Händler an der New Yorker Börse am Montag: Die Aktienmärkte rund um den Globus haben deutlich verloren. | © imago images / Xinhua Foto: imago images / Xinhua

Stimmen zum Markteinbruch

„Eine Rezession ist kaum noch zu verhindern“

DWS sieht als Auslöser für den Markteinbruch in erster Linie den Kollaps des Ölpreises um rund 30 Prozent, nachdem Russland und Saudi-Arabien in einen offenen Preiskampf eingestiegen sind. Zwar spitzte sich auch die Lage rund um das Coronavirus am vergangenen Wochenende in Europa weiter zu, wo sich Quarantänemaßnahmen und Veranstaltungsabsagen häuften. „Doch dürfte dies nicht der Hauptgrund für den neuerlichen Markteinbruch gewesen sein“, heißt es in der Analyse von Investmentchef Stefan Kreuzkamp. Der Ölpreisschock wirke über mehrere Kanäle auf die Finanzmärkte. So führe der Preisverfall unmittelbar zu einem drastischen Rückgang der Inflation und der Inflationserwartungen, was sich wiederum ebenso unmittelbar in den Staatsanleihe-Renditen widerspiegele. Allerdings kollabierte die reale Komponente der Rendite ebenso, was als gestiegene Wachstumsskepsis der Anleger gedeutet werden könne.

„Auf das Weltwirtschaftswachstum hat der Ölpreis insgesamt eine nur leicht negative Wirkung“, analysiert Kreuzkamp. Dennoch hätten sich die Wachstumsaussichten in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Insbesondere in Europa müsse nun mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr gerechnet werden. „Im Kernszenario gehen wir aber weiterhin davon aus, dass im zweiten Quartal auch in Europa das Virus seinen Verbreitungshöhepunkt überschritten haben wird“, so der DWS-Investmentchef. Zudem wirke ein niedriger Ölpreis für Nettoimportregionen wie Europa oder Teile Asiens wie ein kleines Konjunkturpaket.

Das dürfte Staaten und Zentralbanken aber nicht davon abhalten, weitere Hilfsmaßnahmen zu verabschieden. Auch von den Zentralbanken seien weitere Schritte zu erwarten. „Von der EZB-Sitzung am Donnerstag erwarten wir Liquiditätsmaßnahmen, eine temporäre Anhebung der Anleihekäufe und wohl auch eine Senkung des Einlagensatzes von derzeit minus 0,5 Prozent, auch wenn wir uns davon wenig realwirtschaftliche Hilfe versprechen“, sagt Kreuzkamp.

Kurfristig bleibe das Risiko von Kursstürzen gepaart mit hoher Volatilität bestehen. „Eine nachhaltige Erholung wird unseres Erachtens entweder erst nach einer größeren, koordinierten fiskalischen oder monetären internationalen Hilfsmaßnahme einsetzen. Oder schlicht wenn bei weiterem Zeitablauf ein Abflauen der Neuansteckungszahlen in Europa und den USA deutlich erkennbar wird“, heißt es. Die Nerven verlieren müsse man aber nicht.

„Keine Panik“ sagt auch Olivier de Berranger, Investmentchef bei La Financière de l’Échiquier (LFDE). Trotz der bisher hohen Verluste an den Aktienmärkten gelte es, „Geduld aufzubringen und bei der Anlage in Qualitätstitel von Bewertungsaufschlägen zu profitieren“. Das weitere Absacken der Märkte, trotz der außerplanmäßigen Zinssenkung der US-Notenbank Fed in der vergangenen Woche, lässt sich laut de Berranger mit drei Faktoren erklären: Psychologische Markteffekte, den Umfang und Zeitpunkt der Zinssenkung und die zunehmenden Zweifel an der Wirksamkeit von geldpolitischen Lockerungsmaßnahmen ohne begleitende Konjunkturpakte. 

Statt die Anleger zu beruhigen, war die Zinssenkung für viele wohl eher ein Hinweis darauf, dass die Lage eventuell ernster sein könnte, als es bisher den Anschein hatte, sagt der Investmentchef. Erschwerend komme hinzu, dass „die Politik in Europa Zweifel an ihrer Fähigkeit zu einer koordinierten Reaktion aufkommen lässt“, und nicht den Eindruck vermittele, dass sie in der Lage sei, ein länderübergreifenden Konjunkturprogramm auf den Weg zu bringen. Stattdessen sieht de Berranger die Gefahr von Überreaktionen, die die negativen Folgen für das Wirtschaftswachstum nur verstärken würden.

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