Vermögensverwalter schätzt ein Sommerhausse erweist sich als Bärenmarktrally
Aktuell liegen die Leitzinsen der Fed zwischen 2,25 und 2,5 Prozent. Die Terminmärkte preisen derzeit bis zum Jahresende einen Anstieg auf 3,5 Prozent ein. Es könnte aber durchaus sein, dass es nicht dabei bleibt. Fed-Chef Jerome Powell hat erstens weiter steigende Leitzinsen angekündigt und zweitens klar angedeutet, dass diese eine längere Zeit hoch bleiben könnten. Denn neben steigenden Löhnen haben auch die USA mit höheren Energiekosten zu kämpfen. Trotz des jüngsten Rückgangs kostet ein Barrel Öl der Sorte WTI mehr als ein Drittel mehr als noch vor einem Jahr. Und das weltweite Angebot steht unter Druck.
Seit Jahren haben die Ölmultis ihre Investitionen in die Suche und Erschließung neuer Vorkommen runtergeschraubt. Es gibt kaum noch Reserven bei amerikanischem Schieferöl. Gleichzeitig soll auch in Saudi-Arabien der Spielraum für eine Produktionsausweitung äußerst begrenzt sein. Der Rückgang der russischen Öl- und Gaslieferungen lässt sich also kaum kompensieren.
Moskau behauptet zwar, sein Öl und Gas jetzt vor allem nach Asien zu verkaufen, wenn die USA und Europa russische Energielieferungen sanktionieren. Doch so einfach ist das nicht. Denn in Richtung Osten fehlt Russland die notwendige Infrastruktur. Tatsächlich gehen die russischen Öl- und Gaslieferungen derzeit spürbar zurück. Steigende Löhne und ein hoher Ölpreis werden auch in den kommenden Monaten in den USA für eine (zu) hohe Inflation sorgen und Powell dazu zwingen, weiter an der Zinsschraube zu drehen. Im Zweifelsfall will der Fed-Chef sogar eine Rezession in Kauf nehmen, um die Inflation zu bekämpfen. Was dies für die Aktienmärkte bedeutet, liegt auf der Hand.
Keine Kompensation durch China
Die Hoffnung, dass die Volksrepublik als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt gewissermaßen den Karren aus dem Dreck ziehen wird, dürfte sich als trügerisch erweisen. Peking peilt zwar nach offiziellen Angaben noch immer in diesem Jahr ein Wirtschaftswachstum von 5,5 Prozent an. Doch das Ziel dürfte kaum zu erreichen sein. Die wochenlangen Lockdowns wie in der Wirtschaftsmetropole Schanghai, die Schieflagen am Immobilienmarkt und jetzt auch noch die brutale Dürre, die in verschiedenen Regionen für Strommangel sorgt, bremsen das Wachstum. Goldman Sachs rechnet damit, dass das chinesische Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr nur um 2, 8 Prozent zulegt.
Neben der hohen Inflation und der schwachen Konjunktur belasten verschiedene geopolitische Konflikte die Aktienmärkte. Das gilt vor allem für den Krieg in der Ukraine, der die Wirtschaft und damit auch die Aktienmärkte in Europa nach unten drückt. Ein hohes Risikopotenzial birgt auch der Konflikt zwischen dem kommunistischen China und dem demokratischen Taiwan. Und der Nahe Osten ist immer für eine negative Überraschung gut. Dazu kommt noch, dass September und Oktober als eher schwache Börsenmonate gelten.
Angesichts dieser Rahmenbedingungen sollten Anleger erst einmal weiter an der Seitenlinie stehen und entweder eine höhere Position Cash halten oder ihre Aktieninvestments absichern. Denn das, was sich in den zurückliegenden Wochen an den Aktienmärkten abgespielt hat, war nichts anderes als eine Bärenmarktrally.
Über den Autor:
Andreas Enke ist Mitinhaber und Vorstandsmitglied beim Vermögensverwalter Geneon Vermögensmanagement.

