Stephen Jones, Kames Capital „Riskante Anlagen beurteile ich optimistisch“

Stephen Jones, CIO bei Kames Capital: „Es ist nie leicht, Renditen zu erzielen, die über dem Niveau risikofreier Anlagen liegen.“ | © Kames Capital

Stephen Jones, CIO bei Kames Capital: „Es ist nie leicht, Renditen zu erzielen, die über dem Niveau risikofreier Anlagen liegen.“ Foto: Kames Capital

Vielen Anlegern rauben die aktuellen Entwicklungen an den Finanzmärkten den Schlaf. Sowohl Strukturen als auch Institutionen, auf die wir alle vertrauen, scheinen zu zerfallen oder sich grundlegend zu verändern. Angefangen von der lieb gewonnenen Idee des freien Handels bis zum Zugang der Briten zum europäischen Binnenmarkt wird Althergebrachtes voraussichtlich immer weniger Aufschluss über künftige Entwicklungen liefern.

Zunächst ist für Anleger trotz des taktischen Säbelrasselns führender Politiker rund um den Globus die Verfassung der realen Wirtschaft letztlich entscheidend. Geht es den Unternehmen in die sie anlegen, weiter gut, werden neue Stellen geschaffen und liegen die Preise von Waren und Dienstleistungen im Rahmen? Die Antwort auf alle drei Fragen ist ein klares „Ja“. Die Unternehmensgewinne sprudeln, angeführt selbstverständlich von US-Firmen mit einem Gewinnanstieg von über 20 Prozent. Und die Hälfte der Unternehmen in Europa und Japan übertrifft indes die Gewinnerwartungen für das zweite Quartal. Die Stimmungsbarometer für die Wirtschaft zeigen ebenfalls unbeirrt von den vielen Schlagzeilen nach oben, was sich in umfangreichen Investitionsplänen niederschlägt.

Niedrige Arbeitslosenquoten

Überall werden Stellen geschaffen, allen voran in Großbritannien und den USA. Dort sind die Arbeitslosenquoten auf ein historisches Tief gesunken, Tendenz weiterhin fallend. Die Qualität dieser Stellen wirft sicherlich berechtigte Fragen auf, ebenso die schwache Produktivität. Aber zweifellos ist es besser, einen Job zu haben als nicht. Und schließlich ist der Preisauftrieb nirgendwo ein Problem. Trotz aller Veränderungen in den vergangenen Jahren haben es die großen Volkswirtschaften offensichtlich geschafft, die Preise stabil zu halten. Einige grundlegende Faktoren, wie etwa die demografischen Trends, könnten Anlegern zwar noch Kopfschmerzen bereiten, werden aber voraussichtlich keine plötzlichen Störungen an den Märkten verursachen.

Oft bestimmen vor allem geld- oder fiskalpolitische Maßnahmen die Richtung und weniger die Politik die Richtung an den Märkten. Selbst nach der Leitzinserhöhung in den USA und der Anhebung des Basiszinssatzes in Großbritannien schwankt die Geldpolitik auf breiter Front weiter zwischen locker und ultra-locker. Phasen des Aufschwungs werden durch geldpolitische Fehler unweigerlich abrupt beendet, statt sich langsam abzukühlen. Als die Volkswirtschaften in Europa und Japan scheinbar ins Trudeln gerieten gab es einige Monate lang durchaus Gründe, sich Sorgen um die Weltwirtschaft zu machen. Nach einer längeren Pause scheint sich die Lage in diesen Wirtschaftsräumen jedoch wieder aufzuhellen. Die US-Wirtschaft brummt. Die Wachstumsrate könnte im zweiten Quartal annualisiert 5 Prozent übersteigen. Voraussichtlich wird sie von einem regen internationalen Handel im Vorfeld der angedrohten Zölle profitieren. Insgesamt sind die weltweiten Gewinnaussichten solide.

Entwicklungen in China beunruhigen

Sicherlich gibt es auch Gegenwinde, die zum Teil scheinbar stärker werden. Abgesehen von der Ungewissheit über den nächsten Tweet beunruhigen die Entwicklungen in China. Aber selbst dort scheinen die jüngsten fiskal- und geldpolitischen Initiativen die Wirtschaft in Fahrt zu bringen. Die jüngste Abwertung der chinesischen Währung ist zwar erheblich und muss beobachtet werden, möglicherweise führt sie jedoch vor Auge, dass doch nicht alles nach der unberechenbaren Pfeife des US-Präsidenten tanzen wird.

Die Bedrohung durch schädliche, populistische fiskalpolitische Manöver wird die Märkte wohl noch viele Jahre begleiten, wobei von Italien und Großbritannien die größten unmittelbaren Risiken ausgehen. Im globalen Kontext sind diese beiden Volkswirtschaften jedoch nicht von großem Gewicht.

Es ist nie leicht, Anlagerenditen zu erzielen, die über dem Niveau risikofreier Anlagen liegen. Wenn das aber doch so scheint, sollte sich Investoren allerdings Sorgen machen. Die Weltwirtschaft würde mit einer Rezession in absehbarer Zeit zu kämpfen haben. Der beste Teil der Rally am Aktienmarkt seit Beginn der schweren Finanzkrise steht möglicherweise noch bevor. Obwohl wir uns bereits in einer reifen Phase befinden, setzt sich das Wirtschaftswachstum fort. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Riskante Anlagen beurteile ich daher optimistisch.