert, in der Regel in Form von Führungstandems, aber auch bei größeren Projekten. „Es ermöglicht uns, auf Wünsche hinsichtlich Teilzeit, Work-Life-Balance sowie bei Nachfolgethemen eingehen zu können oder Führungskräfte in bestimmten Situationen mit hohen Belastungen zu unterstützen. Letzteres wird meist in Projekten umgesetzt“, erläutert eine Sprecherin der Dekabank.

Beim Versicherungs- und Finanzberatungskonzern Swiss Life werden alle Führungspositionen im Unternehmen inzwischen mit der Option auf Teilzeit und im Shared-Leadership-Modell ausgeschrieben. „Die Entscheidung unterstützt unser Engagement für Fairness, Flexibilität sowie für unsere moderne Arbeitskultur. Wir wollen gleiche Entwicklungschancen unabhängig von der persönlichen Lebenssituation bieten und damit auch die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben fördern“, erklärt Nelli Schieke, Bereichsleiterin Personal bei Swiss Life Deutschland.

Shared Leadership und Diversität

Begriffe wie „gleiche Chancen“ und „Vereinbarkeit“ sind bereits ein erster Hinweis: Ein oft übersehener, aber nicht zu unterschätzender Aspekt von Shared Leadership ist das Potenzial des Ansatzes bei der Förderung von Diversität in Führungspositionen. Denn: Durch die Verteilung von Führungsaufgaben auf mehrere Personen ergeben sich auch mehr Möglichkeiten für unterrepräsentierte Gruppen, Führungserfahrung zu sammeln.

Insbesondere für Frauen und Eltern kann Shared Leadership Vorteile bieten. Es ermöglicht flexiblere Arbeitszeiten und -orte, was die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtert. Zudem macht es Führungsverantwortung auch in Teilzeit möglich und unterstützt Eltern bei der Rückkehr aus der Elternzeit.

Ein Punkt, den auch Niklas Steinberger positiv sieht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Fabian Ackermann leitet er seit einem Jahr das Team Private Customer Management bei Swiss Life Deutschland und verabschiedet sich demnächst für zwei Monate in die Elternzeit. „In dieser Phase haben unsere Mitarbeitenden trotzdem eine Führungskraft, die vor Ort und ansprechbar ist und Entscheidungen trifft. Das ist für unsere Mitarbeitenden sowie für mich eine gute Situation und ein enormer Vorteil gegenüber klassischen Führungsmodellen mit nur einer Führungskraft.“ 

 

Herausforderungen der geteilten Führung

Trotz der vielen Vorteile bringt die Implementierung von Shared Leadership aber natürlich auch einige Herausforderungen mit sich. So kann etwa der intensive Austausch zwischen den Beteiligten zeitaufwändig sein. Darüber hinaus kann es bei unterschiedlichen Meinungen zu Konflikten kommen.

Zur Wahrheit gehört außerdem: Besonders in traditionell hierarchischen Branchen wie dem Finanzsektor erfordert die Einführung von Shared Leadership oft einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. So müssen Unternehmen ihre Bewertungssysteme anpassen, um sowohl Teamleistungen als auch individuelle Beiträge zu berücksichtigen. Entscheidend ist zudem, dass jeder seine Rolle klar versteht, ohne sich in starren Hierarchien zu verfangen.

„Geteilte Führung passt nicht automatisch auf jede Situation und jede Teamstruktur. Die individuelle Situation ist immer zu berücksichtigten. Absolute Voraussetzung ist ein hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen und ein gutes Verhältnis untereinander“, erläutert Steinberger.

„Natürlich erfordert geteilte Verantwortung ein hohes Maß an Vertrauen, klarer Kommunikation und Abstimmung. Austausch und eine positive Diskussionskultur sind hierfür notwendig. Man muss bereit sein, eigene Entscheidungen zu hinterfragen und den gemeinsamen Kurs kontinuierlich anzupassen. Dabei ist es entscheidend, dass jeder seine Rolle klar versteht, ohne sich in starren Hierarchien zu verfangen“, unterstreicht auch Mollo Cunha.

Implementierung von Shared Leadership

Die erfolgreiche Einführung von Shared Leadership erfordert deshalb eine sorgfältige Planung und Umsetzung. Wichtige Schritte dabei sind:

  1. Klare Zielsetzung und Rahmenbedingungen definieren
  2. Kompetenzbasierte Rollenverteilung vornehmen
  3. Offene Kommunikationskultur fördern
  4. Klare Entscheidungsprozesse etablieren
  5. Vertrauen und gegenseitige Unterstützung im Team aufbauen
  6. Technologische Unterstützung durch Kollaborationstools nutzen
  7. Leistungsbewertungs- und Anreizsysteme anpassen

Shared Leadership als Mittel gegen den Fachkräftemangel?

Shared Leadership ist kein vorübergehender Trend, sondern könnte die Zukunft der Unternehmensführung maßgeblich prägen. Denn: In einer zunehmend komplexen und volatilen Geschäftswelt werden Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und die Nutzung kollektiver Intelligenz immer wichtiger.

Für die Finanzbranche, die oft als besonders hierarchisch und traditionell gilt, bietet Shared Leadership die Chance, agiler und innovativer zu werden. Dies könnte ein entscheidender Wettbewerbsvorteil in einem Umfeld sein, das von technologischem Wandel und neuen Herausforderungen geprägt ist.

Für aufstrebende Führungskräfte bietet Shared Leadership die Chance, schrittweise in Führungsaufgaben hineinzuwachsen und dabei von erfahrenen Kollegen zu lernen. Es ermöglicht eine breitere Entwicklung von Führungskompetenzen und kann so den Führungskräftemangel in Unternehmen lindern.