- Wie wird das Börsenjahr 2023? Seite 1
- Felix Schleicher: „Schwellenländer könnten vor einer Wiederentdeckung stehen.“ Seite 2
- Alex Rauchenstein: „In unseren Augen muss man sich nicht beeilen, bei den Tech-Schwergewichten einzusteigen.“ Seite 3
- Guido Hoheisel und Christian Müller: „Aufholpotenzial sehen wir bei den stark gebeutelten Nebenwerten.“ Seite 4
- Gottfried Urban: „Das Wort des Jahres „Zeitenwende“ passt wahrscheinlich für das ganze Jahrzehnt.“ Seite 5
- Volker Schilling: „Technologieaktien werden im kommenden Jahrzehnt eher unterdurchschnittlich abschneiden.“ Seite 6
- Heiko Böhmer: „Investoren sollten in das neue Jahr mit einem ausreichenden Sicherheitspolster in Form von Cash starten.“ Seite 7
Felix Schleicher: „Schwellenländer könnten vor einer Wiederentdeckung stehen.“
Felix Schleicher ist Fondsmanager des MMT Global Value. Nach Abschluss seines Studiums in Bayreuth und Bamberg war er von 1990 bis 2007 bei der Fiduka Depotverwaltung GmbH (mitbegründet von André Kostolany) beschäftigt. In den MMT-Fonds kauft der Experte antizyklisch günstige Unternehmen von hoher Qualität die großes Kurspotenzial erwarten lassen. In seinen Analysen stützt sich der Experte auf die Erkenntnisse der Value-Legenden Warren Buffett, Benjamin Graham und André Kostolany. Das Portfolio ist mit rund 40 bis 45 Einzeltiteln konzentriert. Zu den Top-Werten Schleichers zählen derzeit Micron Technology, BASF, Porsche und General Electric.
DAS INVESTMENT: Das Börsenjahr 2022 war von Unsicherheit und hohen Schwankungen geprägt. Wie sind Sie als Fondsmanager durch diese schwierige Zeit gekommen?
Felix Schleicher: Stand heute werden wir mit unserem MMT Global Value Fonds das extrem schwierige Jahr 2022 mit einem Zuwachs abschließen. Selektive Aktienauswahl hat sich endlich wieder gelohnt, zuvor jahrelang vernachlässigte Titel wurden teilweise wiederentdeckt. So gesehen sind wir dankbar und glücklich, wie es gelaufen ist.
Welche Investments liefen in diesem Jahr besonders gut, wo haben sie daneben gelegen?
Schleicher: Entscheidend waren in diesem Jahr Investments aus dem Bereich Öl und Gas, die hohe Zuwächse erzielen konnten. Wir hatten Aktien von Ölproduzenten, Service-Unternehmen und Tankerbetreiber im Portfolio, die die zahlreichen „Flops“ ausgeglichen haben. Zyklische Aktien wie Continental oder BASF haben wir zu früh gekauft, auch unsere Investments in Schwellenländern haben Geld gekostet.
Worüber haben sie sich im Jahr 2022 am meisten geärgert?
Schleicher: Geärgert habe ich mich in den letzten Jahren zur Genüge über die wilden Spekulationen in Kryptowährungen oder Technologieaktien oder auch über die Negativzinsen. Das Jahr 2022 hat einiges wieder ins Lot gerückt, so gesehen hatten wir wenig Grund zum Ärgern bezüglich der Finanzmärkte. Am meisten geärgert habe ich mich noch über Chinas Sturheit in der Corona-Bekämpfung und der ungesunden Machtfülle für Präsident Xi.
Die Quartalsberichte, gerade einiger Tech-Schwergewichte, haben enttäuscht und die Aktien in den Renditekeller geschickt. Sind die Bewertungen nun wieder auf einem normalen Niveau angekommen oder gibt es hier weiteres Abwärtspotenzial?
Schleicher: Tech-Schwergewichte wie Alphabet, Alibaba, PayPal oder Meta sind tatsächlich günstig geworden nach Kursrückgängen um bis zu 80 Prozent. Wir haben Anfangspositionen gekauft in dem Bewusstsein, dass die Bewertungen natürlich noch niedriger gehen können. Die Geschäftsmodelle sind aber offensichtlich intakt, die Aktien waren nur in fast jedem Portfolio hoch gewichtet, was nicht gesund ist.
Worauf müssen Anleger im kommenden Jahr achten? Wie ist ihr Ausblick?
Schleicher: In Zeiten von stark negativen Realzinsen bleiben Anleihen unseres Erachtens wenig aussichtsreich. Solide Aktien bleiben erste Wahl bei der Geldanlage, vor allem solche mit hohen und stabilen Dividenden. Die lange vernachlässigten Schwellenländer könnten vor einer Wiederentdeckung stehen, auch ein Comeback der Edelmetalle wäre nicht überraschend. Selektiv ist 2023 sehr chancenreich, wir gehen voller Zuversicht in das neue Jahr.
