Ulrich Harmssen

Ulrich Harmssen

Täglicher Marktkommentar

„Bloß keinen Untergangspropheten auf den Leim gehen“

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Jeden Tag versuchen Marktbeobachter und Kommentartoren herauszufinden, weshalb Aktienbörsen gerade fallen oder steigen. Heute morgen war es noch einfach, wieder einmal den fallenden Ölpreis als Begründung für die heute fallenden Kurse an den europäischen Aktienmärkten heranzuziehen. Schließlich steigt mit einem fallenden Ölpreis die Gefahr, dass Staatsfonds aus Ländern, deren Haushalte überwiegend durch die Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl finanziert werden, sich genötigt sehen könnten, in großem Umfang Aktienbestände zu verkaufen, um drohende Haushaltslücken zu stopfen.

Am späten Vormittag jedoch zog der Ölpreis an, landete sogar wieder im positiven Terrain; aber: die Aktienbörsen zogen nicht mit, sondern zeigten weiter nordwärts ... Müssen heute also - zum Beispiel „Gewinnmitnahmen“ - als Begründung herhalten für die rückläufigen Kurse an den europäischen Aktienmärkten?

Nun, ich denke, dass Anleger in diesen Zeiten einen schweren psychologischen Stand haben angesichts der vielen Fragen, mit denen sie sich aktuell mental auseinanderzusetzen haben:  

  • Wie geht es in China weiter? Gelingt der dortigen Wirtschaft ein „soft landing“? Wie geht es mit der „Zinswende“ in den USA weiter? Wird die Fed im März schon den nächsten Zinsschritt verkünden? Oder wird sie angesichts der eher durchwachsenen Konjunkturdaten erst einmal auf weitere Zinsschritte verzichten?
  • Kommt es wirklich zu einem Waffenstillstand in Syrien? Oder verschärft sich dieser Konflikt womöglich weiter und wird zu einem Flächenbrand in der Region (mit nicht absehbaren Folgen)?
  • Wie geht es mit der Ukraine weiter? Geht die Abkühlung der Beziehungen zwischen der EU und den USA auf der einen Seite und Russland auf der anderen Seite weiter?
  • Das vierte Rettungspaket für Griechenland klopft schon an die Tür; wird das politisch überhaupt noch vermittelbar sein? Falls nein: Grexit?
  • Wie wird die EU in Zukunft mit der Flüchtlingskrise umgehen (die in Wahrheit keine Flüchtlingskrise, sondern eine massive Krise der EU ist)? Gehört der Schengen-Raum bald der Vergangenheit an?
  • Kann die EU angesichts der überall schnell wachsenden, potenziell eher anti-europäisch eingestellten nationalistischen Bewegungen und Parteien in den einzelnen Mitgliedsländern überhaupt überleben?
  • Kommt es zum Brexit? Und dient dieser dann womöglich als Blaupause für andere Länder, diesem Beispiel zu folgen?
  • Und natürlich der Ölpreis, der aktuell (15:29) wieder im Minus ist ... Hat er nun endlich seinen Boden bei circa 30 US-Dollar gefunden? Oder geht es womöglich noch weiter nach unten (mit den entsprechenden Konsequenzen, siehe oben)?

Fakt ist, dass diese lange Liste an Fragen, die trotzdem keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, schon lang genug ist - und jede mögliche Antwort auf eine einzelne dieser Fragen unmittelbar Auswirkungen auf die zu prognostizierende künftige Entwicklung der globalen Finanz- und Kapitalmärkte haben wird.
Fakt ist auch, dass wir jeden Tag mit neuen Informationen und Meinungen zu obigen Fragenkomplexen bombardiert werden und es schwerfällt, angesichts dieses Bombardements
a. noch den Überblick zu behalten und
b. angesichts zumeist negativer Nachrichten - nicht in abgrundtiefe Depressionen zu verfallen. Nun bin ich weit davon entfernt, die vielzitierte rosarote Brille des Optimismus zu tragen. Dennoch: es dürfte von Vorteil sein, bei der Beantwortung obiger Fragen unaufgeregt und in Ruhe in Szenarien zu denken, statt Untergangspropheten auf den Leim zu gehen. 

Übrigens: aktuell (15:59) geht es mit dem Ölpreis weiter nach unten ...

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