Guillaume Rigeade, Co-Head of
Fixed Income bei Carmignac

In Zeiten extrem niedriger Zinsen traten Sorgen über die Staatsverschuldung in den Hintergrund, da angenommen wurde, dies sei für die Regierungen „schmerzlos“. Die aktuelle wirtschaftliche Lage hat die Kosten von Schulden jedoch wieder in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig ist der Finanzierungsbedarf für Staaten, die Autonomie und Wachstum anstreben, größer denn je. Dieses Spannungsfeld stark steigender Verschuldung stellt die üblichen Regeln von Angebot und Nachfrage an den Anleihemärkten auf den Kopf.

Defizite: Immer höher, immer stärker

In den entwickelten Ländern verlangsamt sich das Bevölkerungswachstum und Produktivitätssteigerungen nehmen ab. Hier ist der Rückgriff auf Schulden zur Stimulierung der Wirtschaft zur Regel geworden. Dieser Trend wurde durch ein Umfeld begünstigt, in dem die Leitzinsen – und die Geldpolitik im Allgemeinen – in den vergangenen zwei Jahrzehnten besonders akkommodierend waren. Eine expansive Fiskalpolitik ist daher kaum überraschend.

Die Verschuldung Japans ist seit Anfang der 1990er-Jahre von 70 auf 255 Prozent Ende 2023 gestiegen – damit liegt das Land neben Sudan (256 Prozent) und Libanon (283 Prozent) unter den weltweit am stärksten verschuldeten Staaten. Lange Zeit konnte Japan dank negativer Zinsen und massiver Anleihekäufe der Zentralbank problemlos Kredite aufnehmen, um die niedrige Inflation und das schwache Wachstum auszugleichen. Steigende Zinsen schränken nun jedoch den finanziellen Spielraum der Regierung ein, die in einem relativ inflationären Umfeld um positives Wachstum kämpft – und das verstärkt das Misstrauen vieler Anleiheinvestoren.

Auch die USA stehen im Fokus der Sorgen: Das Land hat bereits eine hohe Verschuldung von 124 Prozent des BIP, und ein Drittel dieser Schulden muss innerhalb der nächsten zwölf Monate refinanziert werden. Täglich steigt die US-Schuldenlast dabei um rund 850 Millionen Dollar. Der Anstieg dürfte sich weiter beschleunigen, da neue fiskalische Maßnahmen im Rahmen des „One Big Beautiful Bill Act“ angekündigt wurden. Ihre Auswirkungen auf das Defizit können nur teilweise durch Zölle ausgeglichen werden, nachdem der von Elon Musk vorgeschlagene Plan zur Effizienzsteigerung der Regierung (DOGE) vor einigen Monaten gescheitert ist.

Auch die Eurozone steht vor Herausforderungen: Rekordinvestitionspläne sollen die Verteidigungsfähigkeit sichern und die Infrastruktur modernisieren, um das schwache Wachstum anzukurbeln. Diese wachsende Abhängigkeit von Schulden als Wachstumshebel schürt Sorgen über eine mögliche Überschuldung. Viele Länder haben dabei bisher jede Form von Schuldendisziplin aufgegeben. Mit dem neuen Plan von Bundeskanzler Friedrich Merz reiht sich nun auch Deutschland in diese Entwicklung ein, da er den 1997 verabschiedeten Stabilitäts- und Wachstumspakt sowie die 2009 verfassungsrechtlich verankerte „Schwarze Null“ (Schuldenbremse) außer Kraft setzt.

Schulden helfen als Wachstumsmotor nur bis zu einem gewissen Grad

Die keynesianische Theorie betont, dass eine höhere Staatsverschuldung arbeitsintensive Projekte wie Infrastruktur finanzieren kann. In der Praxis stößt dieser Ansatz jedoch an Grenzen. Eine ineffektive Schuldenpolitik führt oft zu chronischen Handelsdefiziten und einem Teufelskreis externer Ungleichgewichte. Frankreich ist hierfür ein anschauliches Beispiel: Trotz wiederholter Sparmaßnahmen sind die Defizite stark angestiegen, während das Wachstum kaum positiv ausfällt.

Zudem verschärfen fundamentale Faktoren wie die Zinslast die Schuldenproblematik. Prognosen des Finanzausschusses gehen davon aus, dass die Zinszahlungen bis 2027 auf 72 Milliarden Euro steigen – der drittgrößte Haushaltsposten nach Arbeit und Soziales sowie Verteidigung. Dies zeigt, dass das Land zunehmend schuldenabhängig ist. Die Belastung ist besonders hoch, da die Einkommenssteuereinnahmen nur knapp über 100 Milliarden Euro liegen und geplante Ausgabenkürzungen in einem fragmentierten politischen Umfeld schwer umzusetzen sind.

Das Ergebnis: Die Ausgaben werden weiter über steigende Schulden finanziert. Ende 2024 dürfte das Defizit bereits 5,8 Prozent des BIP erreichen. Frankreich verfolgt damit eine Strategie kontinuierlich wachsender Verschuldung – in einem Umfeld, in dem Schulden Kosten verursachen und die Gesamtverschuldung bereits 114 Prozent des BIP beträgt.

Schuldenliquidität: Eine Herausforderung für das Marktvertrauen

Eine weitere Konsequenz übermäßiger Verschuldung ist die Gefahr einer Negativspirale: Steigende Schulden können die Marktnachfrage bremsen, da Investoren höhere Renditen verlangen, um die schwächeren Fundamentaldaten auszugleichen. Zwar können die meisten Zentralbanken potenzielle Spannungen zwischen wachsendem Schuldenangebot und gedämpfter Nachfrage bisher ausgleichen, doch zeigen sich bereits erste Störungen.

Bei den jüngsten Anleiheauktionen in Japan und den USA war die Nachfrage verhalten, und Investoren reagieren zunehmend kritisch auf fiskalische Instabilität. Ein Beispiel: Die Rücknahme eines 5-Milliarden-Pfund-Plans zur Kürzung der Sozialleistungen in Großbritannien – rund 0,2 % des BIP – führte zu einem starken Anstieg der britischen Zinssätze. Das ist problematisch für das Debt Management Office, da die Renditen für 20- und 30-jährige Laufzeiten nun über dem Niveau von 2022 liegen, dem Höhepunkt der Vertrauenskrise unter Premierministerin Liz Truss.

Hinzu kommt: Höhere Langfristzinsen wirken sich negativ auf die gesamte Wirtschaft aus, da ein hohes Ansteckungsrisiko für andere Finanz- und Sachwerte besteht.

Zwischen Schuldenkrise und Chancen: Wie Anleger auf steigende Zinsen reagieren können

Angesichts dieser fiskalischen Fehltritte erscheint die Zukunft relativ düster, doch es werden weiterhin Lösungswege diskutiert – drei Ansätze stehen dabei besonders im Fokus.
Einige Befürworter, darunter Finanzminister Scott Bessent, plädieren dafür, „aus der Krise herauszuwachsen“: Das nominale Wachstum soll so stimuliert werden, dass die Schuldenlast relativ abnimmt. Andere, eher interventionistisch orientierte Stimmen setzen auf das „Herausdrucken aus der Krise“, also auf eine direkte oder indirekte Monetarisierung der Defizite über die Zentralbanken.

Diese Strategien stoßen jedoch zunehmend an ihre Grenzen. Japan galt lange als Versuchslabor für die Bewältigung hoher Schulden, solange die langfristigen Zinsen stabil blieben und ausreichend Käufer vorhanden waren. Das eigentliche Risiko liegt in steigenden langfristigen Zinsen, die durch schwächere Nachfrage noch verstärkt werden könnten.

In diesem Umfeld bietet ein aktives, opportunistisches Anleihen-Management Anlegern eine Chance: Es erlaubt nicht nur Short-Positionen am langen Ende der Zinskurve, wo steigende Zinsen erwartet werden, sondern auch die gezielte Nutzung von Chancen in anderen Marktsegmenten, die durch Liquiditätsspritzen der Zentralbanken unterstützt werden könnten.

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