Europäische Zentralbank in Frankfurt Foto: IMAGO / Patrick Scheiber

Starthilfe für die Börse

So prüfen Finanzberater die Risikobereitschaft ihrer Kunden

Immer mehr Banken kassieren von Sparern mit mehr als 100.000 Euro jetzt Negativzinsen. Das bringt für viele das Fass zum Überlaufen: Sie sehen sich zu schlechten Kunden degradiert, verlassen ihre Banken und wollen an der Börse anlegen. Gut so. Allerdings sollten Investoren jetzt nicht aufs Geratewohl Fonds und Aktien kaufen. Denn: Das neue Depot muss zu Zielen und Vermögen passen.

Der Hang der Deutschen zu Sparbuch und Girokonto ist weltbekannt. Während andere Nationen einen Teil ihres Vermögens an den Aktienmärkten investieren, scheuen die meisten Deutschen das Risiko, das mit Kursschwankungen einhergeht. Daran konnten seit Jahren weder die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) noch die realen Minus-Erträge von Girokonto und Sparbuch etwas ändern. Viele nahmen es achselzuckend hin, dass sie unterm Strich jedes Jahr Kaufkraft verlieren. Ihr Credo: „Immer noch besser, als an der Börse alles zu riskieren.“

Damit ist es nun vorbei. Viele Sparer sind im Zuge der Corona-Krise sozusagen erwacht. Drei Gründe gibt es. Erstens: Als Reaktion auf den Wirtschaftseinbruch wurden die Zentralbank-Geldmengen (M1) unglaublich ausgeweitet. Allein die bedeutendsten vier Notenbanken haben das geldwerte Vermögen in wenigen Monaten von 15 auf 23 Billionen US-Dollar explodieren lassen – ein Zuwachs von über 50 Prozent und so viel wie nie seit dem zweiten Weltkrieg. Zweitens geben die Regierungen hohe Summen aus, um Unternehmen und die Einkommen jener zu stabilisieren, die von Staats wegen nicht arbeiten dürfen. Beides schürt die Angst vor Inflation, die sich bereits in steigenden Rohstoffpreisen abzeichnet. Und drittens bestrafen Banken vermögende Sparer, indem sie ihnen ein sogenanntes Wertaufbewahrungsentgelt aufbrummen – damit ist der Schmerzpunkt überschritten.

Viele merken jetzt: Geld bringt ihnen zwar Liquidität, aber kein Geld mehr. Sie werden dafür sogar noch zur Kasse gebeten. Für sie lautet die Parole nun „Jetzt reicht’s, ich will investieren“. Wir spüren diesen Trend in vielen Anfragen an unsere Vermögensverwaltung. Darüber freuen wir uns nicht nur aus Eigeninteresse. Wir begrüßen auch, dass sich die frischgebackenen Anleger nicht aufs Geratewohl Fonds oder ETFs ins Depot packen und womöglich vor allem auf Trendthemen setzen. Viele wissen, dass es dabei auf ein solides Fundament, breite Streuung und einen langen Atem ankommt. Und sie wünschen sich jemand, mit dem sie sich über ihre Geldanlage austauschen können.

Unerfahrene Investoren sollten einem klar strukturierten Prozess folgen, um das passende Portfolio zu entwickeln. Unabhängige Vermögensverwalter prüfen dabei folgende Punkte:

  • Welches Risikoprofil liegt vor? Ist Risiko eher eine Gefahr oder eine Chance? Stehen bei finanziellen Entscheidungen eher mögliche Gewinne oder eventuelle Risiken im Mittelpunkt? Welcher prozentuale Rückgang ist akzeptabel?
  • Wie ist Vermögen strukturiert? Zum Vermögen gehört nicht nur der liquide Teil, also Girokonto, Tagesgeld, Fonds, Aktien, Edelmetalle et cetera. Auch (Miet-) Immobilien sowie Unternehmensbeteiligungen, in denen Geld auf Dauer gebunden ist, zählen dazu. Eventuell schlummert hier Potenzial, um ein Stück weit offensiver und diversifizierter anzulegen. Wer etwa zwei oder drei Mietimmobilien besitzt, kann eine oder zwei veräußern, um in Aktien und andere Sachwerte zu investieren. Das erhöht die Renditechancen und senkt das Risiko durch einen geringeren Fokus auf Immobilien.
  • Welches Portfolio passt? Erst nach diesen beiden Schritten lässt sich ein vernünftiges Portfolio entwerfen. Darin sind die verschiedenen Anlageklassen wie Aktien, Edelmetalle, Anleihen, Immobilien so vertreten, dass das Depot gleichermaßen zu Persönlichkeit, Zielen und Möglichkeiten passt. Wer anderes behauptet, dürfte vor allem am Verkauf von Produkten interessiert sein, aber nicht am finanziellen Wohlergehen seiner Kunden.

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