Zum ersten Mal halten die Notenbanken der Welt mehr Gold als US-Staatsanleihen: Rund 27 Prozent ihrer Reserven stecken laut EZB im Edelmetall, nur noch 22 Prozent in Treasuries. Ein historisches Novum, und für viele ein leises Misstrauensvotum gegen den Dollar.

Tanja Siegrist beobachtet diese Verschiebung aus nächster Nähe. Sie ist Senior Portfolio Managerin im Multi-Asset-Team der DWS, hat als Traderin bei der Deutschen Bank Zinsderivate bepreist und arbeitet im Umfeld von Klaus Kaldemorgen. Ihr Job: all die Schocks dieses Jahres in ein einziges Portfolio gießen – Iran-Krieg, gesperrte Straße von Hormus, ein neuer Fed-Chef unter Dauerdruck von Donald Trump, steigende Staatsschulden.

Das Problem dabei: Die Werkzeuge, mit denen Multi-Asset-Manager solche Krisen bislang abfederten, funktionieren nicht mehr sauber. Gold, Staatsanleihen, Dollar, Yen, Franken, früher liefen sie in Krisen oft auseinander und glichen sich gegenseitig aus. „Im aktuellen Umfeld sieht es da tatsächlich leider ein bisschen anders aus“, sagt Siegrist. Die sicheren Häfen bewegen sich plötzlich im Gleichschritt mit dem Risiko.

Am deutlichsten zeigt sich das beim Gold. Eigentlich soll es ein Gegengewicht zu schwankenden Aktien sein. Ein Stoßdämpfer. Doch der Stoßdämpfer rüttelt inzwischen selbst: Seit Ausbruch des Iran-Kriegs schwankt der Goldpreis heftig. Siegrists Konsequenz ist so überraschend wie nüchtern: Sie hat die strategische Goldposition im Lauf des Jahres reduziert. Während immer noch Notenbanken, Institutionelle und Privatanleger ins Metall drängen, baut die Profi-Managerin ab.

Und der Dollar? Trotz wachsender US-Defizite und offener Zweifel an der Fed-Unabhängigkeit flüchten Anleger weiter in die Weltwährung. Ein echter sicherer Hafen, oder bloß der größte mangels Alternativen? Siegrist neigt zur zweiten Lesart: Die Nachfrage komme vor allem daher, dass Öl in Dollar gehandelt wird. Kommt die nächste Krise aber aus den USA selbst, könne der Dollar seine Schutzfunktion verlieren.

Über allem schwebt die Notenbankpolitik und die Frage, wie groß das Risiko eines geldpolitischen Fehlers ist. „Im Moment würde ich die Zentralbanker nicht um ihren Job beneiden“, sagt Siegrist. Die EZB mit klarem Preismandat, die Fed im Zangengriff zwischen Inflation und politischem Druck: Beide bewegen sich auf schmalem Grat.

Bleibt die unbequeme Frage: Wenn Gold, Anleihen und Dollar gleichzeitig wackeln, wo findet ein Multi-Asset-Portfolio dann überhaupt noch Halt? Und reicht es, einfach lange genug investiert zu bleiben?

Warum sie Gold trotzdem nicht ganz aufgibt, wie sie ein Portfolio für alle Wetterlagen baut und worauf Tanja Siegrist als Multi-Asset-Managerin jetzt setzt, darüber spricht sie im Podcast „For Professional Investors Only“.