In der Nacht zum Montag erreichte der Silberpreis mit 84 US-Dollar je Feinunze ein Allzeithoch. Wenige Stunden später war davon nicht mehr viel übrig. Der Kurs sackte um 8,7 Prozent ab, der stärkste Tagesverlust seit August 2020. Gold verlor 4,4 Prozent auf 4.333 Dollar je Unze. Auch andere Edelmetalle wie Platin und Palladium gaben deutlich nach.
Den Ausschlag gab eine Ankündigung der Terminbörse CME Group. Die Betreibergesellschaft erhöhte die Margin-Anforderungen für Silber-Futures um rund 25 Prozent. Die Regelung trat am Montag in Kraft. Händler müssen nun mehr Kapital hinterlegen, wenn sie auf Silberpreise spekulieren wollen. Die CME sprach von einer „normalen Überprüfung der Marktvolatilität“.
Solche Erhöhungen sind nach ausgeprägten Preisanstiegen üblich und dienen der Absicherung gegen Ausfallrisiken. Im Fall von Silber traf die Maßnahme einen Markt, der sich über Monate hinweg erhitzt hatte. Das Edelmetall liegt in diesem Jahr mit etwa 150 Prozent im Plus – der stärkste Jahresgewinn seit 1951.
Hintergründe der Silber-Rally
Die jüngste Rally hatte mehrere Auslöser. Berichte über mögliche chinesische Exportbeschränkungen hatten die Nachfrage belebt. Tesla-Chef Elon Musk warnte auf der Plattform X, solche Restriktionen seien problematisch, da Silber in vielen industriellen Prozessen gebraucht werde. China ist zwar Nettoimporteur von Silbererz, aber zugleich bedeutender Raffineriebetreiber und Exporteur von Silberbarren.
Ole Hansen, Rohstoffstratege bei der Saxo Bank, sieht die Entwicklung kritisch. Die Exportbeschränkungen könnten die Rally weiter anheizen und etwas aufblähen, was bereits zunehmend blasenähnlich aussehe, sagt er gegenüber „Barron's“.
Tatsächlich steht Silber im Spannungsfeld unterschiedlicher Nachfragetreiber. Das Metall wird benötigt für Rechenzentren der Künstlichen Intelligenz, für Elektrofahrzeuge und Solarzellen. Die US-Regierung nahm Silber zudem in die Liste kritischer Mineralien auf. Erwartete Importzölle haben die Einfuhren in die USA zuletzt stark erhöht, was andernorts zu Engpässen führte.
Die Lagerbestände an der Shanghai Futures Exchange fielen im vergangenen Monat auf den niedrigsten Stand seit 2015. In London verzeichnete die London Bullion Market Association im November dagegen einen Anstieg um 3,5 Prozent auf 27.187 Tonnen mit einem Marktwert von 47,1 Milliarden Dollar.
„Wir haben eine Abkühlung bei den Edelmetallen gesehen, aber ich glaube nicht, dass dieser Trend vorbei ist“
Silber-Volatilität könnte anhalten
In den kommenden Wochen dürfte die Volatilität anhalten. Am 31. Dezember steht die Bewertung von Positionen zum Jahresende an. Ab dem 8. Januar beginnt die fünftägige Neugewichtung von Rohstoffindizes durch Bloomberg und S&P Global, an die jeweils rund 120 Milliarden Dollar gebunden sind. Anleger dürften dann stark gestiegene Positionen wie Silber und Gold verkaufen, um die neue Gewichtung zu erreichen.
Hansen von der Saxo Bank hält die kommenden Tage für entscheidend. Wie der Markt dieses Angebot absorbiere, könne den Ton für die folgenden Wochen setzen. Die Frage sei, ob die langfristige These für Silber trägt – als Absicherung gegen Inflation und als Industriemetall für neue Technologien.
Die dünne Liquidität in der zwischen den Jahren ohnehin ruhigen Handelswoche habe die Ausschläge verstärkt, glaubt Tony Sycamore, Analyst bei IG in Sydney. „Wir haben eine Abkühlung bei den Edelmetallen gesehen, aber ich glaube nicht, dass dieser Trend vorbei ist“, sagte Sycamore. Die Defizite blieben bestehen, ebenso die nationale Bevorratung und Exportbeschränkungen.
Am Dienstag erholte sich Silber zunächst um 2,5 Prozent auf 74,10 Dollar je Unze. Gold legte 0,7 Prozent auf 4361 Dollar zu. Ob sich die Kurse stabilisieren oder weiter nachgeben, hängt auch davon ab, wie viele Investoren ihre Positionen vor Jahresende glattstellen. Die nächsten Tage werden zeigen, ob die Silberrally nur eine Pause einlegt oder ob der Höhepunkt erreicht ist.

