Der menschliche Verstand stößt irgendwann an seine Grenzen. Wer drei oder vier Faktoren gleichzeitig im Kopf behält, ist schon gut dabei. Was aber, wenn ein Algorithmus 400 Merkmale pro Unternehmen gleichzeitig analysiert, Entscheidungsbäume in fünfstelliger Zahl aufbaut – und das jeden Monat aufs Neue? Genau das ist das Versprechen hinter dem KI-gestützten Ansatz von Pictet Asset Management. In einer neuen Folge von For Professional Investors Only sprechen Malte Dreher und Christoph Fröhlich mit Simon Frank, Senior Investment Experte bei Pictet AM, über den Maschinenraum dahinter – und was das für die Zukunft des Portfoliomanagements bedeutet.
Doch das Gespräch beginnt nicht im Fondsprospekt, sondern in der eigenen Redaktion.
Bevor Simon Frank zu Wort kommt, tauschen sich Malte und Christoph erst einmal über ihre eigene Erfahrung mit Künstlicher Intelligenz aus – und die ist, wenig überraschend, von echten Produktivitätsgewinnen geprägt.
„Früher hast du ein Interview geführt und ich hatte immer einen Graus danach, dieses Ding zu transkribieren", erinnert sich Christoph. „Vielleicht war das auch noch auf Englisch, dann hast du die Passage vier-, fünfmal gemhört. Das hat Stunden gedauert." Malte kennt das aus eigener Erfahrung: Acht Interviews auf einem Private-Markets-Tag, alles auf der Zugfahrt zurück transkribiert, noch vor Fulda. „Das hätte sonst Wochen gedauert."
Heute nutzt die Redaktion von DAS INVESTMENT und private banking magazin etwa die professionelle Transkriptions-App Trint, Bildgenerierung über Midjourney und Nano Banana (Googles Bildtool) – und natürlich Large Language Models wie Claude für die tägliche Textarbeit. Für Grafiken, die früher ein Vollzeit-Designer übernommen hätte, sitzen heute die Redakteure selbst am Steuer. „Das war auch vor drei Jahren noch unvorstellbar", so Christoph, „wie gut die Qualität geworden ist und wie schnell das auch geht."
Aber macht KI uns auch dümmer? Christoph hat dazu eine klare Haltung: „Ich bin froh, dass ich das Handwerk noch klassisch gelernt habe. Der Chefredakteur kam und sagte, nett, aber mach's bitte nochmal neu – und dann hast du unter Hochdruck den Text komplett neu geschrieben, nicht einfach auf den Knopf gedrückt." Das Gehirn, so seine These, sei wie ein Muskel – und der müsse trainiert werden. Malte sieht das ähnlich, würde aber die kreative Freiheit, die KI freisetzt, auch nicht missen wollen.
Wie Pictet KI im Portfoliomanagement einsetzt
Mit Simon Frank wechselt die Episode in ein ganz anderes Terrain – das des quantitativen Asset Managements. Frank ist Senior Investment Experte bei Pictet AM und berichtet über das sogenannte Quest-Team, das es bereits seit 1999 gibt und aus über 20 Investment-Experten besteht. Jahrelang hat dieses Team an einer Strategie gefeilt, die KI systematisch für die Aktienauswahl nutzt (Pictet - Quest AI-Driven Global Equities, ISIN: LU2749782103).
Das Produkt: eine Index-Enhancement-Strategie auf den MSCI World. Das Ziel ist nicht den Index zu schlagen durch aktives Stockpicking à la Warren Buffett, sondern durch eine Vielzahl kleiner, statistisch leicht vorteilhafter Wetten eine kontinuierliche Outperformance zu erzielen.
„Was die KI macht am Ende des Tages: Sie verschiebt die Wahrscheinlichkeit, dass wir richtig oder falsch liegen in unserer Wette, von 50-50 auf – sagen wir mal – 52-48", erklärt Frank. Klingt marginal. Ist es aber nicht, wenn man die Zahl der Wetten berücksichtigt.
500 Wetten im Portfolio
Der MSCI World umfasst rund 1.400 Titel. Pictet schließt aus Nachhaltigkeitsgründen etwa 200 aus. Für die verbleibenden 1.200 Werte berechnet die KI monatlich einen sogenannten Alpha-Score: Ein positiver Score führt zu einem leichten Übergewicht im Portfolio, ein negativer zu einem Untergewicht. „So haben wir zu jedem Zeitpunkt etwa 500 kleine Wetten im Portfolio", sagt Frank.
Was die KI dabei besonders leistungsfähig macht, ist ihre Fähigkeit, 400 verschiedene Merkmale pro Unternehmen gleichzeitig zu berücksichtigen und miteinander zu kombinieren. Der Mensch, so Frank, komme bei drei bis vier Dimensionen an seine kognitive Grenze. Die Maschine nicht.
Das Herzstück des Modells sind sogenannte Entscheidungsbäume. Frank veranschaulicht das: „Ist ein Unternehmen gerade vor Quartalszahlen – ja oder nein? Wenn ja: Sind die Analysten gerade positiv? Und hat die Aktie vielleicht schon out- oder underperformed?" Für eine einzelne Aktie – nehmen wir Microsoft – baut die KI 50.000 solcher Entscheidungsbäume. Davon seien zum Beispiel 35.000 mit einem positiven Alpha und 15.000 mit einem negativen Alpha. Das Ergebnis wird gemittelt. „Dadurch wird das Alpha im Portfolio sehr, sehr konstant."










Das Ergebnis der Strategie seit Auflage im März 2024: mehr als 200 Basispunkte Outperformance nach Kosten – bei einer nach Franks Aussage sehr niedrigen Kostenbelastung.
Wird das Modell morgen noch funktionieren?
Die naheliegende Frage, die Malte stellt: Wie stellt Pictet sicher, dass ein Modell, das heute state of the art ist, das morgen noch ist? Die Antwort liegt im quartalsweisen Retraining.
„Jedes Quartal wird das Modell quasi neu trainiert. Drei Monate neue Daten kommen dazu, und wir nehmen nur Zeiträume mit mindestens zehn Jahren guter Datenqualität", erklärt Frank. Das Modell wird komplett neu kalibriert – kein einmaliges Training, sondern ein kontinuierlicher Lernprozess. Das ermöglicht, so Frank, eine relative Agilität gegenüber wechselnden Marktumfeldern.
Mensch oder Maschine? Die falsche Frage
Bleibt die große, branchenweite Debatte: Brauchen wir in Zukunft noch Portfolio-Manager? Frank ist hier erfrischend ehrlich. „Die Antwort weiß ich nicht, ehrlich gesagt." Aber er hat eine Arbeitshypothese: „Mensch oder Maschine ist vielleicht nicht die richtige Frage. Mensch mit Maschine ist vielleicht die Lösung."
Denn auch bei Pictet ist die KI nicht völlig autonom. Der menschliche Einfluss zeigt sich auf zwei Ebenen: erstens bei der Modellentwicklung und der Auswahl der Trainingsdaten – denn auch hier gilt das Prinzip „garbage in, garbage out". Zweitens bei der Plausibilitätsprüfung des Outputs. „Es ist nicht so, dass die KI da vollkommen autonom ihre Entscheidung trifft und wild Aktien hin- und herhandelt", betont Frank. „Den menschlichen Oversight gibt es schon noch."
Einen interessanten Gedanken lieferte auch Christoph im Vorfeld des Gesprächs: Er hatte Blackrocks Head of Systematic Investment für EMEA und APAC gefragt, ob KI dazu führe, dass alle Asset Manager die gleichen Entscheidungen treffen. Die verblüffende Antwort: nein. Ähnlich wie bei der Einführung von Excel habe man damals befürchtet, alle würden dasselbe tun – tatsächlich habe es die Diversität erhöht. Bei KI, mit ihrer inhärenten Chaos-Komponente, werde das erst recht so sein.
Hier gibt es das Porträt über Ahmed Talhaoui von Blackrock
KI und das gute Leben: Reiserouten statt Reiseführer
Am Ende des Gesprächs wird es persönlich. Malte fragt Frank, wo KI auch privat das Leben erleichtert. Die Antwort ist charmant unspektakulär: Ein Kurzaufenthalt in Neu-Delhi, eine schnelle ChatGPT-Anfrage für die wichtigsten Sehenswürdigkeiten – fertig. „Man braucht also keine Reiseführer mehr mitzuschleppen und hat die KI immer mit dabei."
Es ist ein kleines, aber treffendes Bild für eine Technologie, die sowohl im Hochleistungs-Assetmanagement als auch im Alltag längst angekommen ist. Ob sie Portfolio-Manager ersetzen wird? Noch offen. Dass sie die Arbeit grundlegend verändert – in Redaktionen wie in Fondsgesellschaften – daran lässt diese Episode keinen Zweifel.
