DAS INVESTMENT: Herr Maiss, Sie beschäftigen sich nunmehr seit über 30 Jahren ausschließlich mit nachhaltigen Investments. Wie hat sich die Rolle der Nachhaltigkeit bei der Geldanlage in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?
Stefan Maiss: Nun, auf reiner Zahlenbasis haben unsere Auswertungen ergeben, dass 2021 nur rund 800 Fonds nach Artikel 8 oder Artikel 9 der SFDR zugelassen waren, während die folgenden Jahre eine kontinuierliche Steigerung zu verzeichnen war. Heute haben wir es mit über 3.500 ESG-Fonds zu tun.
Hier sehen wir ein deutlich zunehmendes und breit gefächertes Angebot im ESG-Fondsmarkt. Für Berater und Endkunden eigentlich kaum mehr zu durchschauen – daher diese wertvolle Orientierungshilfe, sich schnell und einfach einen Überblick zu verschaffen.
Nach Angaben des BVI lag das Volumen Ende 2022 bei 619 Milliarden Euro, Ende 2024 waren es 764 Milliarden Euro und Ende 2025 kam es mit rund 750 Milliarden Euro zu einem leicht rückläufigen Ergebnis. Auffallend ist, dass im vergangenen Jahr die Mittelzuflüsse in konventionelle Fonds deutlich stärker zugelegt haben.
Wie nehmen Sie die Stimmung zum einen bei der Fondsindustrie und zum anderen bei den Anlegern wahr und wie blicken Sie bei Provita auf Branche und Markt?
Maiss: Ich fange mal bei unseren Anlegern an. Wir sehen nur wenige, die sich von nachhaltigen Kriterien abwenden und sich dann auf Rüstung, KI, Krypto, oder fossile Energien fokussieren. Den meisten Menschen ist nach wie vor klar, dass sie mit ihrer Kapitalanlage eine gewisse Lenkungswirkung haben und auch langfristig verantwortungsbewusst investieren wollen. Ganz abgesehen davon haben sie zum Teil über Jahrzehnte feststellen können, dass mit nachhaltiger Ausrichtung im Depot äußerst attraktive Ergebnisse erzielt werden konnten.
Und die Produktgeber-Seite?
Maiss: Die Fondsindustrie war in Sachen ESG viele Jahre verwöhnt von Wachstum, Zuspruch und steigenden Volumina. Dass es immer wieder mal Phasen zum Durchatmen gibt, ist aus meiner Sicht völlig normal und liegt auf der Hand. Wir sehen nun recht deutlich, wer sich nach wie vor der Bedeutung bewusst ist und wer sich schnell „ablenken“ lässt.
Unumstritten ist, dass die dringend erforderliche Transformation und die nachhaltigen Ziele der Vereinten Nation nur durch Investitionen auch aus privater Hand stattfinden kann. Sicherlich waren die Diskussionen in Brüssel, dass Gas, Atomkraft und Rüstung doch auch irgendwie nachhaltig sein sollen, nicht zuträglich. Damit haben Glaubwürdigkeit und Seriosität von ESG-Investments erheblich gelitten, vor allem bei denjenigen, die sich dadurch verleiten ließen.
Sie veranstalten – mit DAS INVESTMENT als Partner – zum fünften Mal den Sustainable Performance Award, der auf einem umfassenden ESG-Fondsvergleich basiert. Die diesjährige Verleihung findet am 26. Februar in Wiesbaden statt. Was unterscheidet ihre Auszeichnung von anderen?
Maiss: Die meisten Beraterinnen und Berater sind mit der Anzahl an Angeboten überfordert und es gibt keinen vergleichbaren und umfassenderen Überblick über die ESG-Fondsbranche. Für unseren Award messen wir zu einem festen Stichtag die Performance für drei Zeiträume. Wir bekommen dazu drei Top-Ratingergebnisse geliefert – auch mit den fünf wichtigsten SDGs (Sustainable Development Goals, Anm. d. Red.), die den Managementfokus des Fonds beleuchten. Das Ganze in sechs verschiedenen Asset-Klassen, vier Länderallokationen, und fünf SRI-Klassen. Verständlich, umfassend und transparent.
Mit den Auswertungen und der daraus resultierenden Award-Vergabe möchten wir den Besten der Besten Anerkennung zukommen lassen und sie weiter motivieren, sich auch zukünftig für Nachhaltigkeit und stetige Optimierung einzusetzen.
Sie setzen in Ihrer aktuellen Auswertung neu auf das Rating von Morningstar Sustainalytics. Weshalb?
Maiss: Mit ISS-ESG, MSCI und Morningstar Sustainalytics haben wir eine hohe Marktdurchdringung, jahrzehntelange Erfahrungen, weltweite Vernetzung, seriöse Anbieter und umfangreiche und tiefgreifende Analyse- und Ratingprozesse, die eine gute Orientierungshilfe in Sachen Nachhaltigkeitsratings liefern.
Die EU‑Kommission hat Ende 2025 einen Reformvorschlag für die SFDR vorgelegt, der vorsieht, die bisherigen Nachhaltigkeitskategorien zu ersetzen. Wie ist Ihr Blick darauf?





Maiss: Die EU-Kommission hat wohl eingesehen, dass mit der bisherigen Vorgehensweise und Komplexität das eigentliche Ziel verfehlt wurde. Der neue Vorschlag geht jetzt erstmal ans Europäische Parlament und den Europäischen Rat, die darüber befinden werden. Es bleibt abzuwarten, was dort entschieden wird.
Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass regulatorische Festlegungen – nicht wissenschaftliche oder ökonomische Argumente – die Wahrnehmung von Nachhaltigkeit beeinflussen können. Die EU-Taxonomie dient eher der politischen Interessenslage- und Durchsetzung, basiert somit aber nicht auf empirischen, wissenschaftlich belastbaren Erkenntnissen.
Für Donald Trump spielt Nachhaltigkeit keine Rolle, und auch die aktuelle deutsche Bundesregierung setzt einen anderen Fokus. Was bedeutet das konkret für Sie?
Maiss: Wir sind schon zu lange im Markt, als dass wir uns von vorübergehenden Ereignissen, irrationalen Entscheidungen und Stimmungsschwankungen beeindrucken lassen.
Der US-Präsident hat jüngst entgegen aller wissenschaftlicher Erkenntnisse Treibhausgase als unschädlich deklariert, Windenergie als zu teuer eingestuft, ist erneut bei verschiedenen Faktenchecks kläglich durchgefallen und hat damit wieder einmal einen „geistigen Offenbarungseid“ geleistet. Im November finden in den USA die Midterms statt. Wir haben berechtigte Hoffnung, dass dann das bisherige, willkürliche Handeln des US-Präsidenten, nicht mehr so einfach möglich sein wird.
Natürlich wäre es auch hierzulande wünschenswert, wenn der Nachhaltigkeit die ihr gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Dann würde vieles schneller gehen, und weitreichende, zum Teil irreparable Schäden bei Biodiversität und Ökosystemen könnten vermieden oder verringert werden.


