Der MSCI World gilt als das Weltportfolio schlechthin – für Millionen deutscher Anleger ist er die erste Wahl beim langfristigen Vermögensaufbau. Doch inzwischen mehrt sich die Kritik: Fast 70 Prozent des Index entfallen auf US-Aktien, die IT-Branche dominiert mit erheblichem Übergewicht. Was einst als breite globale Streuung galt, gleicht heute einer konzentrierten Wette auf amerikanische Technologiekonzerne. Ist das Weltportfolio noch genug?
In unserem Webinar der beliebten Reihe „Ask me Anything“ stellen sich Christian W. Röhl, Chief Economist bei Scalable Capital, und Ferat Öztürk, Head of Xtrackers Digital Distribution EMEA bei der DWS, den Fragen der Anleger. Die zentrale Erkenntnis: Der Index hat sich strukturell verändert – und damit auch die Anforderungen an ein durchdachtes Portfolio.
Lesen Sie hier die wichtigsten Antworten auf die Fragen, die im Webinar gestellt wurden.
Würden Sie heute noch in den MSCI World investieren?
Die Antwort fällt eindeutig aus: Nein – zumindest nicht als alleiniges Investment. „Vor zehn Jahren hätte ich anders geantwortet“, sagt Öztürk. Die strukturellen Veränderungen seien zu massiv. Rund 70 Prozent des Index entfallen mittlerweile auf US-Aktien, die IT-Branche dominiert mit erheblichem Übergewicht. Was einst als diversifiziertes Weltportfolio galt, gleicht heute einem konzentrierten Investment in amerikanische Technologiekonzerne.
Röhl würde stattdessen den MSCI All Country World Index wählen: „Denn der spiegelt dann wirklich die ganze Welt wider, nämlich Industrie- und Schwellenländer.“ Wer den klassischen MSCI World hält, besitzt zum Beispiel keine Anteile an TSMC, Samsung oder SK Hynix – drei Schlüsselunternehmen im KI-Boom. Taiwan und Südkorea sind zwar technologisch hochentwickelt, zählen aber wegen des eingeschränkten Kapitalmarkt-Zugangs nach der Definition von MSCI nicht zu den Industrieländern und bleibendeshalb außen vor.
Sollten bestehende Anleger ihre MSCI-World-Position verkaufen?
Hier sind sich beide Experten einig: Das wäre der falsche Weg. „Wer einen ETF auf den MSCI World hat, der muss ihn ja deswegen nicht verkaufen“, betont Röhl. Der Grund ist simpel: Ein Verkauf würde wohl zumeist Steuern auf realisierte Gewinne auslösen, sodass weniger Kapital für die Wiederanlage zur Verfügung stünde. Immerhin mehr als drei Viertel der Webinar-Teilnehmer gaben in einer Umfrage an, bereits im MSCI World investiert zu sein.
Stattdessen empfehlen die Experten eine gezielte Ergänzung. Öztürk schlägt eine Dreiteilung vor: MSCI World ex USA als Basis, dazu separat der MSCI USA mit rund 30 Prozent Gewichtung – was in etwa dem Anteil der USA an der globalen Wirtschaftsleistung entspricht – plus eine Beimischung von Schwellenländern.
Ist die US-Dominanz im Index problematisch?
Die hohe US-Gewichtung ist keineswegs willkürlich, betont Röhl. „Es ist ja eine passive Abbildung des Marktes. Relevant für jedes Unternehmen ist der Börsenwert des handelbaren Streubesitzes, also der sogenannte Free-Float-Value.“ Die Gewichtungen reflektieren die Realität der globalen Börsenwelt – und die basiert auf realwirtschaftlichen Fundamentaldaten.
„Die Dominanz der USA war ja nicht immer so hoch, sondern hat sich einfach aus den Kurssteigerungen der letzten 10 bis 15 Jahre ergeben. Und die haben ja auch wiederum eine realwirtschaftliche Basis, nämlich das Gewinnwachstum und die Rentabilität in den USA“, führt Röhl aus. Wer die Gewichtungen für problematisch hält, zweifelt nicht am Index, sondern an der künftigen Marktentwicklung. Genau hier setzen Ergänzungsstrategien an.
Verdienen Unternehmen außerhalb der USA nicht auch in den USA?
Diese Rückfrage aus dem Teilnehmer-Chat greift Öztürk auf und bestätigt: „Natürlich ist das auch umgekehrt genauso zu betrachten.“ Er nennt einige Autobauer als Beispiel – wie stark können solche Konzerne in den USA agieren, wenn Zölle ins Spiel kommen? „Das hat natürlich einen Impact.“
Der Vorteil breiter ETFs: „Bei über 1000 Titeln streut man da und idealerweise gibt es immer noch Unternehmen auf der Welt, die von gewissen Zöllen vielleicht noch etwas mehr verschont bleiben.“ Die geopolitischen Risiken bleiben bestehen, werden aber durch die Diversifikation abgemildert
Welche Rolle spielen andere Regionen wie Europa und Asien?
Öztürk sieht durchaus Chancen in anderen Regionen: „Es gibt viele Unternehmen, gerade in Europa, im Luxusgüterbereich, aber auch im Pharmabereich, die einen erheblichen Teil ihres Umsatzes und ihrer Gewinne in Asien, spezifisch in China erwirtschaften.“ Diese Firmen bieten ein indirektes China-Exposure ohne die regulatorischen und politischen Risiken einer Direktanlage.
Bei der konkreten Ausgestaltung warnen beide Experten vor Perfektionismus. Röhl zitiert Vanguard-Gründer Jack Bogle: „Suche nicht die Nadel, sondern kauf gleich den ganzen Heuhaufen.“ Und weiter: „Der größte Feind eines guten Plans ist der Traum vom perfekten Plan.“ Am Ende sei es nicht relevant, lange über die exakte Beimischung von Small Caps oder Schwellenländern zu grübeln.
Machen Anleihen im Portfolio wieder Sinn?
Die Antwort lautet: Ja. „Die Nullzinsphase ist vorbei“, konstatiert Röhl. „Wir sind jetzt in einem Umfeld, wo wieder ein sinnvoller Baustein der Asset Allocation sein können und nicht nur zinsfreies Risiko darstellen.“ Öztürk verweist auf die wichtige Rolle der Duration: „Man muss die Wechselwirkung verstehen zwischen Zinsniveau und Kurs.“ Wer eine Anleihe mit hoher Verzinsung hält und die Zinsen werden gesenkt, profitiert von steigenden Kursen. Umgekehrt haben Anleger in den vergangenen Jahren Verluste erlitten, als die Zinsen von sehr niedrigem Niveau stark erhöht wurden – besonders bei Anleihen mit langer Laufzeit.
Öztürk nennt als Gegenpol die sogenannten Overnight-ETFs: „Das ist fast eine Art Tagesgeldersatz, wenn man so möchte.“ Diese bilden den europäischen Einlagenzins ab und passen sich flexibel an. „Also mit der Laufzeit holt man sich da ein gewisses Kursrisiko mit ein“, erklärt er. Die Wahl hänge vom persönlichen Risikoprofil ab.
Was ist mit Bitcoin und Kryptowährungen?
Röhl stellt eine grundsätzliche Frage: „Was ist denn eigentlich der Wert von Bitcoin?“ Aus seiner Sicht handelt es sich um eine „asymmetrische Wette“, bei der man vor allem darauf setzt, dass andere später mehr bezahlen. Die fehlende intrinsische Wertschöpfung unterscheidet Bitcoin fundamental von Unternehmensbeteiligungen.
Gehört Gold ins Portfolio?
Röhl merkt an: “Gold wirft zwar keine laufenden Erträge ab, aber ist als ‘sicherer Hafen’ etabliert und profitiert von der Nachfrage nach Alternativen zu Papiergeld. Ausgerechnet in Zeiten des Tech-Booms hat die älteste Währung der Welt sogar über 10 Jahre besser abgeschnitten als ein Welt-ETF.
Welche alternativen Index-Konzepte gibt es?
Öztürk weist auf ein zunehmendes Problem hin: Die Top-10-Positionen im MSCI World machen mittlerweile gut 25 Prozent aus – ein erhebliches Klumpenrisiko. Als Alternative nennt er gleichgewichtete Index-Strategien: „Es gibt ja durchaus sogenannte Equal-Weight-Strategien, etwa auf den S&P 500.“
Bei diesen Konzepten bekommen nicht die größten Unternehmen nach Marktkapitalisierung das höchste Gewicht, sondern alle Titel werden gleich gewichtet. Solche Produkte seien zeitweise sehr beliebt, je nachdem wie stark der Tech-Sektor im Fokus stehe.
Welche Rolle spielen Themen-ETFs?
„Das ist vor allem bei Privatanlegern mittlerweile ein sehr großes Thema“, sagt DWS-Xtrackers-Experte Öztürk. Künstliche Intelligenz, Big Data, Verteidigung – die Nachfrage sei stark. Doch er mahnt zur Vorsicht: „Bitte einmal als Privatanleger auch hinter die Kulisse gucken. Wie ist denn wirklich der Index aufgebaut?“
Bei Zukunftsthemen mache nach Öztürks Ansicht nicht immer die klassische Kapitalisierungsgewichtung Sinn. „Nicht nur, wer sind die Gewinner in der Vergangenheit bisher gewesen, sondern wer sind potenzielle Gewinner von morgen.“ Methoden wie Patentscreenings können hier weiterhelfen.
Röhl ergänzt mit einer ernüchternden Statistik: „Es gibt eine Studie von der Ohio State University. Die zeigt, dass Themen-ETFs in den fünf Jahren nach ihrem Start etwa 30 Prozent Risiko-adjustiert an Rendite verlieren.“ Der Grund: Die Produkte kommen oft auf dem Höhepunkt eines Hypes auf den Markt, wenn bereits viel Potenzial abgegessen ist.
Seine Empfehlung: Zwischen echten Megatrends wie KI und kurzfristigen Hypes wie Wasserstoff unterscheiden. Ganz wichtig: nicht zum Themensammler werden. „Wenn man sich für zwei, drei Satelliten entschieden hat, wo man auch selber einen Investmentcase draus machen kann, dann ist das fein, aber nicht 20 Themen-ETF sammeln.“
Was ist der wichtigste Rat für Anleger?
Beide Experten kehren zu einem zentralen Punkt zurück: der Langfristigkeit. „Beginne mit dem Investieren frühzeitig, denke langfristig und werde nicht gleich nervös, wenn es an den Märkten mal etwas ruckelt“, fasst Öztürk zusammen.
Röhl ergänzt mit einem praktischen Hinweis: Für viele junge Menschen sei der größte Hebel auf das künftige Vermögen nicht die perfekte Indexauswahl, sondern die eigene Qualifikation. „Sich entsprechend zu qualifizieren, Einkommen zu erhöhen und die Sparrate nach oben zu ziehen“ – das bringe mehr als die ständige Optimierung zwischen 6 und 8 Prozent Beimischung von bestimmten Regionen.
Die Botschaft des Abends lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Der MSCI World hat sich strukturell verändert und ist nicht mehr das, was er einmal war. Doch statt in Panik zu verfallen oder bestehende Positionen aufzulösen, sollten Anleger gezielt ergänzen – und vor allem investiert bleiben. Denn auch ein unperfektes Portfolio, das tatsächlich am Markt ist, schlägt den perfekten Plan, der niemals umgesetzt wird.


