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Neue Zwanziger Sind Krise, Rezession und Bärenmarkt nur das Warm-up?

Szene aus der US-Fernsehserie „Boardwalk Empire“: Die Goldenen Zwanzigerstanden für Aufbruch.
Szene aus der US-Fernsehserie „Boardwalk Empire“: Die Goldenen Zwanziger standen für Aufbruch. | Foto: imago images/Everett Collection

Manch einer hatte trotz Corona-Pandemie noch daran festgehalten, doch die Hoffnung scheint nunmehr verflogen. Das Bild der Goldenen Zwanziger bemüht heute fast niemand mehr. Zu stark wirkt der 24. Februar 2022. Seit an jenem Tag russische Panzer auf Kiew zurollten, herrscht Eiszeit zwischen Ost und West – mit erheblichen Folgen für die Weltwirtschaft. Tiefe Risse gehen durch das Gewebe des internationalen Handels. „Die ökonomischen und weltpolitischen Umstände lassen dieses Jahr als ein Unglücksjahr in der Weltgeschichte eingehen“, sagt etwa Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Inflation und Krieg in Europa sowie wachsende politische Spannungen verändern die Welt.

Folker Hellmeyer, Chefanalyst des Maklerpools Netfonds, bemüht die antike Philosophie, um ein Bild der aktuellen Lage zu zeichnen: „Frei nach Aristoteles – Struktur bestimmt Konjunktur und Konjunktur bestimmt Cashflows.“ Weltweit nimmt die wirtschaftspolitische Unsicherheit zu, wie der Chart unten zeigt. Für Hellmeyer eine Entwicklung zulasten des Westens: „Die Handelsbilanzen in Europa werden anfälliger. Das Bild dreht sich.“

 

Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, meint das wahre Problem Europas erkannt zu haben: „Das Leistungsprinzip leidet. Wir erleben eine gewisse spätrömische Dekadenz.“ Und er fordert: „Die Zinserhöhungen müssen ein Ende finden.“ Doch selbst wenn dies gelänge, werde 2023 ein schwieriges Wirtschaftsjahr. „Dabei leidet keine Region so sehr wie Deutschland.“ Schließlich stehe das Geschäftsmodell hierzulande auf dem Prüfstand: In den sieben Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die deutsche Wirtschaft, indem sie Rohstoffe und Energie günstig importierte, veredelte und in Form hochwertiger Produkte exportierte. Aber 2022 war Energie teuer und die Absatzmärkte waren schwierig. Geldpolitiker waren gefordert.

In den vergangenen Monaten sahen wir die größten und schnellsten Zinsanhebungen der Fed seit der Amtszeit von Paul Volcker. Seit Ende der 1970er-Jahre also, der bislang letzten großen Inflationsphase. Und wenn der Löwe brüllt, müssen die anderen folgen. In Europa müsse die Europäische Zentralbank ausbaden, wofür bislang der politische Wille fehlte, kritisiert Halver. „Die EZB wird vor den Karren einer Politik ohne klare Linie gespannt und bekommt die Rolle der eierlegenden Wollmilchsau auferlegt. Die Inflation wird aber nur mit Wattebällchen beworfen, nicht wirklich bekämpft.“ Der Realzins bleibe vor allem aus diesem Grund deutlich negativ – mit erheblichen Folgen für Wirtschaft, Verbraucher und Investoren.

Kater hingegen will die Schuld nicht allein den Notenbankern zuschieben. Er macht darauf aufmerksam, dass der harte Kern der derzeitigen Inflation bereits durch eine Überstimulierung der Volkswirtschaften in den Corona-Jahren 2020 und 2021 entstand. „In der richtigen Absicht, die Volkswirtschaften in Zeiten der pandemiebedingten Einbrüche zu stabilisieren, ist insbesondere die US-Regierung über das Ziel hinausgeschossen“, sagt er. Die durch die Konjunkturprogramme hervorgerufene Nachfrage habe die Produktionskapazitäten der Weltwirtschaft überfordert. Gleichzeitig hätten die Lockdowns für massiven Druck auf der Angebotsseite gesorgt – eine giftige Melange. Die sich aber überraschend schnell verdünnisiert.

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