Bezüglich der strategischen Überprüfung der Geldpolitik ließ sich Lagarde erstmal nicht in die Karten schauen bzw. festlegen und verwies auf die spätere Presseinformation und den erst beginnenden Prozess, den sie nicht vorfestlegen, sondern moderieren will. Wir werden also während der nächsten zwölf Monate auf weitere Hinweise hoffen müssen. Die Wahl eines zweiteiligen Ansatzes, der gestern bereits durchsickerte, ist sicher darauf zurückzuführen, dass man die Inflationsthemen von weiteren Themen wie Regulierung, Finanzstabilität aber auch Klimaschutz und Ungleichheit trennen will, um die geldpolitischen Puristen im Rat aber auch in der Öffentlichkeit milde zu stimmen. Interessant scheint dabei, dass man bei der EZB eine breite Öffentlichkeitstrategie wählt und sogar externe Expertenkreise in die Diskussion einbinden will. Eigentlich sollte die EZB doch unabhängig von äußeren Einflüssen ihre Strategie entwerfen und hat auch ausreichend Personal dafür. Mit dieser Umarmung holt man aber alle an einen Tisch, sodass am Ende keiner mehr die EZB kritisieren kann, weil man ja in die Diskussion eingebunden war.

Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank

Die Europäische Zentralbank hat heute wie erwartet nichts am Zinsniveau verändert. EZB-Chefin Christine Lagarde kommt aus dem geldpolitischen Rahmen ihres Vorgängers Mario Draghi nicht so schnell heraus. Der geldpolitische Anker sitzt so tief, dass ihr nichts anderes übrigbleibt als die lockere monetäre Gangart fortzusetzen.

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Zwar machten die jüngsten ZEW-Daten für Deutschland Hoffnung, dass es möglicherweise doch zu einer schnelleren geldpolitischen Wende kommen könnte.

Wenig wachstumsförderlich wirken sich allerdings die jüngsten Äußerungen von US-Präsident Trump aus: Europa sei schwieriger als China, daher wolle er zuerst mit China über handelspolitische Themen sprechen. In die gleiche Kerbe – wenngleich auch aus einer ganz anderen Richtung – schlägt die Ausbreitung des chinesischen Corona-Virus. Sicherlich wäre es zum aktuellen Zeitpunkt vermessen, die weltweiten Wachstumsprognosen deshalb anzupassen. Doch eines steht fest: Die Risiken sind zuletzt wieder gewichtiger geworden und dämpfen die Chancen für eine Wachstumsbeschleunigung.

Die EZB wird daher ihren Lockerungs-Bias beibehalten: Sie steht also Gewehr bei Fuß und wird handeln, sobald es die Situation erfordert. Wir rechnen allerdings vorerst nicht mit weiteren zinspolitischen Maßnahmen. Die Währungshüter aus Frankfurt werden sich wohl eher die Bundesregierung vorknöpfen und mehr öffentliche Ausgaben fordern. In den laufenden Diskussionen im Rahmen ihrer Strategieüberprüfung könnte die EZB außerdem ein symmetrisches Inflationsziel in den Vordergrund rücken – ähnlich wie in den USA. Die Teuerung dürfte dann nach einer Phase der Zielverfehlung auch mal eine längere Zeit über dem Ziel liegen.

Zuletzt aufgekommene Markterwartungen über eine mögliche frühere Zinswende dürften wieder völlig ausgepreist werden.