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Atom- und Gaskraft nachhaltig? „Taxonomie wird unglaubwürdig“

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„Man kann Kernenergie nicht als nachhaltig einstufen, solange die Entsorgungsfrage nicht gelöst ist“, kritisiert Ferber. „Mit diesem Vorschlag untergräbt die Kommission letztendlich die Glaubwürdigkeit der Taxonomie.“ Der EU-Parlamentarier fordert: „Wenn die Kommission ihren eigenen Anspruch ernst nimmt und die Taxonomie zum Goldstandard für nachhaltige Finanzierung machen will, sollte sie diesen Vorschlag noch einmal grundsätzlich überarbeiten.“

Schelte für das Vorhaben kommt auch von der Bürgerbewegung Finanzwende. Der Verein setzt sich für verbesserten Verbraucherschutz im Finanzsektor ein. Mit ihrer Entscheidung erweise die Kommission europäischen Nachhaltigkeitsplänen „einen Bärendienst“, kritisiert Magdalena Senn, Referentin für nachhaltige Finanzmärkte bei Finanzwende.

„Glaubwürdigkeit der Taxonomie beschädigt“

In einer hauseigenen Umfrage hätten sich 82 Prozent der hiesigen Befragten gegen eine Aufnahme von Kernkraft-Unternehmen in den Pool der nachhaltigen Anlagen ausgesprochen, erinnert man bei Finanzwende. Senn meint daher: „Da Anlegerinnen und Anleger in vielen europäischen Ländern weder Atomkraft noch fossiles Gas als nachhaltig bewerten, wird das Wirrwarr verschiedener Standards auf absehbare Zeit bleiben und Greenwashing begünstigen.“ Ihr Fazit: „Die Entscheidung der Kommission beschädigt die Glaubwürdigkeit der Taxonomie erheblich.“

Der Zusatz zur Taxonomie-Verordnung ist aktuell zwar erst ein Entwurf. Um diesen zurückzuweisen, müsste jedoch eine qualifizierte Mehrheit der EU-Staaten dagegen stimmen. Konkret müssten 20 Mitgliedstaaten, die mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung vertreten, Einwände erheben. Dass das geschehen könnte, bezweifelt man nicht nur bei Finanzwende. Auch bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) schätzen Analysten: „Der Vorschlag dürfte angenommen werden, da eine notwendige Mehrheit von 20 Mitgliedsstaaten nicht zu organisieren sein wird.“

Bei der LBBW sieht man die Auswirkungen für Profi-Investoren insgesamt als zweischneidig an: Einerseits würden sich Projekte mit Atom- oder Erdgasanteil am Anleihemarkt mit dem erweiterten Nachhaltigkeitsbegriff leichter finanzieren lassen. Auch Anleger hätten dann mehr Möglichkeiten, ihr Geld mit dem Label „nachhaltig zu investieren.

Andererseits könnte dadurch auch der Vorwurf des „Greenwashings“, also der bloßen Grünfärberei von eigentlich nicht nachhaltigen Investments, gegenüber Unternehmen und Investoren noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Die Finanzbranche sieht sich ohnehin immer wieder mit entsprechender Kritik konfrontiert. Diese kann potenziell großen Schaden anrichten. Denn gerade im wichtigen Kundensegment der Privatanleger kann sie Vertrauen untergraben – zum Nachteil von Anbietern und Anlageprodukten.