Shopping-Tour: US-Fondsmanager fliehen vor der Fed

US-Fondsmanager sind in Europa auf der Suche nach unterbewerteten Aktien. Ins Visier geraten dabei etwa Öl- und Pharmakonzerne aus Frankreich und Schweizer Nahrungsmittelproduzenten. Getrieben ist der Appetit auf Anlagen außerhalb der USA von der Erwartung, dass der Bullenmarkt in der Heimat allmählich ausläuft.

Oliver Pursche aus Suffern im US-Bundesstaat New York etwa kaufte Aktien von Total SA und Royal Dutch Shell Plc wegen ihrer im Vergleich zur Konkurrenz relativ hohen Dividenden und niedrigen Bewertungen. Der von ihm verwaltete GMG Defensive Beta Fund hat 2013 bisher 97 Prozent der Fonds in seiner Kategorie geschlagen.

Timothy Ghriskey von Solaris Asset Management LLC in Bedford Hills im US-Bundesstaat New York wiederum hat Sanofi- Aktien gekauft. Der französische Pharmawert gehört zu einer Gruppe von 25 Neuzugängen in seinem Portfolio. Paul Zemsky bei ING Investment Management in New York Leiter Asset Allocation, zählt Aktien von ausländischen Konzernen mit hohem Umsatzanteil in den USA zu seinen Favoriten.

Der Reiz europäischer Aktien liegt für US-Fondsmanager, die zusammen knapp fünf Billionen Dollar (3,63 Billionen Euro) an Vermögen verwalten, darin, dass die Marktkapitalisierung an den US-Börsen seit dem Tief im März 2009 um 13 Billionen Dollar gestiegen ist. Der Standard & Poor’s 500 Index hat 2013 die beste Gewinnperiode seit 2004 erreicht.

In den USA sorgen sich Anleger, wann die US-Notenbank Fed der lockeren Geldpolitik ein Ende setzt. Mit Blick auf die Europäische Zentralbank erwarten sie eine lockere Geldpolitik auf längere Sicht. Die Volkswirtschaften der Eurozone sollen 2014 insgesamt wieder auf den Wachstumspfad einschwenken.

“Es ist ein günstiger Zeitpunkt, zu reduzieren und den internationalen Anteil in Portfolios aufzustocken”, sagte Russ Koesterich, leitender Investmentstratege bei BlackRock Inc. in San Francisco, in einem Interview am 3. Dezember. Ende September verwaltete Blackrock Vermögen im Volumen von 4,1 Billionen Dollar und war damit die Nummer eins unter den Vermögensverwaltern weltweit. Europa sei zum Teil noch in den Portfolios der Anleger unterrepräsentiert, sagte Koesterich. Da gebe es Regionen, wo immer noch Pessimismus vorherrsche. Jegliche Art guter Nachrichten könne die Kurse der betroffenen Unternehmen in die Höhe treiben, ergänzte Koesterich.

Seit März 2009 hat der S&P 500 Index 167 Prozent zugelegt und das Rekordhoch vom Oktober 2007 hinter sich gelassen. Der Bullenmarkt währt mittlerweile 57 Monate - das sind neun Monate mehr als die durchschnittliche Dauer einer Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Angaben basieren auf Daten von Bloomberg und Birinyi Associates Inc. Im laufenden Jahr bewegt sich der S&P 500 Index auf einen Wertzuwachs von 27 Prozent zu, die größte Wertsteigerung im Jahresvergleich seit 15 Jahren. Die Aktienbewertungen sind auf den höchsten Wert in fast vier Jahren vorgerückt. Einige Investoren richten ihr Augenmerk auf die Aktienauswahl außerhalb der Vereinigten Staaten.

Aktien von Total werden mit dem 8,7-fachen des für das laufende Jahr erwarteten Gewinns bewertet, Shell mit dem 9,4-fachen. Die Aktien im Stoxx 600 Index sind mittlerweile mit dem 15-fachen des erwarteten Gewinns bewertet.

“Wer sich diese Gesellschaften anschaut und mit Exxon oder Chevron aus den USA vergleicht, erkennt, dass sie viel attraktiver gepreist sind, und dabei in der gleichen Branche aktiv sind”, sagte Pursche in einem Telefoninterview am 4. Dezember. Thematisch sei er im Energiesektor gerne aufgestellt. Aber er habe auch Aktien von Nestlé und Novartis AG gekauft, sagte Pursche.

Fondsmanager Ghriskey wiederum rechnet mit einer Erholung des Aktienkurses bei Sanofi. Sanofi-CEO Chris Viehbacher hatte in einem Interview mit Bloomberg TV am 7. Oktober erklärt, die Gesellschaft werde im laufenden Quartal wieder steigende Erträge ausweisen. Aubagio, ein Mittel zur Behandlung von MS, wurde in der vergangenen Woche von der für die Kostenerstattung von Medikamenten in Großbritannien zuständigen Behörde freigegeben. Sanofi erzielt rund 76 Prozent der Umsätze außerhalb Westeuropas. Von Bloomberg befragte Analysten rechnen für 2014 mit einem Gewinnwachstum von 13 Prozent, nach drei rückläufigen Jahren in Folge. Sanofi hatte auf neun Produkte den Patentschutz verloren. “Die offenen Punkte sind geklärt”, sagte Ghriskey im Interview am 4. Dezember. “Wir sollten starke Wachstumszahlen sehen.” Sanofi sei im Vergleich mit anderen Pharmawerten großer Marktkapitalisierung unterbewertet, sagte Ghriskey.

Die Sanofi-Aktie notiert beim 13-fachen des 2013 erwarteten Gewinns, 19 Prozent weniger als das durchschnittliche Kurs- Gewinn-Verhältnis bei Aktien aus dem Gesundheitssektor, die im Stoxx 600 Index enthalten sind. Die Sanofi-Aktie hat seit Jahresbeginn bis Dienstag rund 2,7 Prozent zugelegt - der Branchenindex Stoxx 600 Health Care Index hat im gleichen Zeitraum rund 16 Prozent zugelegt.

Für Zemsky sind die Aktienbewertungen in Europa noch nicht ausgereizt. Dabei werden jene Werte am besten laufen, die vom US-Wachstum abhängen. Von den etwa 200 Konzernen im Stoxx 600 Index, die Angaben zur regionalen Umsatzherkunft ausweisen, erwirtschaften 76 mindestens die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb Europas, zeigen Bloomberg-Daten.

Mehr zum Thema