Donnerstag, Boca Chica, Texas, 18:45 Uhr Ortszeit: Der 13. Testflug von SpaceX' Rakete Starship steht kurz vor dem Start. Dann zünden vier der 33 Raptor-3-Triebwerke der Super-Heavy-Boosterstufe nicht, ein automatisches Sicherheitssystem bricht den Countdown ab. SpaceX-Chef Elon Musk erklärt wenig später auf seiner Plattform X, zwei der Triebwerke würden ausgetauscht. Der nächste Versuch solle Anfang der kommenden Woche folgen.
Die Börse reagierte da bereits nervös. Die SpaceX-Aktie war schon am Mittwoch erstmals unter den Ausgabepreis von 135 Dollar gefallen, zu dem die Anteile beim Börsengang am 12. Juni an Investoren verkauft wurden. Auch am Donnerstag blieb sie darunter und schloss bei 131,11 Dollar – der fünfte Verlusttag in Folge. Vom Rekordhoch bei 225,64 Dollar, erreicht wenige Tage nach dem Börsengang, hat das Papier damit mehr als 40 Prozent verloren.
Kursziele ohne Deckung
Wie wenig die veröffentlichten Kursziele zu diesem Zeitpunkt noch mit der Marktrealität zu tun hatten, zeigt ein Blick auf die Analystenschätzungen aus dem Juli. Morgan Stanley hielt 300 Dollar für das wahrscheinlichste Szenario, unter optimistischen Annahmen sogar 600 Dollar für möglich. Citi ging noch weiter und nannte im besten Fall 900 Dollar pro Aktie. Bei einem aktuellen Kurs von 131 Dollar wirken diese Zahlen wie aus einer anderen Marktphase.
Woher kam dieser Optimismus? Goldman-Sachs-Chef David Solomon und J.P.-Morgan-Chase-Chef Jamie Dimon hatten persönlich für den Börsengang geworben. Dimon bezeichnete Musk im Vorfeld sogar als „Edison unserer Zeit“. Nach dem Debüt ließ J.P. Morgan Chase die LED-Fassade seiner neuen Zentrale am 270 Park Avenue mit Planeten und anderen Raumfahrtmotiven bespielen, Goldman Sachs dekorierte seine Lobby mit silbernen Raketenmodellen.
Ein Banker aus dem Silicon Valley brachte die Rollenverteilung nüchtern auf den Punkt, wie das „Handelsblatt“ schreibt: Die Investmentbanker hätten schlicht ihren Job gemacht und für SpaceX die gewünschte Summe eingesammelt. IPO-Forscher Jay Ritter von der University of Florida ergänzt die technische Erklärung: Die meisten Analysten nähmen einfach den Marktpreis und schlügen rund 25 Prozent auf. Von 22 Konsortialbanken beim SpaceX-Börsengang habe längst nicht jede überhaupt eine Empfehlung abgegeben.
Drei Indizes, drei Antworten
Interessanter als Kursverlauf und Analystenschätzungen ist, was seit Anfang Juni parallel dazu passierte. Am 4. Juni entschied S&P Dow Jones Indices, die Aufnahmeregeln für den S&P 500 trotz der anrollenden Mega-Börsengänge nicht zu lockern: Profitabilitätsanforderung, zwölfmonatige Wartefrist und Mindest-Streubesitz blieben bestehen. Für SpaceX, das 2025 einen Verlust von 4,94 Milliarden Dollar verbuchte, bedeutete das eine klare Absage.
Ganz anders reagierten Nasdaq und MSCI. Seit dem 1. Mai gilt bei der Nasdaq eine Fast-Entry-Regel, die alte 10-Prozent-Streubesitzschwelle ist gefallen. Am 29. Juni nahm MSCI die Aktie in den MSCI World und den MSCI All Country World Index auf, gestützt auf eine Sonderregel für große Neuemissionen, die dort bereits seit 2007 existiert. Am 7. Juli folgte der Nasdaq 100. Damit mussten Fonds, die diese Indizes nachbilden, die Aktie kaufen – unabhängig davon, ob sie deren Bewertung für angemessen hielten.
Schwergewicht auf dem Papier, Leichtgewicht im Depot
Wie groß dieser Kaufdruck tatsächlich war, lässt sich beziffern. Rob Du Boff, Stratege bei Bloomberg Intelligence, schätzte allein die durch den Nasdaq-100-Eintritt ausgelösten Käufe auf rund 4,9 Milliarden Dollar. Serge Nussbaumer, Kapitalmarktexperte bei Maverix, rechnet dagegen vor, wie klein die tatsächliche Gewichtung im Depot bleibt: Weil Indizes streubesitzbereinigt gewichten und nur ein kleiner Teil der SpaceX-Aktien frei handelbar ist, komme die Aktie im Nasdaq 100 auf etwa 0,2 Prozent Gewicht, in einem breiten Index vom Zuschnitt des S&P 500 sogar nur auf 0,11 Prozent.
„Ein Unternehmen, das sich wie ein Indexschwergewicht anfühlt, würde faktisch näher an Rang 150 als an Rang 7 liegen“, sagte Nussbaumer gegen DAS INVESTMENT. Jörg Held, Head of Portfolio Management bei Ethenea, zog daraus die Lehre für passive Anleger: „Wer passiv investiert, kauft nicht nur den Markt. Er kauft zunehmend die Indexkonzentration weniger Mega-Caps mit.“
Dass gelockerte Aufnahmeregeln Risiken bergen, hatte Thomas Buckard, Vorstandssprecher der Vermögensverwaltung MPF, bereits Mitte Juni in einem Gastbeitrag für DAS INVESTMENT eingeordnet: Verschiedene Indexanbieter hätten ihre Regeln „in vorauseilendem Gehorsam“ derart geändert, dass SpaceX zeitnah aufgenommen werden könne, auch wenn dies für den S&P 500 nicht gelte. Die Warnung stand damit schon drei Tage nach dem Börsengang, lange bevor der Kurs unter den Ausgabepreis fiel.
Präzedenzfall für künftige Mega-Börsengänge?
Die entscheidende Frage für die Fondsbranche lautet nun, ob dieser Fast-Entry-Mechanismus ein Einzelfall bleibt oder zum Vorbild für weitere Mega-Börsengänge wird – etwa für OpenAI und Anthropic, die für dieses Jahr ebenfalls Börsengänge planen. Fällt die Antwort auf Letzteres, verschiebt sich die Marktmacht der Indexanbieter weiter: Sie entscheiden dann nicht nur, welche Aktien in ETFs landen, sondern auch, wie schnell frisch notierte Milliardenkonzerne zu Zwangskäufen für Billionen an passiv verwaltetem Kapital werden.
Für SpaceX selbst bleibt der Fall vorerst offen. Die reguläre Sperrfrist für frühe Investoren und Mitarbeiter endet 180 Tage nach dem Börsengang. SpaceX hat die Freigabe jedoch gestaffelt: Notiert die Aktie an mindestens fünf der zehn Handelstage vor den Quartalszahlen 30 Prozent oder mehr über dem Ausgabepreis, dürfen Insider vorab 10 Prozent ihrer Anteile verkaufen. „Das ist anlegerfreundlich, weil es einen plötzlichen Kursrutsch verhindert“, sagt Markus Fehn, Kapitalmarktexperte beim Finanzberater Chartered Investment in Düsseldorf, zu dieser Konstruktion, wie das „Handelsblatt“ schreibt. Entscheidend sei aber das Zusammenspiel mit der Indexaufnahme: Altaktionäre verkauften ihre Anteile zwar nicht direkt an ETF-Käufer, aber in einem Kursumfeld, das durch deren Käufe wesentlich mitgeprägt werde.
Die Quartalszahlen von SpaceX werden am 6. August vorgelegt. Georg von Wallwitz, geschäftsführender Gesellschafter von Eyb & Wallwitz, hatte den Mechanismus aus künstlicher Verknappung und Zwangskäufen bereits vor dem Börsengang eingeordnet: Die Konstruktion dürfte die Aktie eine Weile tragen, so seine Einschätzung sinngemäß. Doch die fortgesetzten Verkäufe der Insider würden sich danach bemerkbar machen – „wie die Schwerkraft an einer Rakete“, wie von Wallwitz schrieb.


