Markus Deselaers (Redakteur)Lesedauer: 4 Minuten

Thilo Wolf im Interview „Schwellenländer sind die Domäne aktiver Manager“

Seite 2 / 2

Zurzeit wird Environmental Social Governance, kurz ESG, im Asset Management stark diskutiert. Spielt das Thema Nachhaltigkeit auch bei Schwellenländerinvestments eine immer größere Rolle?

Auf jeden Fall. Doch neu ist das Thema für uns nicht. Die Manager unserer Global-Emerging-Markets-Aktien- als auch Anleihestrategien berücksichtigen schon seit langer Zeit sogenannte ESG-Faktoren in ihrem Investmentprozess. Unsere Fondsboutique Newton ist in UK einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Und ich glaube, dass in keiner anderen Anlageklasse ESG so wichtig ist wie im Bereich Emerging Markets. Mit einem ESG-Filter kommt man hier zu komplett anderen Investmentresultaten. Das liegt unter anderem an der Corporate Governance: Wir verzeichnen hier teilweise großen direkten oder indirekten staatlichen Einfluss, der nicht immer zum Wohle der Investoren ist.

Also geht es um Einzelanalyse und Einzeltitelauswahl.

Genau. Stockpicking ist im Aktien- und Anleihebereich ein elementarer Bestandteil des Risikomanagements. Auf der Emerging-Markets-Debt-Seite hat man natürlich immer Angst vor dem Default einzelner Emittenten. Und die nächste Frage ist: Kommt es zum Default, wie hoch ist die Recovery Rate? Es gibt Länder, die die Möglichkeit bieten, ähnlich wie Chapter 11 in den USA in eine geordnete Insolvenz zu gehen und zu hoffen, dass sich eine betreffende Anleihe irgendwann mal wieder erholt. Und es gibt andere Länder, die diese Möglichkeit nicht einräumen. So sollte man die Emerging Markets ganz unabhängig von der Assetklasse nicht mit einem passiven Instrument spielen. Die Schwellenländer sind eben die Domäne der Anbieter von aktiven Strategien: Hier haben sie die Möglichkeit, voll und ganz ihre Vorteile herauszustellen.

In welchem Markt sehen Sie derzeit besondere Chancen?

Wir finden gegenwärtig Georgien sehr spannend. Zum einen verzeichnet die dortige Volkswirtschaft eine Wachstumsrate von knapp 6 Prozent, zum anderen greifen dort mittlerweile die Staatsreformen. Und, was vielen Investoren gar nicht so bewusst ist: Das Banksystem in Georgien ist stark reguliert und unterscheidet sich kaum vom Bankensektor der etablierten europäischen Länder wie Deutschland oder UK. Wir finden dort einen attraktiven Anleihemarkt vor, den wir für unsere Anleger nutzen.

Mehr zum Thema
Andrew Stanners im Interview„Emerging-Markets-Anleihen mit weniger Volatilität“
Anselm Gehling im Interview„Auch wieder über maritime Investments nachdenken“
Wolfgang Dippold im Interview„Unser Job ist Stabilität, nicht Wachstum um jeden Preis“