So modelliert die DAV eine funktionierende Rentenversicherung
Vorschlag von AktuarenDAV:Sokanneine Rentenversicherung nachhaltigfunktionieren
Ein bekanntes Dilemma der Altersvorsorge: Menschen können länger leben als ihr zurückgelegtes Geld reicht. Die Deutsche Aktuarvereinigung macht dafür einen Lösungsvorschlag.
Die Deutsche Aktuarvereinigung hat ihre Idee für eine nachhaltige Rentenversicherung vorgestellt.| Bildquelle: Imago Images / NurPhoto
„Solidarische Rentenversicherung“ statt „Vererbungslotterie“: Mit diesen Schlagworten im Gepäck präsentierte die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) einen Vorschlag für eine nach ihren Berechnungen nachhaltig stabil funktionierende private Altersversorgung.
Aktuare sind Spezialisten, die gesellschaftliche Herausforderungen in mathematische Berechnungen zerlegen. Sie analysieren Daten, bewerten Risiken und konstruieren auf dieser Basis Versicherungstarife. Dabei schauen sie gesellschaftlichen Entwicklungen auf den Grund, ziehen praktische Schlüsse und bringen ihre Erkenntnisse – jedenfalls soweit es die DAV betrifft – auch an die Öffentlichkeit. Bewiesen hat das einmal mehr das Jahrespressegespräch des Vereins.
Jürgen Bierbaum, Vizevorsitzender beim DAV, stellte dort ein Modell einer privaten Altersvorsorge vor, das gleich mehrere Fragen lösen soll, vor denen Vorsorgesparer regelmäßig stehen.
Individueller Auszahlungsplan als „Vererbungslotterie“
„Eine Antwort, die in letzter Zeit sehr en vogue ist, ist der individuelle Auszahlplan“, so Bierbaum. Das Konzept, das gerade der Bankenvertrieb aktuell hochhält, stößt bei dem DAV-Experte allerdings auf Kritik: Ein individuell abgeschlossener Auszahlplan lasse sich kaum so gestalten, dass das Geld exakt bis zum Lebensende reiche.
Das Problem liege im sogenannten Langlebigkeitsrisiko („Viele können das Wort nicht mehr hören“, räumt der DAV-Vize ein). Werde ein Auszahlungsplan so berechnet, dass das Geld einfach die statistische Lebenszeit abdecke, würden Vorsorgesparer, die älter als der Durchschnitt werden, nach diesem Zeitpunkt ohne weitere Rücklagen dastehen.
In einer Modellberechnung geht der DAV beispielhaft von einem individuellen Auszahlungsvertrag aus, der Menschen im Alter von 65 über 20 Jahre lang Geld ausschüttet. Bei einem Grundstock von 100.000 Euro wären das bei 4 Prozent Rendite jährlich rund 6.000 Euro, mit leichter Steigerung aufgrund der Inflation.
„Wenn ich früh sterbe, vererbe ich Geld an Angehörige. Wenn ich lange lebe, muss der Staat oder müssen meine Kinder für mich aufkommen“, erläutert Bierbaum plastisch das Dilemma. Hinzu komme das Kapitalmarktrisiko: Bei einem ungünstigem Wertverlauf der Kapitalanlage wäre das Geld noch früher verbraucht als geplant. Bierbaum spricht von einem „Lotteriecharakter“ – sowohl bezüglich der Kapitalmarktrenditen als auch der individuellen Lebensdauer.
Solidarische Rentenversicherung als Lösung
Eine Lösung modelliert die DAV mit dem Vorschlag einer „solidarischen Rentenversicherung“ (Grafik). Diese sieht vor, in Kurzfassung: Wer stirbt, vererbt das verbleibende Geld aus seiner Absicherung an alle anderen Auszahlungsempfänger. „Dadurch reicht das Kapital länger“, erklärt Bierbaum.
Das System Rentenversicherung ließe sich neben dem Kollektivgedanken ebenso durch einen Fokus auf höhere Renditen weiter optimieren. Nach Geschmack des DAV sollten dafür die bestehenden Auszahlungsgarantien gelockert werden: „Es wäre durchaus denkbar, eine chancenreichere Kapitalanlage zuzulassen“, skizziert Bierbaum. Aber: „Ich müsste dann auch akzeptieren, dass diese Renten etwas stärker schwanken dürfen.“
Was dem entgegensteht: Stand heute werde das deutsche Steuerrecht so ausgelegt, dass entsprechende Auszahlungen nicht schwanken dürften, gibt der DAV-Experte zu denken. In Verträgen zur betrieblichen Altersvorsorge müssten sie sogar ausdrücklich steigen. Wenn Garantien jedoch flexibilisiert und moderate Schwankungen zugelassen würden, malt Bierbaum aus, dann ließen sich mit dem eingebrachten Kapital auch potenziell höhere Gewinne erwirtschaften.
Aufgeweichte Garantien, kombiniert mit der Idee eines solidarischen Kollektivs: „Am Ende hätte ich dann eine bessere Altersvorsorge für alle – und den Staat kostet das keinen Pfennig“, so der Experte.
Anpassungen im Steuerrecht erforderlich
Bierbaum fasst den Vorschlag der Deutschen Aktuarvereinigung zusammen: „Ich kann eine Leibrente konstruieren, die so hoch ist wie ein Auszahlplan in den ersten 20 Jahren. Und die danach immer noch weiter steigt und lebenslang reicht.“ Auf die Lebensdauer des Einzelnen müsste dann nicht mehr spekuliert werden. „So ist das Einkommen lebenslang gesichert“ – eine „offensichtliche Verbesserung“ gegenüber einfachen Auszahlplänen, wirbt Bierbaum.
Er räumt ein: Damit das DAV-Modell umsetzbar wäre, müssten sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern. Insbesondere im Steuerrecht: Um eine chancenreichere Kapitalanlage bei reduzierten Garantien möglich zu machen, müsste steuerlich akzeptiert werden, dass Rentenauszahlungen nicht in Stein gemeißelt sind, sondern in einem begrenzten Umfang auch schwanken dürfen.
Damit ist der DAV-Vorschlag aktuell zwar nicht umsetzbar. „Aber es ist machbar“, glaubt Bierbaum.
Iris Bülow ist Redakteurin Print und Online bei DAS INVESTMENT und dem private banking magazin. Dort beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit Fonds, Finanzberatung und Regulierung. Vorher war sie mit Schwerpunkt Wirtschaft und Steuern für einen Hamburger Fachverlag tätig gewesen. Redaktionelle Erfahrung hat sie außerdem bei einem wissenschaftlichen Institut für internationale Schulbuchforschung gesammelt. Bülow hat Geschichte, Slavistik und Osteuropawissenschaft (VWL) an der Universität Hamburg studiert.
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