Es ist die Frage, die derzeit Investoren weltweit umtreibt: Stehen wir vor dem Platzen einer KI-Blase? Die Magnificent Seven dominieren die Märkte wie selten zuvor, die Bewertungen steigen und steigen – und trotzdem fließt immer mehr Kapital in die Tech-Giganten.

„Ich vergleiche es gern mit einer griechischen Tragödie“, sagt Elliot Hentov, Chief Macro Policy Strategist bei State Street Investment Management, im Gespräch mit DAS INVESTMENT. „Im Moment sind wir am Ende des dritten Aktes, nicht im fünften, in dem es zur Katastrophe kommt.“ Der Makro-Experte hat die aktuelle KI-Euphorie mit historischen Blasen verglichen. Das Ergebnis: Die Parallelen geben eher Zuversicht als Anlass zur Panik.

„Der Protagonist trifft im dritten Akt bereits die ersten Fehlentscheidungen, die zum Verhängnis werden“, führt Hentov die Metapher fort. Bezogen auf die KI-Blase meint er damit zwei konkrete Entwicklungen: Erstmals nehmen die großen Tech-Konzerne in größerem Stil Schulden auf. Gleichzeitig entsteht eine intensive Vernetzung der Akteure im KI-Bereich – Zulieferer sind gleichzeitig Kunden, Investoren sitzen in Aufsichtsräten. „Das war typisch bei vorhergehenden Blasen. Aber wir sind noch nicht auf einem Level, wo es kritisch wird.“

KI-Blase? Warnlampe leuchtet gelb, nicht rot

Die Zahlen geben Hentov recht: Die Schuldenaufnahme als Anteil vom operativen Cashflow lag bei den Tech-Giganten in der Vergangenheit bei etwa 40 Prozent. Aktuell ist dieser Wert auf über 60 Prozent gestiegen. Der Höhepunkt während der Dotcom-Blase lag bei knapp 100 Prozent. „Da ist noch etwas Spiel nach oben“, sagt Hentov. Vergleicht man es mit der Dotcom-Blase, befinde man sich jetzt etwa bei 1997 bis 1998.

Konrad Kleinfeld, Leiter des Anleihenvertriebs im EMEA-Raum bei State Street, ergänzt den pragmatischen Investorenblick: „Jeder Investor muss abwägen: Steige ich jetzt aus, weil ich eine Gefahr sehe, die vielleicht in zwei, drei Jahren kommt, und verzichte damit auf Renditechancen? Oder bleibe ich investiert?“ Die Magnificent Seven verfügten schließlich über starke Cash-Positionen und hätten starke operative Geschäfte. Ende August 2025 entfielen auf die sieben US-Tech-Riesen rund 34 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500 – ein historischer Höchstwert.

US-Aktien bleiben erste Wahl

State Street – das Unternehmen verwaltet Vermögenswerte von über 5 Billionen US-Dollar und betreibt elf Investmentzentren weltweit – bleibt bei seiner mehrjährigen Empfehlung: US-Aktien mit Tech-Exposure weiterhin halten. „Wir sehen die Argumente nicht, uns von den US-Aktienmärkten abzuwenden“, sagt Hentov. Weder das wirtschaftliche Umfeld noch die geopolitischen Risiken sprächen dagegen.

Im Gegenteil: Für 2026 erwartet der Makro-Experte deutlich weniger marktrelevante geopolitische Schocks als 2025. „Vergangenes Jahr hatten wir eine unglaubliche Volatilität – die Amerikaner haben die Schutzdecke Europas weggezogen, es gab die Zeitenwende in der deutschen Fiskalpolitik, dann den Handelskrieg.“

Geopolitik verliert an Marktrelevanz

Für die kommenden Monate sieht Hentov eher eine Abkühlung: „Es wird viel passieren, aber die Überleitung zum Finanzmarkt ist begrenzt.“ Selbst ein Friedensschluss in der Ukraine wäre kein Makrothema mehr, sondern würde einzelne Sektoren betreffen. Bei der Rüstungsindustrie hält er die Reaktionen auf Friedensverhandlungen für irreführend: „Der Hauptschock hat schon stattgefunden und der ist nicht rückgängig zu machen. Die Europäer rüsten auf, die Amerikaner ziehen sich zurück.“

Auch die Sorge um eine schwächelnde US-Wirtschaft teilt Hentov nicht: „Die Volatilität der Politik hat sich in den Makrodaten niedergeschlagen. Die Zölle wirkten wie eine Steuererhöhung von knapp einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts – kein Wunder, wenn das Wachstum dann um etwa 1 Prozent schrumpft.“ Für 2026 erwartet er eine Trendwende: leichte Stimulierung durch Zinspolitik, steuerliche Anreize für Unternehmensinvestitionen, Steuerrückzahlungen für Haushalte im April. „Die einzelnen Schritte sind nicht groß, aber sie haben alle ein kleines Plus.“

Über Tech hinaus: Diese US-Sektoren profitieren mit

Sein Kollege Kleinfeld rät allerdings, nicht nur auf die Magnificent Seven zu setzen. „Das Thema KI reicht weiter“, erklärt er. „Es geht um Daten, Computing-Power und Energie – damit sind wir bei Communication Services, Utilities und Industrietiteln.“

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Weitere Chancen sieht er im Finanzsektor. Dort gebe es große Erwartungen, dass die Bankenregulierung unter Trump zurückgefahren werde, was die Gewinne steigern könnte. Überraschend positiv sei auch der Healthcare-Bereich: „Trump wird neutraler gegenüber Healthcare. Allein diese Veränderung ist positiv für einen Sektor, den viele Investoren gar nicht allokiert haben.“ Zudem seien die Bewertungen fundamental günstig.

Japan und Schwellenländer überraschen

Zu den größeren Überraschungen im Kapitalmarktausblick von State Street, der kürzlich veröffentlicht wurde, zählt die positive Einschätzung zu Japan. „Japan hat seit knapp sechs Wochen eine neue Premierministerin“, erinnert Kleinfeld. „Da wurde erkannt, dass Strukturreformen nötig sind – bei Konsumenten, Strompreisen, aber auch beim Thema KI. Die Ökonomie öffnet sich politisch. Das sollte sich in höheren Erträgen widerspiegeln.“

Noch bemerkenswerter: Erstmals seit langem zeigt sich State Street positiv gegenüber Schwellenländern – und zwar in der Breite. „Das ist eine klassische 20th-Century-Story“, sagt Hentov. „Der Dollar schwächelt, die Inflation ist stark gesunken, der Handelskrieg ist vorbei – die Rückenwinde sind alle in Stellung.“ Das Haus sieht Chancen sowohl bei Aktien als auch bei Anleihen – egal ob in lokaler Währung oder in US-Dollar.

Einzige Ausnahmen: „Wir mögen Investment Credits aufgrund der bereits sehr engen Risikoaufschläge nicht so sehr“, schränkt Kleinfeld ein. Auch lange Laufzeiten über zehn Jahre meide man – dort drohen bei steigenden Renditen Kursverluste.