Anfang Juni 2025 feierte Circle, der Herausgeber des USDC-Stablecoins, ein spektakuläres IPO an der New Yorker Börse. Gleichzeitig sorgten Kursverluste der Kreditkartenriesen Visa und Mastercard für Schlagzeilen: Investoren befürchten, dass Stablecoins ihnen künftig Marktanteile abnehmen könnten. Parallel dazu legte der US-Senat den Gesetzesentwurf „Genius Act“ vor, der einen regulatorischen Rahmen für Stablecoins schaffen soll.

Stablecoins sind digitale Währungen, deren Wert in der Regel an den US-Dollar oder andere stabile Vermögenswerte gekoppelt ist. Sie verbinden die Vorteile von Kryptowährungen – schnelle, günstige und rund um die Uhr verfügbare Transaktionen, auch über Ländergrenzen hinweg – mit der Stabilität klassischer Währungen. USDC, neben USDT (von Tether) einer der bekanntesten Stablecoins, ist beispielsweise auf mehreren Blockchains, darunter Ethereum und Solana, nutzbar. Darüber hinaus ermöglichen Stablecoins Menschen ohne Zugang zum klassischen Bankensystem die Teilnahme an digitalen Finanzdienstleistungen.

Transparente Absicherung

Ein Großteil der führenden Stablecoins wird durch Reserven in Form von kurzfristigen US-Staatsanleihen (T-Bills) und US-Dollar-Bankguthaben gedeckt. Bei USDC liegen etwa 80 Prozent der Reserven in US-Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit und 20 Prozent in Bankeinlagen.

Die Emittenten verpflichten sich zu vollständiger Transparenz und zur regelmäßigen Offenlegung der Reserven. Das Ziel besteht darin, sicherzustellen, dass jeder Token jederzeit zum Kurs von eins zu eins gegen US-Dollar eingelöst werden kann. Ein künftiger regulatorischer Rahmen („Genius Act“) in den USA sieht vor, dass Stablecoins ausschließlich durch liquide Mittel wie Bargeld und T-Bills gedeckt sein dürfen, um Vertrauen und Stabilität zu gewährleisten.

Schwellenländer testen digitale Währungen

Eine Alternative zu Stablecoins könnten digitale Zentralbankwährungen (CBDC, Central Bank Digital Currency) sein. Doch sowohl die US-Notenbank Fed als auch US-Präsident Donald Trump lehnen deren Einführung ab. Während die EZB sich noch in der Projektphase befindet, testen Länder wie China und Indien bereits eigene digitale Währungen im kleineren Maßstab.

 

Zentralbanken befürchten, dass CBDCs das klassische Bankensystem untergraben oder einzelne Geschäftsmodelle überflüssig machen könnten. Dennoch arbeiten große Banken wie J.P. Morgan an eigenen Lösungen, beispielsweise an bankeninternen Stablecoins zur Abwicklung von Großbetragszahlungen.

Stablecoins finanzieren US-Staatsschulden

Die Emittenten von Stablecoins profitieren doppelt: Einerseits erhalten sie de facto zinslose Einlagen, andererseits investieren sie diese in zinstragende Staatsanleihen, die aktuell Renditen von rund 4 Prozent bieten. Auch für die US-Regierung ist dieses Modell attraktiv, da so eine neue, stetig wachsende Käufergruppe für US-Staatsanleihen entsteht. Das erklärt vermutlich auch, warum Trump CBDCs ablehnt – im Gegensatz zu Stablecoins tragen diese nicht zur Finanzierung des US-Haushalts bei.

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Der aktuelle Marktwert aller Stablecoins beträgt rund 250 Milliarden US-Dollar. Davon dürften etwa 200 Milliarden in kurzlaufende US-Staatsanleihen investiert sein, mit steigender Tendenz. US-Finanzminister Scott Bessent rechnet bereits in wenigen Jahren mit einem Volumen von über 3 Billionen US-Dollar. Das käme Washington sehr gelegen, da sich immer mehr ausländische Investoren aus dem US-Anleihenmarkt zurückziehen.

Stablecoins nicht ohne Risiken

Ein zentrales Problem ist die Vertrauenswürdigkeit der Emittenten. Zwar geben viele Anbieter an, ihre Token vollständig durch liquide Mittel wie US-Dollar oder Staatsanleihen zu decken. Doch die tatsächliche Transparenz und Kontrolle ist oft begrenzt. Insbesondere bei nicht US-regulierten Emittenten bestehen Zweifel an der Qualität der Reserven und an deren Einlösbarkeit im Krisenfall.

 

Ein besonders eindrückliches Beispiel lieferte im Jahr 2022 der Zusammenbruch des algorithmischen Stablecoins Terra USD (UST): Anleger verloren dabei rund 40 Milliarden US-Dollar. Auch technologische Risiken wie Hacks, Fehler in Smart Contracts oder Blockchain-Ausfälle können die Stabilität gefährden. Hinzu kommt das Risiko einer Fragmentierung des Zahlungsverkehrs, sollte es zu einer großen Anzahl nicht interoperabler Stablecoins kommen.

Aus Sicht der Finanzaufsicht besteht außerdem die Sorge, dass großvolumige Stablecoins im Falle plötzlicher Abflüsse sogenannte „Runs“ auslösen und damit Marktinstabilitäten verursachen, die mit einem Bank-Run vergleichbar sind. Je größer das Volumen der Stablecoins ist, desto größer ist das systemische Risiko – insbesondere, wenn die Regulierung nicht Schritt hält.

Brücke zwischen Krypto- und klassischem Finanzsystem 

Stablecoins sind unter dem Strich ein innovatives Instrument, das einige Vorteile bietet: von günstigen, schnellen Zahlungen bis hin zur Integration in digitale Finanzsysteme. Insbesondere im internationalen Zahlungsverkehr und als Brücke zwischen dem Krypto- und dem klassischen Finanzsystem können sie eine wichtige Rolle spielen. Die damit verbundenen Risiken, vor allem im Bereich der Sicherung, Regulierung und Systemstabilität, sollten jedoch nicht unterschätzt werden.

 

Wie so oft wird die Schnelligkeit der Implementierung neuer Technologien jedoch überschätzt. Das gilt vermutlich auch für Stablecoins, da es für Konsumenten keinen echten Mehrwert gibt. Daher sollten die Auswirkungen auf die Finanzbranche in den nächsten Jahren begrenzt bleiben. Allerdings zeichnen sich für die US-Administration messbare Vorteile ab.

Als klassische Kapitalanlage eignen sich Stablecoins hingegen kaum, da sie selbst keine Zinsen abwerfen und auch nur den Wert des gekoppelten Assets, zum Beispiel US-Dollar, widerspiegeln. Es gibt jedoch sogenannte Lending-Plattformen, bei denen sich etwas Geld verdienen lässt, wenn Anleger ihre Stablecoins an diese verleihen. Die Plattformen reichen die Stablecoins als Kredite weiter, wofür der Verleiher einen Zins erhält. Ob diese Geschäfte die damit verbundenen Risiken wert sind, darf allerdings bezweifelt werden.


Marco Herrmann
Marco Herrmann © Fiduka

Über den Autor:

Marco Herrmann ist seit 1992 für renommierte Banken und Fondsgesellschaften tätig. Seit 2010 verantwortet er als Geschäftsführer die Anlagestrategie der Fiduka.