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Anlagestratege Andrew Ye
Infrastruktur-Evolution: Wie Stablecoins und Tokenisierung institutionelle Reife erreichen
Über Jahrzehnte hinweg basierte die Abwicklung von Finanztransaktionen auf einem komplexen Geflecht aus Intermediären, isolierten Ledgern und Settlement-Zyklen, die oft Tage in Anspruch nahmen. Dieses System funktioniert zwar, erweist sich jedoch insbesondere für die Private Markets als zu intransparent, langsam und kostenintensiv. Auf Blockchain basierende Systeme scheinen diese Lücke schließen können – und zwar so gut, dass sie zunehmend zur grundlegenden Infrastruktur für die weltweit größten Finanzinstitutionen werden.
Im Mittelpunkt dieses Wandels stehen zwei Anwendungsbereiche: Stablecoins, die eine digitale Cash-Ebene bieten, und die Tokenisierung, die eine Ebene für digitale Vermögenswerte schafft. Zusammen könnten sie die Abwicklungszeiten verkürzen, die Handelszeiten verlängern und den Zugang zu Anlageklassen erweitern, die bislang institutionellen Investoren vorbehalten waren.
Marktdynamik und Skalierung: mehr als ein Krypto-Derivat
Das Wachstum des Stablecoin-Marktes verdeutlicht die Dynamik: Innerhalb von sechs Jahren stieg die Marktkapitalisierung laut einem Report der Macquarie Group von 28 Milliarden US-Dollar auf über 320 Milliarden US-Dollar (Abbildung 1).[1][2]
Abbildung 1: Spot-Kryptowährungshandelsvolumen im Vergleich zum Stablecoin-Transaktionsvolumen (bereinigt)
Besonders bemerkenswert ist die Entkoppelung des Transaktionsvolumens vom reinen Spot-Handel mit Kryptowährungen. Während im Februar 2024 das monatliche Transfervolumen noch bei 1,9 Billionen US-Dollar lag, verdoppelte es sich bis Februar 2025 auf 4,1 Billionen US-Dollar (Abbildung 2), wie Artemis Analytics berichtet.[3] Das bereinigte jährliche Transfervolumen beziffert Macquarie im Jahr 2025 mit rund 11 Billionen US-Dollar. Damit erreicht es bereits Dimensionen traditioneller Zahlungsnetzwerke.[4]
Abbildung 2: Gesamtwert der tokenisierten reellen Vermögenswerte
Obwohl laut Internationalem Währungsfonds (IWF) etwa 80 Prozent der Transaktionen heute noch auf Arbitrage-Systeme und Bots entfallen, gewinnen reale Anwendungsfälle massiv an Boden.[5] In Schwellenländern, etwa in Lateinamerika, nutzen bereits 71 Prozent der Umfrageteilnehmer Stablecoins für grenzüberschreitende Zahlungen, da diese die Gebühren um bis zu 60 Prozent senken und Transaktionen in Sekunden statt Tagen abwickeln.[6][7] Auch im Corporate Treasury stieg die Nutzung für Working Capital und Lieferketten-Settlements gemäß Analysen von Coin Law im Jahr 2025 um etwa 25 Prozent.[8]
Die Tokenisierung von Real-World Assets (RWA)
Gleichzeitig scheint sich die Tokenisierung als Instrument zur Effizienzsteigerung zu etablieren. Der On-Chain-Wert von RWAs (exklusive Stablecoins) wuchs von etwa einer Milliarde US-Dollar Ende 2022 auf 21,4 Milliarden US-Dollar Ende 2025.[9] Das größte Segment stellen dabei tokenisierte US-Treasuries dar, gefolgt von Rohstoffen und institutionellen alternativen Fonds.
Dass die Branche das Stadium experimenteller Pilotprojekte längst hinter sich gelassen hat, verdeutlicht die konsequente Marktdurchdringung führender Global Player. Ein Paradebeispiel liefert der Asset-Manager Blackrock mit seinem im März 2024 emittierten tokenisierten Treasury-Fonds Buidl. Das Vehikel durchbrach bis zum Jahresende 2025 die Marke von 2,5 Milliarden US-Dollar an verwaltetem Vermögen und operiert im Sinne einer umfassenden Interoperabilität mittlerweile auf acht verschiedenen Blockchain-Netzwerken.[10]
Parallel dazu nutzt Franklin Templeton die neuen regulatorischen Spielräume des US-amerikanischen Genius Acts, um die Blockchain-basierte Distribution seiner Geldmarktfonds strukturell zu verankern. In diese Riege reiht sich zudem J.P. Morgan ein: Mit der im Dezember 2025 erfolgten Lancierung des ersten tokenisierten Geldmarktfonds auf dem Ethereum-Mainnet unterstreicht das Institut die zunehmende Konvergenz von traditionellem Banking und dezentralen Infrastrukturen im Bereich des Liquiditätsmanagements.
Regulatorische Klarheit als Katalysator
Die institutionelle Kapitalallokation folgt primär regulatorischer Sicherheit. In den USA wurde mit dem am 18. Juli 2025 unterzeichneten Genius Act das erste umfassende Bundesrahmenwerk für Stablecoins geschaffen.[11] Es schreibt eine 1:1-Besicherung mit liquiden Mitteln vor und unterstellt Emittenten der Bankgeheimnis-Gesetzgebung. In der EU sorgt die seit Ende 2024 voll anwendbare Mica-Verordnung für einheitliche Regeln in allen 27 Mitgliedstaaten. Flankierend dazu hat die Europäische Kommission vorgeschlagen, die Schwellenwerte für das DLT-Pilotregime von 6 Milliarden Euro auf 100 Milliarden Euro anzuheben. Das unterstreicht das Ziel einer signifikanten Marktausweitung.[12]
Implikationen für das Asset Management
Für das Asset Management bedeutet die Tokenisierung einen Paradigmenwechsel in Bezug auf Zugang und Liquidität. Private-Equity-Strategien oder Immobilienfonds, die häufig Mindestanlagen von einer Million US-Dollar erforderten, werden durch Fraktionierung für kleinere Investoren zugänglich. Plattformen wie ADDX bieten bereits tokenisierte Anteile ab 10.000 US-Dollar an.[13]
Die operationelle Effizienz verbessert sich durch die Möglichkeit täglicher Dividendenauszahlungen und den 24/7-Handel. Laut der Funds Europe-Caceis Digital Assets Survey planen 62 Prozent der Asset-Manager, die noch keinen tokenisierten Fonds führen, die Auflage eines solchen innerhalb der nächsten fünf Jahre – getrieben durch die antizipierte Nachfrage der Investoren.[14] BCG prognostiziert für tokenisierte Fonds bis 2030 ein verwaltetes Vermögen von 600 Milliarden US-Dollar.[15]
Eine neue Finanzarchitektur entsteht
Obwohl Stablecoins und Tokenisierung derzeit noch einen Bruchteil der globalen Märkte ausmachen, ist die infrastrukturelle Basis gelegt. Die Kombination aus technologischem Reifegrad, regulatorischer Flankierung und dem Engagement der weltweit größten Vermögensverwalter deutet darauf hin, dass dies erst der Beginn einer umfassenden Neuordnung der globalen Finanzarchitektur ist.
[1] CoinDesk (14 November 2025) BlackRock’s $2.5B Tokenized Fund Gets Listed as Collateral on Binance.
[2] Franklin Templeton (9 June 2025) Tokenized money market funds: The bridge to a new financial infrastructure.
[3] Ledger Insights (4 December 2025) EU Commission Floats Major DLT Pilot Regime Upgrade.
[4] BCG/ADDX (September 2022) DLT Pilot Regime.
[5] Funds Europe & CACEIS (February 2026) Digital Assets Survey.
[6] BCG (29 October 2024) Tokenized Funds: The Third Revolution in Asset Management Decoded.
[7] IMF (2025) Understanding Stablecoins.
[8] Fireblocks (2025) State of Stablecoins 2025.
[9] Transak (2025) Global Money Movement Report 2025.
[10] CoinLaw (September 2025) Stablecoin Market Share by Chain Statistics 2025.
[11] RWA.xyz data (Accessed 30 March 2026
[12] Artemis & Dune (19 March 2025) The State of Stablecoins 2025: Supply, Adoption & Market Trends.
[13] Macquarie Group (10 March 2026) Stablecoins are Starting to Reshape Payments and Banking.
[14] Citi GPS (April 2025) Stablecoin 2030.
[15] CryptoTicker (15 March 2026) Stablecoin Market Cap Hits $320 Billion as Institutional Adoption Goes Vertical.
