Die Hamburger Investorentage, abgekürzt HIT, sind eine feste Einrichtung für Nebenwerte-Investoren im deutschsprachigen Raum. Auf dem Branchen-Event, das die Privatbank Donner & Reuschel und das Analysehaus Montega jetzt zum zehnten Mal ausrichteten, treffen potenzielle Geldgeber auf börsennotierte Small- und Midcap-Unternehmen: Emittenten können sich hier auf die Suche nach Beteiligungs- oder Fremdkapital machen, Investoren halten Ausschau nach Investmentideen. Oder sie nutzen die Gelegenheit, mit dem Management ihrer Portfolio-Positionen offene Fragen zu klären.
Auf dem jüngsten Treffen Ende August im Scandic Emporio Hamburg haben wir Christoph Gebert von der Lübecker Fondsboutique Ehrke und Lübberstedt zum Gespräch gebeten. Er managt den Nebenwerte-Fonds Acatis Fair Value Deutschland (ISIN: LU0158903558). Im Interview verrät der Investmentprofi, was die Small- und Midcap-Welt in seinen Augen so besonders macht – und worauf er beim Investieren besonderen Wert legt.
DAS INVESTMENT: Sie beobachten seit mehr als 20 Jahren das Universum der hiesigen Small- und Midcap-Unternehmen. Kennen Sie jedes einzelne hier vertretene Unternehmen?
Christoph Gebert: Wenn man 20 Jahre lang dabei ist, hat man den Anspruch, alle Unternehmen einmal gesehen zu haben. Unternehmen, die neu an die Börse kommen, lernt man natürlich erst einmal kennen.
Wie gelingt es, das gesamte deutsche Nebenwerte-Universum im Blick zu behalten?
Gebert: Einige Unternehmen verfolgt man intensiver, weil man das Geschäftsmodell spannend findet. Bei anderen sieht man vielleicht alle fünf Jahre nach, ob sich mittlerweile etwas getan hat, das interessant für die eigene Strategie ist.
Lassen Sie sich hier in Hamburg auch inspirieren?
Gebert: Ich setze mich auf den HIT weniger in Gruppenpräsentationen, sondern plane im Voraus, welche Unternehmen ich treffen und welche Themen besprechen möchte. Die Unternehmen, die auf den HIT vertreten sind, kenne ich meist alle. Teils spreche ich hier mit dem Management von Unternehmen, in die ich schon investiert bin. Teils verfolge ich auch neue Ideen, die zukünftig spannend sein können.
Sie haben mit vielen unterschiedlichen Geschäftsmodellen zu tun. Wie gut kennen Sie sich in all den Businesses aus?
Gebert: Ich bin kein Industrie-Experte, sondern Generalist. Man muss aber alle Branchen einschätzen können. Im Laufe der Zeit lässt sich eine gute Grundexpertise erarbeiten. Hilfreich ist die 20-jährige Erfahrung, man hat die Unternehmen schon oft gesehen. In hierzulande wichtigen Branchen wie der Automobilindustrie entwickelt man im Laufe der Jahre ein gewisses Industrieverständnis.
„In solche Themen muss man sich in der Tat eingraben“
Wie wählen Sie Unternehmen für Ihr Portfolio aus?
Gebert: Ich sehe mir an, was ein Unternehmen macht, in welcher Branche es tätig ist, welches die wichtigsten Treiber dort sind. Ich sehe mir auch die Wertschöpfungskette an. In der Halbleiterindustrie zum Beispiel beginnt es mit dem Rohstoff Polysilizium. Maschinenhersteller wie PVA bauen Anlagen, mit denen sich aus geschmolzenem Material Kristalle züchten lässt. Es gibt Siltronic, die daraus Scheiben schneidet. Aus den Wafer-Rohlingen wird dann ein Halbleiter hergestellt, der zum Beispiel zur Steuerung der Rotorblätter bei einem Windkraftrad zum Einsatz kommt. In solche Themen muss man sich in der Tat eingraben.
Wenn man sich so viele Unternehmen angesehen, mit dem Management gesprochen und Firmenklima erschnuppert hat: Entwickelt man im Laufe der Zeit ein Bauchgefühl für vielversprechende Unternehmungen?
Gebert: Das ist ein wichtiger Baustein meines Investmentansatzes. Ich achte auf drei Faktoren: Das erste ist das Geschäftsmodell, das zweite die Management-Qualität. Ich habe kein Scoring-Modell, mit dem ich sie messe, entscheidend ist tatsächlich das Bauchgefühl. Wenn man viele kritische Fragen stellt, bekommt man ein Gespür dafür, ob der Gesprächspartner für das Unternehmen brennt. Auch der Track Record ist entscheidend. Viele Manager hat man schon ein Dutzend Mal getroffen, so dass es sich abgleichen lässt: Was wurde vor fünf Jahren gesagt, was heute? Mir ist auch wichtig, wie gut das Management erreichbar ist, wenn ich einmal hinterhertelefoniere. Rufen die Unternehmen zurück, gehen sie auf Fragen ein? Sind sie auch noch ansprechbar, wenn etwas schlecht läuft, oder verstecken sie sich dann? Ist bei Unternehmensbesuchen genügend Zeit, um auch mal den Werksleiter kennenzulernen? Ich entwickele schnell ein gutes Gespür für Menschen, so dass ich sie einschätzen kann.

