So düster wie in den 80ern

Stimmung am US-Aktienmarkt am 30-Jahres-Tief

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Die Kosten für eine Absicherung gegen Verluste am Aktienmarkt klettern, die Bewertungen sinken, und der Pessimismus unter den Verfassern von Aktien-Informationsblättern steigt so stark wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr. All das ist jedoch kein Grund zur Sorge. Nimmt man die historische Entwicklung als Basis, sind dies gute Nachrichten für Aktien-Optimisten. Seit 1963 hat die US-Aktienbenchmark Standard & Poor’s 500 in den Jahren, nach denen Newsletter- Verfasser in einer Umfrage von Investors Intelligence sich so pessimistisch zeigten wie aktuell, jeweils durchschnittlich elf Prozent zugelegt, wie Bloomberg-Daten zeigen. Die annualisierte jährliche Rendite des Indexes liegt bei 8,3 Prozent. Die seit 2009 laufende Rally war von Skepsis geprägt - und diese Skepsis ist möglicherweise ein Vorteil für die Aktien zu einem Zeitpunkt, an dem die Unternehmensgewinne sinken, die Besorgnis hinsichtlich Chinas zunimmt, die Preise für Öl und Rohstoffe einbrechen und die Fed die weltweiten Wachstumsaussichten pessimistischer beurteilt. Einige Händler sehen inzwischen schon Einstiegschancen, nachdem der S&P 500 erstmals seit vier Jahren von einem Hoch um zehn Prozent zurückgerudert ist. „Eine so stark angezweifelte Konjunkturerholung und ein so deutlich bezweifelter Bullenmarkt ist mir in meiner Karriere noch nicht begegnet“, sagt Bob Doll, Chef-Aktienstratege bei Nuveen Asset Management in Chicago. „Die Nervosität bedeutet, dass viele Leute sich zurückgezogen haben. Die Frage ist, wer ist noch Verkäufer? Jeder mit Barmitteln ist ein potenzieller Käufer.“ Aktuell regiert die Angst am Markt und breitet sich so schnell aus wie zuletzt 1984. Im August brach der S&P 500 über vier Tage zehn Prozent ein. Anfang September lag das Verhältnis von Optimisten zu Pessimisten in der Umfrage von Investors Intelligence unter den Verfassern von Newslettern bei 0,9 auf einem Vierjahrestief. Im April, als der Markt auf ein Allzeithoch zusteuerte, erreichte der Wert 4,1. Seit Jahresbeginn hat der S&P 500 4,5 Prozent eingebüßt. Von seinem Rekordhoch bei 2130,82 Punkten im Mai ist er 7,7 Prozent gesunken.
Auch bei Optionshändlern und spekulativ orientierten Investoren herrscht Pessimismus vor. Die Kosten für Verkaufsoptionen zur Absicherung gegen einen Rückgang des S&P 500 um zehn Prozent sind am 24. August im Verhältnis zu Kontrakten, die auf ein Plus von zehn Prozent im Index setzen, auf ein Rekordhoch gestiegen, wie Bloomberg-Daten zeigen. Inzwischen ist der Abstand auf 12,76 gesunken, liegt aber immer noch 30 Prozent höher als vor drei Monaten und höher als zu 99 Prozent der Zeit seit März 2005. Im Terminbereich übertrifft die Zahl der Futures, die auf einen Rückgang beim S&P 500 setzen, die Zahl der Kontrakte auf einen Anstieg so stark wie seit drei Jahren nicht mehr, belegen Daten der US-Terminmarktaufsicht CFTC. Die Leerverkaufspositionen sind Daten der US-Börsen zufolge auf dem höchsten Niveau seit 2009.
„Wenn alle pessimistisch sind und jeder leerverkauft und sich absichert, ist das im allgemeinen ein Kontra-Indikator“, erklärt David Kalis, Co-Investmentchef bei Calamos Investments in Naperville, Illinois. „Die Marktteilnehmer haben sich bereits negativ positioniert, und wenn es richtig läuft, kann der Markt eine starke Bewegung hinlegen.“ Zuletzt war die Stimmung 1984 so schlecht wie heute. Damals stand der S&P 500 kurz vor dem Abschluss einer neunmonatigen Talfahrt, die von einer Serie von Zinserhöhungen durch die Fed unter ihrem damaligen Präsidenten Paul Volcker überschattet wurde. Nachdem die Fed im Oktober mit Zinssenkungen begann, stiegen die Aktienkurse über die nächsten fünf Jahre. Einige Analysten zeigen sich auch jetzt optimistisch. Trotz der Belastung der Unternehmensgewinne im laufenden Jahr durch den fallenden Ölpreis und den starken Dollar rechnen sie für die nächsten beiden Jahre mit einer Erholung bei den Gewinnen, wie aus von Bloomberg zusammengestellten Analystenprognosen hervorgeht. Die Sorgen hinsichtlich Chinas und der Schwellenländer „werden sich in den nächsten sechs bis 12 Monaten wahrscheinlich als deplatziert erweisen, weil das zugrundeliegende Bild nicht so düster ist, wie die Sorgen der Leute aktuell andeuten“, erläutert Jason Pride, Direktor Investmentstrategie bei Glenmede in Philadelphia. „Die Korrektur führt bei den Marktteilnehmern zu der Einschätzung ’ich bin nicht mehr so optimistisch wie vor zwei Monaten’, während tatsächlich die Bewertungsperspektive ist ’alles ist billiger, daher sollte es uns jetzt besser gefallen’.“

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