Als am Liberation Day die Märkte abstürzten und das Handelsvolumen explodierte, blieb bei manchen Neobrokern die App stecken. Bei anderen lief alles glatt. Der Unterschied liegt oft im Backend, also in genau dem Teil, den kein Nutzer je zu Gesicht bekommt.

Eine der Adressen dahinter sitzt in Hamburg: die Sutor Bank, gegründet 1921. 80 Prozent ihres Geschäfts macht die Privatbank laut eigenen Aussagen heute als unsichtbarer Infrastrukturlieferant für Fintechs, Neobroker und Vermögensverwalter – mit Konten, Zahlungsabwicklung, Wertpapier-Clearing, Krypto-Services, Lending, alles aus einer Plattform.

Hartmut Giesen, seit 2012 zunächst als Berater und seit letztem Jahr als Geschäftsleiter bei Sutor, erklärt das Modell nüchtern: „Banking as a Service ist eigentlich digital das, was wir schon sehr lange gemacht haben.“ Schon in den späten 1980ern baute Sutor Produkte für analoge Finanzvertriebe. Fintechs und Neobroker waren dann nur ein neues Distributionsmodell, mit denselben Infrastrukturleistungen im Rücken.

Was Sutor von Wettbewerbern wie Solaris oder der Baader Bank trennt, ist die Breite. Giesen beansprucht, das einzige Haus in Deutschland zu sein, das alle vier Säulen aus einer Hand anbietet. Wer Wertpapiere abwickeln will, braucht dafür auch Geldkonten – darf sie aber mit einer reinen Wertpapierinstitutslizenz nicht führen. Sutor kann beides. Solaris dagegen habe das Krypto- und Wertpapiergeschäft abgegeben. Und das, obwohl Solaris mit erheblichem VC-Kapital aufgebaut wurde – „was jetzt auch nicht komplett gut gegangen ist“, so Giesen. Sutor ist bis heute bootstrapped, finanziert aus eigenen Erträgen.

Den nächsten Schub soll das politische Berlin liefern. Das neue staatlich geförderte Altersvorsorge-Depot soll ab Januar 2027 starten, und Sutor hat bereits eine White-Label-Lösung für Partner angekündigt. Giesen glaubt, dass das Depot Millionen kapitalmarktferner Deutscher erstmals mit ETFs in Berührung bringt, so wie Riester und Rürup der Bank damals klare Wachstumsschübe lieferten. Die Nachfrage potenzieller Partner sei bereits stark.

Aber nicht alles läuft reibungslos. Im Sommer 2025 verhängte die BaFin ein Bußgeld von knapp 700.000 Euro gegen Sutor wegen angeblicher WpHG-Verstöße. Sutor hält das für rechtswidrig und hat Einspruch eingelegt. „Wir glauben, dass Aufsicht sehr wichtig ist, aber wir teilen nicht alle Urteile der Aufsicht“, sagt Giesen. Für eine Bank, deren Geschäftsmodell auf dem Vertrauen von Partnern beruht, ist eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Regulator ein heikles Spiel – dessen Ausgang noch offen ist.

Längerfristig wettet Giesen auf Tokenisierung als nächste Infrastrukturrevolution im Kapitalmarkt. Sutor arbeite bereits an einem der ersten tokenisierten Wertpapiere für den Retailmarkt. Ob das die nächste große Welle oder ein teures Experiment wird, lässt sich noch nicht sagen.

Wie genau das funktioniert, welche strategischen Fehler dabei gemacht wurden und worauf Hartmut Giesen jetzt setzt, darüber spricht er im Podcast.