Hannah Dudeck (Redakteurin)Aktualisiert am 25.05.2020 - 15:56 UhrLesedauer: 5 Minuten

Stimmen zur EZB-Sitzung „Erwartungen nicht erfüllt“

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Lob für die Entscheidungen der EZB kommt von Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts. „Die Beschlüsse der EZB weisen insgesamt in die richtige Richtung“, sagte er am Donnerstag in München. „Sie sind vor allem darauf ausgerichtet, krisenbedingt aufkommenden Liquiditätsproblemen bei Banken und kleinen und mittleren Unternehmen entgegenzuwirken“. Die Ausdehnung der Anleihekäufe mit Konzentration auf Anleihen privater Emittenten könne dazu ebenso beitragen wie die Verbesserung der Konditionen des gezielten und langfristigen Programms für die Banken-Refinanzierung. „Die Anleihenkäufe könnten auch zu einer Stützung der Aktienmärkte beitragen“, glaubt Fuest. Zu begrüßen sei, dass auf weitere Zinssenkungen verzichtet wurde. „Deren Wirkung wäre angesichts der bereits heute negativen Einlagenzinsen der EZB ohnehin gering.“

Jörg Zeuner, Chefvolkswirt von Union Investment, teilt die Meinung des Ifo-Chefs: „Statt sich zu sinnlosen Zinssenkungen verleiten zu lassen, zielen die heute beschlossenen Maßnahmen darauf ab, die europäischen Unternehmen in der schwierigen Situation zu stützen“, so Zeuner. Das sei ein ermutigendes Zeichen. Mit ihren Maßnahmen helfe die EZB, konjunkturelle Risiken entscheidend abzumildern. Allerdings hat er auch Kritik: „Die EZB hätte aber noch mehr tun können: Eine stärkere Risikoübernahme durch eine noch mutigere Erhöhung des Ankaufsprogramms wäre eine große Hilfe gewesen“. Auf nachhaltig steigende Kurse sei erst zu hoffen, wenn das Corona-Virus wirksam bekämpft werden könne.

„Die EZB hat ein klares Profil gezeigt und den Markterwartungen nach einer Senkung der Einlagenzinsen nicht nachgegeben“, sagt auch Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank Donner & Reuschel. Eine Zinssenkung hätte außer einem eventuellen Stimmungseffekt ohnehin kaum positive Wirkungen auf die Kreditvergabe und damit das Wirtschaftswachstum gehabt, meint Mumm. Schon die Zinssenkungen der US-Notenbank Fed und der Bank of England hätten die Kapitalmärkte nicht stützen können. 

Die erste Marktreaktion auf die angekündigten EZB-Maßnahmen sei zwar deutlich negativ gewesen. Grundsätzlich sei die Vorgehensweise der EZB aber zu begrüßen, weil sie sich auf wirtschaftlich sinnvolle Aktionen fokussiert, heißt es von Mumm. „Die Notenbank sollte dafür sorgen, dass die Banken vollumfänglich mit Liquidität versorgt werden und diese die Kreditvergabe an die Realwirtschaft nicht einschränken. Das hat die EZB getan“, analysiert der Volkswirt. Die direkte Bekämpfung des Coronavirus und die Unterstützung von Unternehmen und Haushalten in der Phase eines Angebots- und Nachfrageschocks solle den Regierungen unterliegen und nicht der Notenbank.

Ulrike Kastens, DWS-Volkswirtin Europa, spricht von einemEZB-Rettungspäckchen“. Selten seien die Erwartungen an die Europäische Zentralbank höher gewesen, „obwohl oder eben gerade weil es so offensichtlich ist, dass die EZB nur einen kleinen Teil zur Lösung der Corona-Krise beitragen kann“. Die EZB agierte deutlich weniger aggressiv als andere Notenbanken. Inhaltlich seien die Maßnahmen zwar richtig, der Markt habe sich aber sicherlich ein anderes Signal erhofft.

Degussa-Chefvolkswirt Thorsten Polleit meint dagegen, die EZB habe die Leitzinsen „quasi heimlich gesenkt“. Die Notenbank werde den Banken fortan Kredite zu Negativzinsen bereitstellen. „Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass die Banken fällige Kredite durch EZB-Kredite, die einen negativen Zinsen tragen, ersetzen“, schreibt Polleit. Das verschaffe ihnen Gewinne auf der Refinanzierungsseite, die helfen, Kreditausfälle besser verkraften zu können. Das Ausweiten der Geldmengen per Kredit sorge aber für immer größere Krisen. „Die Maßnahmen, die die EZB getroffen hat, versuchen wieder einmal die Symptome zu behandeln, aber die Ursache bleibt unangetastet: Das Ausweiten der Geldmenge und das Heruntermanipulieren der Zinsen“, so der Degussa-Volkswirt.

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