DAS INVESTMENT: Frau Siegrist, bevor wir über Ihre aktuelle Position sprechen: Laut Ihrem Linkedin-Profil haben Sie Ihre Karriere als Traderin bei der Deutschen Bank begonnen. Wie kam es dazu?

Siegrist: Ich habe Wirtschaftsmathematik studiert mit dem Fokus auf Finanzen. Während des Studiums absolvierte ich ein sechsmonatiges Praktikum im Bereich Markets bei einer Bank, direkt im Handel. Das hat mir so gut gefallen, dass ich nach meinem Abschluss ein Trainingsprogramm bei der Deutschen Bank begann. Nach verschiedenen Stationen entschied ich mich für den Handel. Was mich besonders begeisterte: Man weiß morgens nie genau, was einen erwartet – die Märkte sind immer in Bewegung.

Was genau waren Ihre Aufgaben als Traderin?

Siegrist: Ich war Marketmaker für Zinsderivate. Wir erhielten Anfragen von institutionellen Investoren für bestimmte Produkte, die wir dann bepreisen mussten. Wenn unser Preis im Wettbewerb der Beste war, bekamen wir den Zuschlag – und damit auch das entsprechende Risiko ins Buch. Meine Hauptaufgabe bestand darin, diese Risiken zu managen und zu entscheiden, welche Positionen wir absichern oder aufbauen wollten.

2016 wechselten Sie zur DWS ins Portfoliomanagement. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt?

Siegrist: Ich hatte eine CFA-Weiterbildung gemacht, ohne zunächst konkret an einen Wechsel ins Portfoliomanagement zu denken. Während der Vorbereitung merkte ich aber, dass dieser Bereich spannend sein könnte. Wichtig war mir, dass meine bisherigen Erfahrungen weiterhin wertvoll sein würden und ich gleichzeitig Neues lernen konnte. Als Traderin hatte ich kaum Kundenkontakt – das fehlte mir. Als Portfoliomanagerin kann ich nun direkter mit Kunden arbeiten, was mir sehr viel Freude bereitet.

 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag einer Portfoliomanagerin aus?

Siegrist: Ein „typischer“ Arbeitstag ist schwer zu beschreiben, da jeder anders verläuft. Selbstverständlich komme ich mit einem Plan ins Büro. Aber dann gibt es zum Beispiel neue Äußerungen von Zentralbanken, es erscheinen wichtige Wirtschaftsdaten oder Nachrichten zu Geschehnissen auf der Welt, und die Märkte reagieren mitunter anders als erwartet. Da wir einen diskretionären Portfoliomanagement-Ansatz verfolgen, müssen wir schnell auf solche Entwicklungen reagieren.

Normalerweise beginnt der Tag mit einem Blick auf die Märkte – oft schon vor dem Büro, besonders in volatilen Zeiten. Im Büro tausche ich mich intensiv mit Kollegen aus, wir diskutieren die aktuelle Marktlage und prüfen, ob unsere Portfolios angepasst werden müssen. Da ich im Multi-Asset-Management-Team arbeite, sprechen wir auch viel mit Kollegen aus anderen Bereichen, wie dem Aktien- oder Anleihen-Bereich.

Ein großer Teil des Tages besteht aus dem Lesen und Durcharbeiten von Research, eigenen Marktanalysen und Gesprächen mit Kunden. Zudem arbeiten wir eng mit unseren Vertriebs- und Produktspezialisten zusammen, da sichergestellt sein muss, dass unsere Produkte zum aktuellen Marktumfeld passen. Wir unterstützen unsere Kollegen auch bei der Kundenkommunikation, indem wir unsere Einschätzung zur Lage an den Märkten sowie Updates zur Portfoliopositionierung und -wertentwicklung teilen.

Das klingt nicht nach einem Nine-to-five-Job...

Siegrist: Definitiv nicht! Aber ich empfinde das nicht als belastend – auch wenn ich manchmal denke, es wäre schön, kurz Ruhe von Marktturbulenzen zu haben. Genau wie meine Team-Kollegen habe ich ein genuines Interesse an den Finanzmärkten. Was mir besonders gefällt: Die Eigenverantwortung wird gefördert, und man kann als Teil eines verlässlichen Teams echten Mehrwert für die Kunden schaffen.

Welche Kundengruppen betreuen Sie?

Siegrist: Wir haben ein sehr breites Kunden-Spektrum. In meinem Team verwalten wir sowohl Retail-Fonds für Privatanleger als auch institutionelle Mandate, etwa für Pensionskassen. Insgesamt verwaltet unser Total-Return-Team rund 25 Milliarden Euro, davon etwa 22 Milliarden in Retail-Fonds und 2,5 Milliarden in separaten Portfolios für institutionelle Kunden.

Das sind erhebliche Vermögenswerte. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um, besonders wenn die Märkte volatil sind?

Siegrist: Man fängt zum Glück nicht direkt mit solch großen Summen an, sondern wächst langsam in die Verantwortung hinein. Für mich war es von Vorteil, dass ich bereits als Traderin früh Verantwortung für mein eigenes Handelsbuch hatte. Natürlich ist es noch einmal etwas anderes, Kundengelder zu verwalten – sei es für Privatanleger, die für ihre Altersvorsorge investieren, oder für institutionelle Kunden, die Pensionsgelder verwalten.

Mit der Zeit wird der Umgang mit dieser Verantwortung einfacher. Unsere Investoren sind in der Regel langfristig orientiert, weshalb für uns insbesondere wichtig ist, welche Markttrends wir identifizieren können. Natürlich gibt es mal Nächte, in denen man nicht so gut schläft, aber grundsätzlich finde ich meinen Job sehr interessant. Wichtig ist mir auch ein guter Ausgleich – ich mache zum Beispiel viel Sport, was mir hilft, abzuschalten.

 

Was ist das Beste an Ihrem Job?

Siegrist: Es gibt nicht nur eine Sache, die mir gefällt, sondern viele. Definitiv mein Team – ich kann mich zu 100 Prozent auf meine Kollegen verlassen. Wir verbringen viel Zeit miteinander, gehen regelmäßig gemeinsam essen und unternehmen auch nach der Arbeit manchmal etwas zusammen. Außerdem gefällt mir, dass man morgens ins Büro kommt und nie genau weiß, was einen erwartet. Man hat quasi jeden Tag andere Aufgaben, es ist sehr abwechslungsreich und man kann eigenverantwortlich arbeiten.

Und gibt es auch Schattenseiten?

Siegrist: Dass man eigentlich nie wirklich Feierabend hat und daher manchmal das Abschalten vergisst, ist nicht immer schön. Andererseits würde ich mich auch privat mit den Märkten beschäftigen, selbst wenn es nicht Teil meines Jobs wäre. Es interessiert mich einfach, was an den Märkten und in der Wirtschaft passiert. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich abends noch auf Bloomberg schaue, was die Märkte so machen.

Sie sind als Frau in einer männerdominierten Branche tätig. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Siegrist: Ich kenne es ehrlich gesagt nicht anders, daher kann ich schwer beurteilen, wie es wäre, wenn das Verhältnis ausgeglichener wäre. Aber ich habe mich immer sehr wohl gefühlt und wurde stets als fester Bestandteil des Teams wahrgenommen, nicht als „die Frau“.

Gleichzeitig finde ich es positiv, dass in letzter Zeit deutlich mehr Frauen ins Portfoliomanagement kommen. Bei der DWS hatten wir auf der Vertriebsseite schon immer relativ viele Frauen, aber auch im Portfoliomanagement gibt es inzwischen mehr weibliche Kolleginnen, als vor ein paar Jahren. Die DWS fördert Frauen aktiv – ich war beispielsweise Teil der „Female Talent Initiative“, wo spezielle Trainings angeboten wurden und man mehr Kontakt zum Senior Management hatte. Das hat mir geholfen, mein Netzwerk im Unternehmen zu erweitern.

Was könnte die Branche tun, um mehr Frauen anzusprechen?

Siegrist: Wir haben uns darüber viele Gedanken gemacht und es gibt keine einfache Antwort. Ich glaube, man müsste früher ansetzen. Viele Frauen sind nach wie vor skeptisch gegenüber Finanzen und Finanzwesen. Es würde helfen, wenn man bereits in Schulen mehr Fokus auf Wirtschaft legt und versucht, das Interesse früher zu wecken.

Meine Erfahrung ist, dass die wenigsten Frauen, die in der Finanzbranche anfangen, sagen, dass es nichts für sie ist. Im Gegenteil – viele finden, dass es genau das ist, was sie machen wollten. Aber es ist natürlich in bestimmten Bereichen ein sehr abstrakter Beruf, und wenn man mit der Branche nicht vertraut ist, kann man sich vermutlich nicht vorstellen, was der Beruf beinhaltet, außer den ganzen Tag am Rechner zu sitzen und Charts anzuschauen.

 

Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man Portfoliomanager werden möchte?

Siegrist: Grundvoraussetzung ist definitiv ein Interesse an den Märkten und der Wirtschaft. Man sollte auch eine gewisse Stressresilienz mitbringen, also die Fähigkeit, unter Druck zu arbeiten. Was oft unterschätzt wird, sind Präsentations- und Kommunikationskompetenzen. Man muss den Kunden erklären können, was man im Portfolio gemacht hat, und zwar so, dass sie es verstehen und im besten Fall sagen: „Das finden wir gut, weiter so.“

Und wann ist man eher ungeeignet für den Beruf?

Siegrist: Wenn Wirtschaft einen überhaupt nicht interessiert, wird es schwierig. Es sollte schon Spaß machen, auch außerhalb der Arbeitszeiten informiert zu bleiben, sich zum Beispiel am Wochenende mal Artikel durchzulesen oder Nachrichten zu verfolgen, um am Montagmorgen vorbereitet zu sein und mitreden zu können. Das Thema begleitet einen auch in der Freizeit, daher sollte man sich idealerweise auch privat dafür interessieren

Was würden Sie jungen Menschen raten, die in die Finanzbranche möchten?

Siegrist: Für mich war der Einstieg über ein Praktikum ideal. Man kann sich verschiedene Bereiche anschauen, besonders in größeren Unternehmen. So bekommt man eine Vorstellung davon, welche Richtung einen interessiert. Viele Universitätsabsolventen können das nicht einschätzen, bewerben sich für einen Job und müssen sich schon vorab entscheiden: Gehe ich in die Investment-Division, auf die Produktseite et cetera.

Was die Erwartungen betrifft: Man wird nicht am ersten Arbeitstag direkt Portfolioverantwortung bekommen. Bei uns wird darauf geachtet, dass jüngere Kollegen sukzessive Verantwortung übernehmen – zunächst bei kleineren Portfolios, bevor sie dann Milliardenfonds managen. Das ist eine sinnvolle Entwicklung, die nicht von heute auf morgen passiert.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Branche?

Siegrist: Die Branche steht vor vielen Herausforderungen. Als Teil der jüngeren Generation sehe ich, dass wir die jüngere Bevölkerung besser abholen könnten. Es gibt zwar Neobroker, und ich finde es gut, wenn Studenten mir bei Recruiting-Veranstaltungen von ihren Investments erzählen. Andererseits geht vieles häufig in Richtung Gamification – schnelles Hoch-Runter-Handeln. Das Wissen über langfristiges Investieren, etwa für die Altersvorsorge, und der Zinseszinseffekt kommen oft zu kurz.

Als Branche sollten wir besonders darauf achten, nicht nur das klassische Fondsgeschäft zu betreiben, sondern auch mehr Produkte anzubieten, die jüngere Menschen ansprechen , um sie für wichtige Themen wie langfristiges Investieren und die private Altersvorsorge zu motivieren.


Über die Interviewte:

Tanja Siegrist ist Senior-Portfoliomanagerin im Bereich Multi-Asset bei der DWS und Co-Managerin des Invest Credit Opportunities.