Jahrelang galt eine Frist: Nur wer Aktien, Fonds oder Zertifikate mindestens zwölf Monate hielt, musste Kursgewinne nicht versteuern. Nun gilt die Abgeltungssteuer, und alle Erträge aus neu gekauften Wertpapieren werden gleichermaßen mit dem fixen Satz versteuert. Gerade für Zertifikateanleger und Emittenten hat die neue Zeitrechnung gravierende Auswirkungen. In der von HSBC Trinkaus und der Steinbeis Hochschule Berlin veröffentlichten Studie „Trendbarometer Zertifikate 2008“ erwarten befragte Vermögensverwalter und Bankberater, dass der Anteil von Zertifikaten mit kurzen Laufzeiten in den Kundendepots auf Sicht von drei Jahren von 37 auf fast 50 Prozent steigen wird. Untersuchungen der Rating-Agentur Scope belegen den Trend. Kurz, flexibel und überschaubar Demnach wurden im laufenden Jahr auf Aktien und Indizes 4.028 Zertifikate mit einer Bonusstruktur emittiert, deren Laufzeit unter zwölf Monaten liegt (1.126 davon mit weniger als sechs Monaten Laufzeit); gegenüber 3.528 Papieren, die über zwölf Monate laufen. Hinzu kommt ein psychologischer Pluspunkt bei den Kurzläufern: „Es ist sehr schwer, sich für einen Zeitraum von einem Jahr und länger eine Meinung zu den Märkten zu bilden – erst recht in volatilen Zeiten wie aktuell“, erklärt Gregoire Toublanc. „Wenn ich nur für wenige Monate investiere, brauche ich auch eine Meinung. Diese muss aber nicht so zugespitzt sein“, so der Zertifikate-Experte von BNP Paribas. Gerade die aktuelle Unsicherheit führt dazu, dass Anleger möglichst flexibel sein wollen, was bei kurzen Laufzeiten eher gegeben ist. Attraktiv sind kurze Laufzeiten besonders bei Strukturen, auf die die derzeit hohe Volatilität großen Einfluss hat. Stark abhängig von Kursschwankungen sind vor allem Produkte mit einer Gewinnbegrenzung, wie Discount- oder Capped-Bonuszertifikate. Hier wird Volatilität verkauft, was gerade im aktuellen Umfeld zu sehr reizvollen Konditionen führt. Ein treffliches Beispiel ist das Capped-Bonuszertifikat der Société Générale (WKN: SG0 00P) auf den Europa-Index Euro Stoxx 50 (siehe Grafik). Das Zertifikat, emittiert im Januar, läuft nur noch knapp sechs Monate (Fälligkeit: 9. September). Wenn der Index bis dahin nicht unter 1.300 Punkte fällt, das entspricht einem Rückgang von über 36 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand von 2.054 Punkten am 23. Februar, zahlt der Emittent 27 Euro zurück. Das entspricht einem Ertrag von 11,8 Prozent oder einer aufs Jahr hochgerechneten Rendite von 22,5 Prozent. Aktuell kostet das Zertifikat 24,16 Euro. Die gleiche Barriere hat das Papier SG0000. Allerdings endet die Laufzeit erst Mitte Dezember kommenden Jahres. Die Bonusrendite aufs Jahr gerechnet liegt bei 20,4 Prozent. „Es ist deutlich attraktiver, sich nur kurz zu binden“, erklärt Sasa Perovic. Mindestens sechs Monate sollten es allerdings sein: „Zu kurze Laufzeiten sollten vermieden werden, weil ein Wechsel in ein ähnlich attraktives Produkt Kosten verursacht“, so der Zertifikate-Experte von Scope. DAS INVESTMENT Ausgabe April 2009
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