Manchmal entscheiden sich die großen Fragen der Finanzwelt in Washington. Etwa diese Woche: Das Repräsentantenhaus hat am Donnerstag mehrheitlich Gesetzesvorhaben von US-Präsident Donald Trump in Bezug auf Krypto verabschiedet. Dazu zählt der sogenannte Clarity Act, zudem stimmten die Abgeordneten Regelungen für sogenannte Stablecoins zu.
Nun stehen die Zentralbanken der Welt vor einer unbequemen Wahrheit: Sie haben den Kampf um die Zukunft des Geldes womöglich schon verloren, bevor er richtig begonnen hat.
250 Milliarden US-Dollar fließen bereits in Stablecoins – digitale Münzen, die meist an den Dollar gekoppelt sind. Bis 2030 könnte diese Summe auf 3,7 Billionen Dollar steigen, schätzt das Citi Institute. Und praktisch alle diese Token sind dollargekoppelt.
Die Europäer basteln noch am digitalen Euro
Was bedeutet das für die Europäische Zentralbank, die Bank of England oder die Bundesbank? Sie spielen auf Zeit – und verlieren dabei. Während Trump mit markigen Worten verspricht, den Kauf von Kryptowährungen so einfach zu machen „wie den Kauf einer Tasse Kaffee“, basteln die Europäer noch am digitalen Euro.
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt derweil vor den Risiken: Stablecoins könnten das Vertrauen in staatliches Geld untergraben, die Geldpolitik schwächen und die Finanzstabilität gefährden.
Das stimmt alles. Nur: Diese Warnungen ändern nichts daran, dass die Realität längst eine andere ist.
Nigeria als warnendes Beispiel
Nigeria zeigt, wohin es führt, wenn Zentralbanken die Entwicklung verschlafen. 2021 führte das Land seine eigene digitale Währung ein, die E-Naira. Es war ein digitales Abbild der staatlichen Währung. Die Bürger ignorierten sie schlicht und kauften stattdessen dollargekoppelte Stablecoins. Am Ende musste die Regierung gegen Krypto-Börsen vorgehen – ein Eingeständnis des Scheiterns.
Die Europäische Zentralbank könnte daraus lernen. Stattdessen hofft sie, dass ihr digitaler Euro rechtzeitig kommt. Doch „rechtzeitig“ könnte längst vorbei sein. Wenn amerikanische Stablecoins erst einmal Standard sind, wird es schwer, europäische Alternativen zu etablieren.
Großbritannien rudert zurück
Immerhin: Die Bank of England hat verstanden, dass sich die Zeiten ändern. Sie lockert ihre restriktive Haltung gegenüber Stablecoins, weil sie befürchtet, im Wettbewerb um Finanzinnovationen abgehängt zu werden. „Wenn die Bank of England ihren Ansatz nicht lockert, verliert sie die Fähigkeit, die Regeln zu setzen“, sagt Varun Paul, ehemaliger Leiter der Fintech-Abteilung der britischen Notenbank, gegenüber der „Financial Times“.
Genau das ist der Punkt. Wer die Technologie nicht mitgestaltet, wird von ihr überrollt. Trump hat das verstanden. Er macht aus der Krypto-Regulierung ein Instrument amerikanischer Soft Power. Dollar-gekoppelte Stablecoins werden zum Vehikel, um die Dominanz des Greenbacks zu zementieren.
Europa kann noch gegensteuern
Für Europa ist es noch nicht zu spät. Doch die Zeit läuft ab. Statt weiter vor den Risiken zu warnen, sollten die Europäer ihre eigenen Stablecoins fördern – Euro-gekoppelt, von europäischen Unternehmen herausgegeben, nach europäischen Standards reguliert. Die DWS etwa baut mit einigen Partnern (darunter das Bankhaus Metzler) an einem eigenen Stablecoin.
Denn die Alternative ist eine Welt, in der amerikanische Technologieunternehmen bestimmen, wie wir in Zukunft bezahlen. Das kann nicht im Interesse Europas sein. Wer bei der nächsten Finanzrevolution mitentscheiden will, muss jetzt handeln.
Später ist zu spät.
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