Aktualisiert am 20.03.2020 - 17:44 UhrLesedauer: 7 Minuten

Stimmen zur EZB-Sitzung „Dann wäre der Weg für höhere Leitzinsen frei“

EZB-Chefin Christine Lagarde
EZB-Chefin Christine Lagarde auf der Pressekonferenz am 23. Januar 2020. | Foto: Getty Images

Friedrich Heinemann, Leiter des Forschungsbereichs „Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft" am ZEW Mannheim

Die Mehrheitsmeinung im EZB-Rat ist weiterhin, dass die Eurozone auf die Stimulanz durch Negativzinsen und Anleihekäufe bis auf weiteres nicht verzichten kann. Nur eine wirklich kräftige Konjunkturerholung könnte ein Umdenken bringen und die ist derzeit noch nicht in Sicht. Die geldpolitische Musik spielt ohnehin in diesem Jahr nicht bei den Zinsentscheidungen, sondern bei der Generalüberprüfung der Strategie. Das Ergebnis der Überprüfung wird darüber entscheiden, ob die Negativzinsen in etwa zwei Jahren enden können oder zum dauerhaften Markenzeichen der Euro-Geldpolitik werden.

Silvia Dall'Angelo, Senior-Volkswirtin bei Hermes Investment Management:

Die offizielle Ankündigung der EZB hinsichtlich ihrer bevorstehenden Überprüfung ihrer geldpolitischen Strategie – die erste seit 2003 – war wahrscheinlich der aufregendste Aspekt eines ansonsten recht ereignislosen Meetings. Präsidentin Lagarde schlug vor, dass die EZB in die Fußstapfen der US-Notenbank treten und einen integrativen Prozess einführen sollte, an dem Experten, Akademiker, aber auch Interessenvertreter der Zivilgesellschaft beteiligt wären. Sie sagte zudem, dass der Umfang der Überprüfung weitreichend sei, weil sie beeinflusst, wie Inflation, geldpolitische Instrumente und Kommunikation gemessen, wie Überlegungen zum Klimawandel integriert und, was entscheidend ist, wie das Inflationsziel erreicht werden soll.

Jenseits der Oberfläche stellen sich für die EZB größere – und dringendere – Fragen: Sind der Geldpolitik auf dem derzeitigen Niveau die Optionen ausgegangen? Ist die Geldpolitik unter den gegenwärtigen Umständen – wo die Ursachen für eine niedrige Inflation wahrscheinlich eher struktureller als konjunktureller Natur sind – noch wirksam? Oder ist es an der Zeit, einen neuen Ansatz zu entwickeln, der andere politische Entscheidungsträger einbezieht und die bestehende institutionelle Struktur sprengen könnte?

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