Unter den Mag 7 hat sich Nvidia auf Sicht von drei Jahren mit einem Plus von mehreren Hundert Prozent mit Abstand am besten entwickelt. Am schlechtesten lief es für Microsoft. Die Aktie blieb – gemessen am S&P 500 – hinter dem breiten Markt zurück und notiert, verglichen mit dem Jahresanfang, sogar im Minus.
Der Grund für diese divergierende Entwicklung liegt auf der Hand: Anleger bevorzugen derzeit Unternehmen, die unmittelbar vom Boom der Künstlichen Intelligenz (KI) profitieren. Die Hersteller von Software sind dagegen von KI bedroht. KI-Agenten übernehmen zunehmend das Programmieren. Gleichzeitig sind viele Software-Aktien inzwischen deutlich günstiger bewertet, was Chancen für eine Aufholbewegung eröffnet.
Der KI-Boom erzeugt eine unmittelbare Nachfrage nach Chips und Rechenzentren. Jede KI-Anwendung benötigt Rechenleistung, GPUs, Netzwerkequipment und Server. Das kommt den Hardware-Herstellern direkt in Form von Umsatz- und Gewinnwachstum zugute. Ein Beispiel ist Broadcom. Das Unternehmen profitiert stark von KI-Chips und Netzwerkkomponenten für Hyperscaler. Auch Infrastruktur-Zulieferer, wie etwa Server- und Rechenzentrumsanbieter, verzeichnen eine starke Nachfrage.
Sichtbare Gewinne statt Zukunftsversprechen
Bei Hardware-Konzernen schlagen KI-Investitionen sich bereits heute in Umsatz und Gewinn nieder. Aktuell honorieren Anleger messbare Cashflows stärker als langfristige Fantasie. Hochleistungschips, Speicherlösungen und Netzwerktechnik sind nach wie vor knapp. Das stärkt die Margen und die Verhandlungsmacht der führenden Anbieter.
Wie im Goldrausch verdienen oft die Ausrüster zuerst. Damals lieferten sie die Schaufeln an die Goldgräber. Im KI-Zyklus sind es die Chipdesigner, Netzwerkausrüster und Rechenzentrums-Lieferanten, die das große Geschäft machen.
Bei den Software-Anbietern gibt es hingegen Zweifel am Tempo der Monetarisierung von KI. Anleger hinterfragen, ob und wann sich die milliardenschweren Investitionen auszahlen werden. Zwar integrieren viele Software-Firmen KI schnell, verdienen damit aber noch nicht proportional mehr Geld. Anleger fragen sich: Steigen Preise und Margen wirklich? Zudem könnten KI-Agenten Teile klassischer SaaS-Produkte ersetzen oder Preisdruck erzeugen. Genau diese Sorgen belasteten zuletzt US-Software-Werte erneut.
Höhere Bewertungen abgebaut
Lange Zeit handelte es sich bei Software um ein Premium-Segment. Doch seitdem die Zinsen wieder steigen, achten Investoren mehr auf Profitabilität als auf Wachstum um jeden Preis.
Gleichzeitig sind durch die insgesamt schwache Kursentwicklung der entsprechenden Aktien die Bewertungen deutlich gesunken. Viele Qualitäts-Software-Werte sind heute günstiger zu haben als in den Jahren 2020 und 2021. Das verbessert das Chance-Risiko-Verhältnis.
Nun folgt die zweite Phase des KI-Zyklus. Auf die Infrastruktur folgt in der Regel die Anwendungsphase. Wenn Unternehmen KI produktiv einsetzen, profitieren Software-Anbieter von neuen Modulen, höheren Preisen, verbesserter Produktivität beim Kunden und gestiegenen Wechselkosten. Dies mündet häufig in wiederkehrenden Erlösen, wodurch sich die Attraktivität dieser Aktien erhöht. SaaS-Modelle mit Abo-Umsätzen bleiben strukturell attraktiv. Sobald das Wachstum wieder anzieht, könnte Kapital in den Sektor zurückfließen.
Ausblick für die nächsten zwölf Monate
In den kommenden zwölf Monaten sind verschiedene Szenarien denkbar. Erstens könnte sich der Hardware-Sektor weiter stark entwickeln. Wenn Hyperscaler weiterhin massiv investieren, bleiben Nvidia, Broadcom und Co. gefragt. Es ist aber auch eine Rotation in Software möglich. Sobald die Zinssorgen sinken oder Anleger nach günstigeren Wachstumswerten suchen, könnten Software-Titel aufholen.
Ein Entweder-oder-Szenario scheint jedoch nicht das Wahrscheinlichste zu sein, sondern eine breitere Tech-Rallye: Hardware entwickelt sich weiterhin solide, Software holt jedoch relativ auf. Für Anleger bedeutet dies, dass sie nicht nur auf die bisherigen Gewinner setzen sollten. Klar ist: Hardware-Titel bleiben Kernprofiteure des KI-Ausbaus. Gleichzeitig bieten jedoch viele Software-Aktien nach Bewertungsrückgängen wieder attraktives Potenzial. Ein ausgewogenes Depot, das beide Bereiche abdeckt, erscheint ratsam.
Anleger, die ausschließlich auf Hochleistungs-Halbleiter setzen, könnten die nächste Aufholbewegung im Softwarebereich verpassen. In allen geschilderten Szenarien dürften Energieversorger zu den Gewinnern zählen. Für sie spielt es keine Rolle, wer das Rennen macht. So oder so wird der Energiebedarf weiter steigen.
Zur Person

Michael Wittek leitet das Portfoliomanagement bei Albrecht, Kitta & Co. und ist für die Anlagestrategie der Vermögensverwaltung verantwortlich.
