AVD: „Die ursprüngliche Idee kam von Hendrik Leber“
Stefan Riße von Acatis„Das Altersvorsorgedepot gehtaufeineIdeevonHendrikLeberzurück“
Die Idee stammt von Hendrik Leber, nun bietet Acatis das Altersvorsorgedepot als White-Label-Lösung an. Stefan Riße über das Konzept, den neuen Renten-ETF und die Kosten.
Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei Acatis: „Hendrik Leber stellte mit der URL www.altersvorsorgedepot.de 2019 eine Seite ins Netz, die dann von der Politik aufgegriffen wurde.“| Bildquelle: Svetlana Kerschner
DAS INVESTMENT: Acatis bietet das Altersvorsorgedepot als White-Label-Lösung an. Wie funktioniert das?
Stefan Riße: Gemeinsam mit der Baader Bank und financial.com stellen wir Finanzdienstleistern eine digitale Klickstrecke zur Verfügung, über die ihre Kunden ein Altersvorsorgedepot eröffnen können. Die Finanzdienstleister binden sie als Link in ihre eigene Website ein und können das Depot unter ihrem eigenen Namen anbieten. Vertragspartner des Kunden ist am Ende die Baader Bank, die bis vor Kurzem übrigens auch das gesamte Geschäft für Scalable abgewickelt hat.
Dass wir als Fondsboutique hier aktiv werden, klingt wahrscheinlich etwas ungewöhnlich. Es liegt daran, dass die ursprüngliche Idee des Altersvorsorgedepots von unserem Gründer Hendrik Leber stammt. Er stellte mit der URL www.altersvorsorgedepot.de 2019 eine Seite ins Netz, die dann von der Politik aufgegriffen wurde. Die Seite sehen wir als Chance und Verpflichtung zugleich, das Altersvorsorgedepot weiter populär zu machen. Deshalb wollen wir auch unseren Kunden einen einfachen Zugang zur Eröffnung von Altersvorsorgedepots für deren Endkunden zur Verfügung stellen.
Auch eine auf die Bedürfnisse des jeweilgen Vertriebspartners angepasste Version der Seite www.altersvorsorgedepot.de ist machbar. Wir haben da alle relevanten Informationen zum Altersvorsorgedepot drauf, und eine unabhängige Redaktion dahinter, die rund um das Thema Altersvorsorge allgemein laufend berichtet.
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Wie legen gerade ein Renten-ETF eigens für das Altersvorsorgedepot auf.
Welche Varianten stehen den Kunden offen?
Riße: Es gibt zwei: das frei zusammengestellte Altersvorsorgedepot und das Standarddepot. Im Altersvorsorgedepot lassen sich alle Fonds bis Risikoklasse 5 sowie Schuldverschreibungen erwerben. In dem Standarddepot, das wir über die Klickstrecke anbieten, stecken zwei Acatis-Fonds: der bereits bestehende Acatis Altersvorsorgedepot ETF (ISIN: DE000A428XC1) und ein Renten-ETF der Risikoklasse 1 bis 2. Leztzteren schreibt der Gesetzgeber zwingend vor, und wir legen ihn eigens dafür gerade auf.
Riße: Durchaus. Im Standarddepot sind Eltifs zwar nicht zugelassen, im freien Altersvorsorgedepot aber schon. Ich persönlich halte für den langfristigen Vermögensaufbau allerdings Aktien für die bessere Wahl. Eltifs bergen andere Risiken und sind weniger transparent.
Wie hoch sollte denn die Aktienquote sein?
Riße: Als Faustregel gilt für mich: Je jünger der Anleger, desto höher die Aktienquote. Wer am Anfang seines Berufslebens steht oder auch noch um die 40 ist, sollte voll auf Aktien-ETFs oder Aktienfonds setzen. Mit Blick auf den Ruhestand kann er dann schrittweise in sicherere Anlagen umschichten, und das bleibt im Altersvorsorgedepot jedem selbst überlassen. Diese Umschichtung ist wichtig. Wer sich zum Rentenbeginn etwa gleich 30 Prozent auszahlen lassen möchte, für den macht es einen erheblichen Unterschied, ob die Börsen gerade hoch stehen oder ob der Ruhestand unmittelbar auf einen Crash folgt. Deshalb empfiehlt es sich, in den letzten zehn Jahren vor der Rente, also etwa ab 55, mindestens aber in den letzten fünf Jahren, einen Teil des Depots in risikoärmere Anlagen zu verlagern.
Und wer erst mit 55 Jahren oder kurz vor 65 Jahren einsteigt?
Riße: Dann kommt es auf den gesamten Anlagemix an. Wer Immobilien, Mieteinkünfte oder eine andere Altersvorsorge neben der gesetzlichen Rente hat, kann die fünf Jahre Förderung mitnehmen und einen großen Teil in Aktien anlegen, weil er an anderer Stelle sicherer aufgestellt ist. Wer dagegen ausschließlich über dieses Depot vorsorgt und mit 55 Jahren beginnt, sollte gleich eine Mischung aus Aktien und Anleihen wählen und Richtung Rente sukzessive noch stärker umschichten. Das geht ja alles abgeltungsteuerfrei in der Ansparphase.
Nehmen Sie auch Fonds anderer Anbieter ins Altersvorsorgedepot?
Riße: Das entscheidet der Finanzdienstleister, nicht wir. Um es klar zu sagen: Acatis wird Privatanlegern keine Altersvorsorgedepots direkt anbieten. Wir betreuen auch heute keine Privatkunden. Wir sind eine reine Fondsboutique und bleiben das auch. Die Klickstrecke, die wir mit Partnern entwickelt haben, ist ein technisches Tool: Betreuung und Service übernehmen unsere Kunden, die es einsetzen. Im Standarddepot sind Acatis-Fonds enthalten. Im flexiblen Altersvorsorgedepot freuen wir uns natürlich, wenn die Finanzdienstleister auch Acatis-Fonds allokieren. Letztlich entscheidet aber der Anleger, wir haben darauf keinen Einfluss.
Bei den Kosten konkurrieren Sie unter anderem mit Scalable Capital, und der Kostendeckel liegt bei 1 Prozent. Lässt sich damit überhaupt kostendeckend oder gar gewinnbringend wirtschaften?
Riße: Verdienen müssen alle: die Depotbank, der Fondsanbieter, alle, die dazwischenhängen, und natürlich die Finanzdienstleister. Allerdings sind die Onlinebroker schon heute nicht teuer. Sie erhalten teilweise Bestandsprovisionen von den Fondsgesellschaften. Da das Depot bei Anbietern wie Trade Republic kostenlos ist, verdient der Broker bei ETFs nur durch Bestandsprovisionen sowie gegebenenfalls noch geringfügig an den Geld-Brief-Spannen. Die Preise, die Scalable Capital jetzt für das Standarddepot oder das Altersvorsorgedepot aufruft, entsprechen also weitgehend den Kosten, mit denen die Anbieter heute schon operieren – also deutlich unterhalb des Kostendeckels von 1 Prozent im Standarddepot. Wer als Selbstentscheider zu einem günstigen Broker geht, ist ohnehin sehr kostengünstig unterwegs.
Aus Sicht der Broker eher nicht. Bei jemandem, der 360 Euro im Jahr anspart, lässt sich natürlich nicht viel verdienen. Das sagen auch die Onlinebroker, gerade mit Blick auf das Standarddepot. Aber es gibt enorme Cross-Selling-Möglichkeiten. Wenn derselbe Kunde später erbt oder mehr verdient und dann fünfstellige Beträge investiert, zahlt sich das selbst bei relativ geringen Margen aus. Aber Kosten sind ja längst nicht das einzige Kriterium, das für Anleger wichtig ist. Sonst würden wir und andere Mitbewerber schon nicht mehr existieren. Manche Kunden legen aus guten Gründen Wert auf aktives Management und Beratung.
Nun liegt der Verdacht nahe: Wer Geld übrig hat, ist längst am Kapitalmarkt investiert, und wer es nicht ist, hat schlicht keines. Wen wollen Sie mit dem freien Altersvorsorgedepot und dem Standarddepot erreichen?
Riße: Seit der Corona-Pandemie und dem Aufkommen der Neobroker ist das Interesse an Aktien und ETFs zwar deutlich gestiegen. Aber es sind nun mal nur 14 Millionen Menschen – bei einer Bevölkerung von 80 Millionen. Die große Mehrheit ist bis heute weder über Aktien noch über Fonds oder ETFs am Kapitalmarkt investiert. Viele Riester-Sparer haben ihren Vertrag nur wegen der Förderung abgeschlossen, ein eigenes Depot besitzen sie nicht. Zwar ist der Kreis der Anleger gewachsen, und das ist sehr zu begrüßen. Allerdings habe ich manchmal den Eindruck, dass Trade Republic und Co. eher zum Zocken animieren: Dort wird nicht angelegt, sondern spekuliert. Das Altersvorsorgedepot soll die Menschen dagegen zum Investieren bringen.
Für alle, die noch nie etwas angelegt haben, ist das Standarddepot ein idealer Einstieg. Wer 360 Euro im Jahr einzahlt, bekommt 180 Euro geschenkt, und das jedes Jahr. Diese Menschen wollen wir mit einem edukativen Angebot abholen. Wer über einen Finanzdienstleister ein Standarddepot mit unseren Fonds hat, dem wollen wir in Videos erklären, wie Aktienanlage funktioniert.
Hinzu kommt: Im Altersvorsorgedepot, egal ob Standard oder flexibel, sehen die Sparer endlich, welche Renditen möglich sind. Sie können transparent verfolgen, wie ihre Aktienfonds über die Jahre wachsen. Bei Riester war das anders, dort hat sich wegen der Garantien schlicht oft nicht viel nach oben bewegt. Wer dagegen erlebt, wie sein Geld sich mittel- bis langfristig deutlich mehrt, eröffnet vielleicht bei einer Erbschaft zusätzlich ein reguläres Depot. Darauf setzt die Branche..
Viele, die bislang nicht investiert sind, dürften allerdings Geringverdiener sein, die kaum mehr als 360 Euro im Jahr zurücklegen können. Erreichen Sie damit überhaupt eine attraktive Zielgruppe?
Riße: Solche Menschen gibt es natürlich viele. Manche haben gar nichts auf der hohen Kante, andere können nicht einmal 120 Euro im Jahr beiseitelegen, weil das Leben so teuer geworden ist. Die aktuelle Debatte über steigende Mieten und bezahlbaren Wohnraum führt uns das gerade wieder vor Augen. Für sie ist es gut, dass künftig eine weitere Säule als Riester-Nachfolge hinzukommt. Der Staat will mit je einem Prozent vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber selbst in Aktien anlegen in der ersten Säule. So sichert er sich die Renditen, die Investitionen in Produktivkapital abwerfen, und kann die Renten besser finanzieren.
Ich bin mir aber sehr sicher, dass es daneben viele Menschen gibt, die Geld auf dem Sparbuch liegen haben und bis heute keinen Cent in Aktien investiert haben. Hier könnte die Förderung den entsprechenden Handlungsimpuls liefern. Fatal finde ich, dass es wieder ein Garantieprodukt geben wird. Ich fürchte, viele greifen erneut dazu und erkennen wieder nicht, welche Renditen Aktien liefern können. Umso mehr hoffe ich, dass wir viele für das Standarddepot oder das freie Altersvorsorgedepot gewinnen, die damit zum ersten Mal in ihrem Leben in Aktien investieren. Der Anreiz ist jedenfalls da: Für jeden eingezahlten Euro bis 360 Euro legt der Staat 50 Cent dazu, darüber hinaus noch einmal 25 Cent für jeden eingezahlten Euro zwischen 360 und 1.800 Euro.
Bleiben wir bei den Kosten, nun aber auf Ihrer Seite: Ein aktiv verwalteter ETF im Standarddepot, geht das bei einem Kostendeckel von 1 Prozent überhaupt auf?
Riße: Unser Aktien-ETF ist zwar aktiv, wird aber KI-gesteuert. Sein Anlageuniversum bilden in der Regel rund 300 Aktien, in die wir mit anderen Acatis-Fonds bereits investiert sind. Daraus wählt die KI 50 Titel aus und gewichtet sie. Diskretionär entscheiden wir nur über die Ländergewichtung. Die Kosten haben wir inzwischen noch einmal gesenkt, damit der ETF auch im Standarddepot eingesetzt werden kann. Wir lagen bei einer Verwaltungsvergütung von 60 Basispunkten und einer TER von 70 Basispunkten. Nach der Senkung sind es 30 beziehungsweise 40 Basispunkte.
Zur Person
Stefan Riße
ist seit Mai 2018 Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment. Davor war er fünf Jahre Senior Managing Director bei CMC Markets.
Svetlana Kerschner studierte BWL an der DHBW Mannheim sowie Publizistik, Psychologie und Komparatistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Anschließend absolvierte sie von 2009 bis 2010 ein Volontariat bei DAS INVESTMENT, wo sie seit 2011 als Redakteurin arbeitet.
Mehr über Svetlana Kerschner
Jeden Morgen um 6 Uhr das Wichtigste aus der Branche –
Entwicklungen zum Altersvorsorgedepot inbegriffen.
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