Am 12. Juni soll an der Nasdaq ein Stück Wirtschaftsgeschichte über die Kurstafeln laufen. Unter dem Kürzel SPCX will SpaceX an die Börse, angepeilte Bewertung: 1,75 Billionen US-Dollar, eingesammeltes Kapital bis zu 80 Milliarden. Es wäre der größte Börsengang aller Zeiten. So berichten es „Reuters“, „Bloomberg“ und die Wirtschaftspresse übereinstimmend. Für Anleger ist der Termin ein Signalfeuer. Doch wer jetzt erst auf die Rakete aufspringt, kauft das Offensichtliche und übersieht das Geschäft dahinter.

Denn das eigentliche Thema steht im Kleingedruckten. Die 1,75 Billionen enthalten die im Februar 2026 vollzogene Fusion mit Musks KI-Firma xAI; bei rund 18,7 Milliarden Dollar Umsatz aus drei zusammengewürfelten Geschäften ist das ein Vielfaches, das nur bei makelloser Ausführung aufgeht. Das kluge Geld schaut längst anderswo hin. Es erinnert sich an eine alte Goldrausch-Weisheit: Reich wurden selten die Schürfer, sondern die Händler, die ihnen Spitzhacken und Schaufeln verkauften.

Die Spitzhacken-Logik

Genau hier setzt die Analyse von Metzler Asset Management an, die das Frankfurter Haus jüngst unter dem Titel „Die letzte Grenze“ veröffentlicht hat, verfasst von Daniel Sailer, Marco Scherer und Steffen Tolzien. Ihre Kernthese: Der Weltraum verwandelt sich 2026 von einem staatlichen Prestigefeld in eine Infrastrukturschicht der Weltwirtschaft, über 75 Prozent der Branche seien bereits kommerziell geprägt. Das Marktvolumen lag laut Metzler 2024 bei rund 600 Milliarden Dollar und soll bis 2035 auf etwa 1,8 Billionen wachsen – und damit doppelt so schnell wie das globale Bruttoinlandsprodukt.

Die viel zitierten 1,8 Billionen stammen ursprünglich aus einer Studie des Weltwirtschaftsforums mit McKinsey von 2024; sie rechnet allerdings auch „weltraumgestützte“ Anwendungen mit ein, von Wetterdiensten bis zu Lieferdiensten per App. Andere Schätzungen, die nur das reine Weltraumgeschäft fassen, kommen für 2035 eher auf rund 775 Milliarden Dollar. Die Botschaft bleibt: Kräftiges Wachstum steht bevor. Aber die runde Billionen-Zahl ist vermutlich vorerst eine Projektion.

Spannend ist, was Metzler daraus macht. Statt auf die Raketenbauer zu wetten, empfiehlt das Haus den Blick auf die „Enabler“ der Wertschöpfungskette, also die Zulieferer von Rohstoffen und Gasen sowie die europäischen Champions. Der Charme dieser Strategie liegt in ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Sieger: Spezialmetalle und Industriegase werden gebraucht, ganz egal, welcher Satellitenbetreiber am Ende dominiert.

Die Metalle des Orbits

Beginnen wir im Bergwerk. Raumfahrthardware muss extreme Temperaturen und Strahlung aushalten, der Bedarf an hochspezialisierten Metallen ist entsprechend hoch. Die Importabhängigkeit der USA bei diesen Mineralien liegt laut dem geologischen Dienst der Vereinigten Staaten (USGS), zitiert nach Metzler, auf einem 30-Jahres-Hoch – was Produzenten außerhalb Chinas strategisch aufwertet.

Einer der spannendsten Namen in dieser Kategorie ist ein kanadisch-amerikanischer Wolfram-Produzent: Almonty Industries. Wolfram schmilzt erst bei 3.422 Grad Celsius und ist damit für Raketendüsen und Hitzeschilde nahezu unverzichtbar. Almonty hat im März 2026 seine Sangdong-Mine in Südkorea wieder in Betrieb genommen – nach über 30 Jahren Stillstand, wie das Unternehmen selbst und Branchendienste berichten. Bei Vollausbau soll die Mine rund 40 Prozent der Wolframnachfrage außerhalb Chinas decken. Der Hebel ist geopolitisch: US-Beschaffungsregeln verlangen ab 2027 wolframfreie Lieferketten ohne China. Almonty hat dafür einen 15-Jahres-Abnahmevertrag in der Tasche, und die Zahlen ziehen an – der Umsatz stieg im ersten Quartal 2026 laut Unternehmensbericht um 221 Prozent auf 25,4 Millionen Dollar, getrieben vom Höhenflug des Wolframpreises.

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Daneben nennt Metzler die üblichen Verdächtigen der Rohstoffbasis: MP Materials als einzige skalierte Seltenerd-Mine der USA, deren Neodym und Dysprosium in den Dauermagneten der Satellitensteuerung stecken; Freeport-McMoRan für Kupfer; Alcoa für Aluminium und Gallium. Investoren kaufen hier kein Weltraumgeschäft im engeren Sinn, sondern ein Stück Rohstoff-Souveränität mit Rückenwind aus Washington.

Das Methalox-Versprechen

Nahezu unsichtbar, aber womöglich verlässlicher ist das Geschäft mit Gasen. Die Branche wechselt gerade von Kerosin auf flüssiges Methan, in Kombination mit flüssigem Sauerstoff „Methalox“ genannt. Methan brennt sauberer, verrußt die Triebwerke weniger und vereinfacht damit die Wiederaufbereitung wiederverwendbarer Raketen erheblich. Laut Metzler erzeugt es pro Schubeinheit 25 bis 30 Prozent weniger CO2 als Kerosin – der „grüne Hoffnungsträger“ der Branche, wenngleich, das stellt der Bericht selbst klar, keineswegs emissionsfrei.

Profiteure sind die großen Gaskonzerne: Linde, Air Liquide und Air Products. Linde beliefert nach eigenen Angaben heute bereits mehr als vier von fünf Raketenstarts in den USA – eine Zahl, die sich extern nicht unabhängig prüfen lässt, aber zur dokumentierten Marktstellung passt. Allein 2024 versorgte der Konzern, so seine eigene Mitteilung, über 100 erfolgreiche Raketenstarts. Im Juli 2025 kündigte Linde zwei langfristige Lieferverträge und neue Anlagen in Florida und Texas an, die 2026 und 2027 ans Netz gehen sollen. Metzler erwartet, dass Weltraumkunden bis 2027 zu den größten Einzelabnehmern in Lindes Merchant-Geschäft aufsteigen. Hinzu kommt ein Nischenmarkt mit Charme: die Edelgase Xenon und Krypton, die elektrische Ionenantriebe zur Feinjustierung von Satelliten benötigen.

Das ist die schlichte Schönheit des Zulieferer-Spiels: Wer Sauerstoff abfüllt, muss keine Rakete zünden und verdient dennoch an jedem Start, ganz egal ob er glückt oder verschoben wird.

Europas stille Champions

Spannender als die Hardware-Lieferanten ist für viele Anleger jedoch die Frage: Wo bleibt Europa? Metzlers Antwort lautet, die großen Luft- und Raumfahrtkonzerne bildeten die „stabilste Basis“ für eine Sektorallokation – Airbus, Safran, Thales. Ihr Burggraben heißt Souveränität. Denn nur wer eine zentrale Rolle in nationalen oder europäischen Sicherheitsarchitekturen spielt, genießt impliziten Schutz durch staatliche Budgets.

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Dieser Rückenwind ist messbar. Airbus sitzt laut Metzler auf einem Auftragsbestand von über 600 Milliarden Euro, kämpft aber mit Lieferkettenproblemen, die die Aktie belasten. Bemerkenswert ist die Größenrelation: Das Raumfahrtgeschäft (Space Systems) machte 2025 nur etwa 22 Prozent der Division Defence and Space aus, diese wiederum lediglich rund 18 Prozent des Konzernumsatzes. Über 70 Prozent steuert die zivile Luftfahrt bei. Das heißt im Klartext: Wer Airbus als Weltraumwette kauft, kauft vor allem einen Flugzeugbauer mit Orbit-Option.

Bei der Konsolidierung der zersplitterten europäischen Satellitenindustrie spielt das Projekt „Bromo“ die Hauptrolle. Es handelt sich um ein Dreieck: Airbus, Thales und Leonardo unterzeichneten am 23. Oktober 2025 ein Memorandum, ihre Satellitensparten zu verschmelzen. Das geht aus den Mitteilungen der beteiligten Konzerne hervor. Das neue Unternehmen mit Sitz in Toulouse soll rund 25.000 Mitarbeiter und etwa 6,5 Milliarden Euro Umsatz vereinen, bewertet wird es mit gut elf Milliarden Dollar; Airbus hielte 35 Prozent, Leonardo und Thales je 32,5. Der Start ist für 2027 geplant, vorbehaltlich der EU-Kartellprüfung.

Und genau dort lauert der Haken. Europas Antwort auf Starlink ist bislang nicht mehr als eine Absichtserklärung. Die französische Gewerkschaft CGT wettert bereits, das Projekt diene vor allem dazu, ein Monopol mit höheren Margen zu errichten. Brüssel muss zustimmen. Die Wette der Investoren lautet, dass strategische Industriepolitik schwerer wiegt als kartellrechtliche Bedenken – eine plausible, aber keineswegs sichere Annahme.

Der Fall OHB

Kein Titel verkörpert die europäische Euphorie so sehr wie OHB. Der Bremer Konzern ist fast reinrassig im Raumfahrtgeschäft, gilt in der Branche als „German Champion“ – und seine Aktie ist regelrecht explodiert. Metzler nannte im Frühjahr eine Kurssteigerung von über 300 Prozent seit Jahresbeginn. Diese Zahl ist inzwischen überholt: Bis Ende Mai hatte sich das Papier laut Handelsdaten und Marktberichten mehr als verfünffacht, zeitweise lag das Plus über 500 Prozent, die Marktkapitalisierung kletterte auf rund elf Milliarden Euro.

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Der Treibstoff dieser Rally ist halb operativ, halb spekulativ. Operativ liefert OHB: ein Rekord-Auftragsbestand von 3,35 Milliarden Euro zum Ende des ersten Quartals, plus 45 Prozent zum Vorjahr, dazu Esa-Aufträge und die Mond-Mission. Spekulativ wirkt der Rest: ein winziger Streubesitz von nur 6 Prozent, der jede Kursbewegung verstärkt, und die Fantasie rund um das neue Verteidigungs-Joint-Venture KIRK mit Helsing und Hensoldt, das KI-gestützte Zielerfassung aus dem Orbit für die Bundeswehr entwickeln soll. Verteidigungsminister Boris Pistorius plant bis 2030 rund 35 Milliarden Euro für den Weltraumbereich ein. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis jenseits der 700, wie es Börsendienste ausweisen, signalisiert allerdings: Hier ist viel Zukunft eingepreist. Die abrupten Tagesverluste von 17 Prozent und mehr zeigen, wie dünn das Eis ist.

Die dunkle Seite des Booms

Womit wir bei den Risiken wären, die Metzler in seiner Analyse offen benennt.

  • Erstens die Kapitalintensität: Die Ausfallrate risikokapitalfinanzierter Weltraum-Start-ups liege bei über 80 Prozent; seit dem Zinsanstieg 2022 sei billiges Kapital knapp, eine Konsolidierungswelle die Folge.
  • Zweitens das physische Risiko – das Kessler-Syndrom, eine Kettenreaktion aus Trümmerkollisionen, die ganze Umlaufbahnen für Jahrzehnte unbrauchbar machen könnte.
  • Drittens der regulatorische Druck: Die ESA-Initiative „Zero Debris Charter“ und die strikte Fünf-Jahres-Regel der US-Behörde FCC zwingen Betreiber zu teuren Entsorgungsstrategien.

Pikant ist, dass ausgerechnet der Star-Börsengang die europäischen Champions kurzfristig belasten kann. Als der SpaceX-Termin näher rückte, gab die OHB-Aktie nach – Marktbeobachter führten das auf die Sorge zurück, der Mega-IPO werde Liquidität aus kleineren Raumfahrtwerten absaugen. Der Goldrausch frisst gelegentlich seine eigenen Spitzhacken-Händler.

Für Anleger lässt sich die Lehre dieser Analyse in drei Sätzen bündeln. Wer die hohe Kapitalintensität abfedern will, bevorzugt Unternehmen mit stabilen, wiederkehrenden Einnahmen aus Wartungs- und Datenverträgen. Wer Schutz sucht, setzt auf jene Firmen, die in Sicherheitsarchitekturen verankert sind und damit von staatlichen Budgets zehren. Und wer dem Treiben gelassen zusehen will, kauft die Hardware-Basis – die Metalle und Gase, ohne die kein Satellit fliegt, gleich welcher Name am Ende auf der Rakete steht.