Ladestation für E-Autos in Hamburg Foto: Imago Images / Xim.gs

Schub am Markt

So entwickeln sich Angebot und Nachfrage nach Lithium

Die Mobilitätswende ist im vollen Gange. 2020 haben die Verkaufszahlen von E-Fahrzeugen allein in Europa um 140 Prozent zugelegt. Ambitionierte Ankündigungen aus der Klimapolitik und aus der Automobilindustrie wie etwa von VW, bis 2030 70 Prozent seines europäischen Absatzes durch E-Autos abzudecken, geben diesem Trend weiteren Schub. Bei der Umsetzung der hochgesteckten Ziele ist die Batteriezellenproduktion und die ihr zugrundeliegende Rohstoffversorgung mit Lithium ein kritischer Kernfaktor. Doch wie sieht es auf dem Lithiummarkt aus?    

Klimainitiativen kurbeln Lithium-Nachfrage an   

EU-Vizepräsident Maroš Šefčovič geht in einem Bericht der Zeitung „Faz“ aus dem September 2020 davon aus, dass der Bedarf an Lithium angesichts der globalen Herausforderungen im Zuge des Klimawandels bis zum Jahr 2030 18-Mal und 2050 60-Mal so hoch liegen wird. Die Automobilindustrie, die ihren Teil zum Erreichen der Ziele des Pariser Klimaabkommens beitragen will und muss, setzt mehr und mehr, unterstützt von der Politik, auf E-Mobilität. Der Strategieschwenk vom Verbrennungsmotor zum E-Antrieb kommt für den gesamten Sektor einer Revolution gleich und wirft insbesondere bei der Produktion der E-Batterien komplexe Fragen des Ressourcenmanagements auf.

Denn für die Batterieproduktion benötigt werden beträchtliche Mengen an Lithiumhydroxid, einem chemischen Folgeprodukt von Lithium. War der Lithiummarkt bis vor einigen Jahren wenig vorhersehbar und besonders empfänglich für kurzfristige Kursschwankungen, scheint sich der Wert des Rohstoffs als Folge des Mobilitätswandels nunmehr solide auf einem hohen Niveau zu stabilisieren. Das Marktwachstum für Lithium ist angesichts der eindeutigen Impulse aus Politik und Wirtschaft planbarer geworden, die große Bedeutung von Lithium für die Energiewende zunehmend anerkannt.   

Angebotsüberschüsse bei Lithium wie noch 2019 sind für die Zukunft nicht mehr zu erwarten. Im Unterschied zu damals ist das Commitment der Automobilhersteller zur E-Mobilität klar und deutlich und schlägt sich in einer Vielzahl von Projekten nieder, in die die Fahrzeugproduzenten selbst investiert sind. Um die Fabrikation von Batteriezellen voranzutreiben, finden sich die Schwergewichte der Branche in zahlreichen Kooperationen zusammen. Ob VW und Northvolt, Mercedes-Benz und Farasis, BMW und CATL - das Netzwerk industrieller Partnerschaften beim Ausbau der Batteriekapazitäten verdichtet sich. Doch erst mit einer konstanten Zufuhr an Lithiumhydroxid können die neuen Fertigungsstätten ihr ganzes Produktionspotential ausschöpfen.

Daher bleibt eine große Frage: Kann der Lithium-Supply der Geschwindigkeit beim Ausbau der Batteriezellenproduktion in Europa standhalten? Denn anders als es die gestraffte Roadmap der Konzerne für die Transformation vermuten lässt, ist die Aufbereitung von Lithium ein komplexer und zeitaufwendiger Prozess. In einem Erzkörper oder einer Salzsole macht der Anteil von Lithium meist nur 0,1 bis ein Prozent aus. Diesen Anteil gilt es durch mechanische und chemische Verfahren auf bis zu 99,9 Prozent zu steigern, damit das Lithium schließlich als Grundlage der Kathodenproduktion, des Kernbestandteils der E-Batterie, taugt. Doch es fehlt außerhalb Chinas an Raffinerien, die diesen anspruchsvollen Prozess bewerkstelligen können.

Der verhältnismäßig geringe und instabile Lithiumpreis vergangener Jahre hat dazu geführt, dass wichtige Investitionen in die industrielle Infrastruktur für die Verfeinerung des Lithiumrohstoffs ausgeblieben sind. Doch auch wenn dieses Defizit jetzt erkannt und bei den strategischen Planungen zur Mobilitätswende berücksichtigt wird, sind Engpässe angesichts der Komplexität derartiger Raffinationstechnologien bereits vorgezeichnet.  Eine intensive Forschungstätigkeit vorausgesetzt, kann der Bedarf an Raffineriekapazität voraussichtlich und auf lange Sicht durch Recycling-Methoden gebrauchter E-Batterien etwas kompensiert werden. Doch bis überhaupt ausreichend Batterien auf dem Markt sind, muss der Grundbedarf an Lithium und seinen Folgeprodukten für die ersten großen Schritte Richtung Mobilitätswende zuvor sichergestellt werden. Neue, auf die Verarbeitung des Lithiums spezialisierte Raffinerien, sind daher für den Industriestandort Europa unumgänglich.  

In dem Mangel an guten Lithiumprodukten liegt die wahrscheinlich größte Herausforderung für den europäischen Fahrzeugmarkt der näheren Zukunft. Denn derzeit wird über 80 Prozent des so zentralen Lithiumhydroxids in Raffinerien in China hergestellt. Vergleichbare Anlagen fehlen in der EU bislang. Will Europa eines seiner größten wirtschaftspolitischen Projekte dieses Jahrzehnts nicht von ausländischen Belieben abhängig machen, braucht es in dieser Hinsicht eine eigene industrielle Infrastruktur, die eine hochqualitative Materialversorgung für die Produktion von E-Wagen sicherstellen kann. Die jüngsten Initiativen der deutschen Autobauer, die auf den Standort Deutschland setzen, und auch die Lieferengpässe im Zuge der Pandemie zeigen, dass Regionalisierungsstrategien neu bewertet werden und werden müssen. Der Grad europäischer industrieller Souveränität wird auch im Lithiumgeschäft entschieden. Europa tut gut daran, eine solide Versorgung von Lithium und seiner Folgeproduktion anzustreben.

Über den Autor: Dirk Harbecke ist CEO von Rock Tech Lithium

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