Die Renditen für Staatsanleihen steigen rund um den Globus. Was hinter dieser Entwicklung steckt und warum sie kein vorübergehendes Phänomen bleiben dürfte, erläutert Ulrich Kater.
Steigende Anleiherenditen sind das Tagesgespräch an den Kapitalmärkten. Zehnjährige US-Staatsanleihen erreichten in der ersten Septemberhälfte eine Umlaufrendite über 4,8 Prozent. Es wäre ein einfaches, diese Entwicklung als Ergebnis von zwei Jahren Wirtschaftspolitik der Regierung Trump anzusehen. Das Phänomen ist jedoch ein weltweites: britische Gilts gleicher Laufzeit lagen bei fast 5,2 Prozent, japanische zehnjährige Anleihen kletterten mit 3,1 Prozent auf einen jahrzehntelangen Höchststand. Im Euroraum fiel dieser Anstieg noch etwas gemäßigter aus, aber mit 3,4 Umlaufrendite erreichten Bundesanleihen ebenfalls einen langjährigen Höchststand.
Für diese gemeinsamen Entwicklungen sind gemeinsame Ursachen verantwortlich. Der übliche Verdächtige in der öffentlichen Diskussion ist der ständig steigende Finanzbedarf der Staaten. Die Staatsschulden steigen tatsächlich überall an, wenn auch mit unterschiedlichen Hintergründen: in den europäischen Ländern sowie in Japan zeigen sich die Gesellschaften machtlos gegenüber den anstehenden demografischen Lasten oder anderen neuen Aufgaben wie Verteidigung.
Dies resultiert in Staatsdefiziten, die von Jahr zu Jahr ansteigen. In den USA ist es eher die Konzession der Politik an das verhängnisvolle Streben der Wähler nach immer niedrigeren Steuerlasten, die die Fiskaldefizite auch im fünften Jahr nach der Corona Pandemie immer noch im hohen einstelligen Bereich verharren lassen.
Angebotsschocks halten Inflation am Köcheln
Nichts wäre einfacher, als die steigenden Staatsanleiherenditen den Risiken aus dieser Entwicklung der Staatsverschuldung zuzuordnen. So erzeugt wohl die hohe Kapitalnachfrage der Staaten, zu der nun auch wieder mehr Anleiheemissionen des privaten Sektors kommen, tatsächlich leicht höhere Renditen.
Aber es sind vornehmlich Risikoprämien, die die Renditen steigen lassen. Dazu zählen überraschenderweise nicht die Ausfallrisiken. Denn die gehandelten Prämien für Ausfälle von Staatsanleihen haben sich in den vergangenen Jahren kaum geändert. Die großen Staaten haben nach Einschätzung viele Marktteilnehmer genügend Instrumente, ihre Staatsanleihen in den Markt zu drücken.
Auch die langfristigen Inflationserwartungen sind angesichts der Datenlage erstaunlich stabil: Die in Finanzmarktpreisen messbaren Inflationserwartungen sind noch in der Nähe der Notenbankziele verankert. Es steigen aber die Risiken, dass dies nicht so bleibt. Da muss noch nicht einmal die Angst vor Inflation durch Staatsschulden bemüht werden. In einer immer stärker geopolitischen Konfliktwelt sind es gegenwärtig eher Angebotsschocks wie die beiden Energiepreisanstiege aus den letzten fünf Jahren, die die Inflation am Köcheln halten.
Zeit der finanziellen Sorglosigkeit für Finanzministerien weltweit vorbei
Wie immer auch die Ursachen für die steigenden Renditen lauten: Die Zeit der finanziellen Sorglosigkeit für die Finanzministeriem weltweit ist beendet. Nun liegt der Ball im Feld der Politik. Während hierzulande noch Schweigen herrscht, hat US-Finanzminister Scott Bessent bereits den richtigen Sound gefunden. Nicht die eher kosmetischen Maßnahmen zum Rückkauf von langfristigen Schultitel, sondern die Ankündigung eines finanzpolitischen Konsolidierungsplanes ist es, was die Finanzmärkte in den letzten Wochen etwas beruhigt hat. Sollten sich derlei Ankündigungen jedoch als Lippenbekenntnisse erweisen, werden die Märkte die Daumenschrauben noch weiter anziehen.