Staatsanleihen Kapitalmarktakteure ignorieren Realität

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Staatsverschuldung in Euro-Ländern wächst


Nüchtern bleibt festzustellen, dass alle Prognosen derzeit erwarten lassen, dass die Staatsverschuldung der europäischen Länder im Jahr 2015 höher sein wird als im Jahr 2012 auf dem Höhepunkt der Euroschuldenkrise. Die Frage ist also erlaubt: Wie lange wirkt das Wort des EZB-Chefs, wenn die Fundamentaldaten eine andere Sprache sprechen?

Auch wenn es derzeit nicht den Anschein hat (oder vielleicht sogar gerade deswegen): Irgendwann könnten die Akteure auf den Rentenmärkten wieder stärker die Fundamentaldaten in den Blick nehmen und versucht sein, das Versprechen Draghis praktisch zu testen. Angesichts der weiterhin ungelösten Strukturprobleme in der Architektur der Währungsunion käme dies einem Test gleich, ob wirklich am Ende Deutschland die mehr oder weniger unbegrenzte Haftung für die Schwächen der anderen Euromitglieder übernimmt.

Der Zeitpunkt für einen solchen Test lässt sich naturgemäß nicht abschätzen, aber es könnte durchaus früher sein, als so mancher Käufer von griechischen Staatsanleihen heute annehmen mag. Es wird jedenfalls Zeit, dass die überfällige politische Debatte über die künftige Ausgestaltung der Währungsunion geführt wird.

Weil es kaum ein realistisches (und vielleicht auch gar kein wünschenswertes) Szenario ist, dass Europa gesundet, indem alle Länder eifrig Deutschland nachzuahmen versuchen, wird diese Debatte auch aus deutscher Sicht solch unbequeme Punkte enthalten müssen wie die Frage nach Eurobonds und nach Transfers zwischen den Mitgliedstaaten der Währungsunion.

Ob dies alles sein soll, oder ob es im Gegenzug gelingt, wirksame Anreize für Haushaltsdisziplin und für wettbewerbsfördernde Strukturen innerhalb der Währungsunion zu setzen, ist aus ökonomischer Sicht die eigentlich spannende Frage, die politisch zu beantworten ist. Die Zeit dafür dürfte aber jedenfalls nicht unbegrenzt lang sein.

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