DAS INVESTMENT: Herr Verstappen, Sie sind als Spezialist für Verbrauchertrends bei Robeco tätig. Welche Themen werden uns in den nächsten drei bis fünf Jahren beschäftigen?
Ed Verstappen: Wir schauen zuerst auf langfristige Trends, wie etwa Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder Gesundheit – die zwar alles andere als neu sind, aber Bereiche, in denen es ständig Veränderungen gibt. Während der Pandemie hat sich beispielsweise alles um digitales Bezahlen und Gaming gedreht, aktuell sind Themen wie Elektromobilität und künstliche Intelligenz besonders spannend.
Zum Thema künstliche Intelligenz: Was denken Sie, welche Branchen hiervon besonders profitieren werden?
Verstappen: Künstliche Intelligenz ist derzeit das ultimative Trendthema, auch wenn es Gefahr läuft, überschätzt zu werden. In diesem Bereich sind vor allem Firmen aus der Technologie-Wertschöpfungskette interessant, wie beispielsweise Chip-Hersteller oder Cloud-Anbieter. Es ist allerdings noch ein wenig zu früh, um die wahren Gewinner herauszustellen.
Wie wählen Sie interessante Unternehmen aus?
Verstappen: Wir identifizieren bei jedem Trend die Nummern eins und zwei der Branche. Wir suchen also nicht nach „Hidden Stars“, die vielleicht irgendwann mal zu den Spitzenreitern werden – nein, wir investieren in Unternehmen, die sich bereits auf diesen Plätzen etabliert haben. Was aber auch wichtig ist: dass wir die nötige Expertise für das Thema im Haus haben.
Wie identifizieren Sie die Spitzenreiter?
Verstappen: Das ist nicht so einfach. Denn wenn ein Trend aufkommt, wollen viele Unternehmen einsteigen, und je mehr das tun, desto schwieriger wird es, die Richtigen zu finden. Wir orientieren uns dann an Marktdominanz und Gewinn. Aber das Problem ist häufig, dass sich Gewinner erst herausstellen, wenn sich ein Trend verfestigt hat.
Haben Sie konkrete Beispiele?
Verstappen: Unter unseren Top-10-Holdings Ende August im Robeco Global Consumer Trends (ISIN: LU0187079347) finden sich beispielsweise:
- Visa mit 4,5 Prozent,
- Nvidia mit 4,2 Prozent
- und Airbnb 4,1 Prozent
Wir stützen uns also auf die großen Namen.
Was unterscheidet einen thematischen Ansatz von traditionellen Investmentstrategien?
Verstappen: Traditionelle Investmentstrategien orientieren sich meist an einer Benchmark. Thematische Investoren konzentriert sich dagegen eher darauf, wie sich die Welt verändert. Dabei suchen sie nach Unternehmen, die daran maßgeblich partizipieren. Bei Robeco ist uns allerdings wichtig, dass die Firmen bereits ordentliche Gewinne erzielen. Deshalb kommen für uns Gesellschaften, die vielleicht in zehn Jahren gut performen, nicht infrage. Denn: Wir sind keine Trendforscher – das machen wir zwar auch, aber am Ende sind wir Investoren. Als thematischer Investor geht es also nicht um große Geschichten, sondern um das, was in unserer Welt passiert, und darum, realistisch zu bleiben.
Welche Vorteile bieten thematische Investmentstrategien gegenüber traditionellen?
Verstappen: Ein Vorteil ist, dass thematische Investmentstrategien oftmals greifbarer für Anleger sind. Das machen sich mittlerweile aber auch viele traditionelle Investoren zunutze und gehen deshalb mehr und mehr thematisch vor. In Geschichten, die sich gut verkaufen, liegt aber auch manchmal die größten Risiken. Dort besteht die Gefahr, dass Themen zu sehr aufgeplustert werden, weshalb Anleger hier vorsichtig sein sollten.
Welche speziellen Risiken birgt thematisches Investieren sonst noch?
Verstappen: Das größte Risiko sind wohl Hypes – wenn ein Trend hochgepusht wird, dieser sich dann aber doch nicht als profitabel entpuppt. Es kann auch schiefgehen, wenn man zu früh auf einen Trend aufspringt. Insgesamt lässt sich sagen: Wenn es zu gut klingt, kann es nicht wahr sein.
Haben Sie auch Beispiele für Trends, die sich in der Vergangenheit nicht als solche entpuppt haben?
Verstappen: Ja, es gab welche, die uns enttäuscht haben. Beispielsweise Solarenergie – heute ist es ein vielversprechendes Thema, aber als wir vor fünf Jahren in diesen Trend investiert haben, war es einfach noch zu früh.
Warum?
Verstappen: Die Unternehmen konnten noch keine Gewinne erwirtschaften, weil es einfach zu viel Wettbewerb gab – auch aus China. Der Trend kann richtig sein, aber wenn man zu früh dran ist, wird man als Investor enttäuscht. 3D-Drucker sind ein weiteres Beispiel. Aber selbst solche Trends wie E-Commerce haben lange gebraucht, wenn man bedenkt, dass der Online-Versandhändler Amazon bereits 1994 gegründet wurde.
Und gibt es auch Trends, die sich nie entwickelt haben?
Verstappen: Das ist schwer zu sagen. Denn es ist oft nur ein Moment in der Zeit, in dem man etwas beurteilt. Beispielweise Weltraumreisen – derzeit wirkt der Trend noch ein wenig unrealistisch, aber in ein paar Jahren, kann es ganz anders aussehen. Für uns ist es sehr wichtig, dass ein Trend nicht nur ein struktureller Wachstumstrend ist, sondern dass er auch investierbar ist. Es sollte genügend Unternehmen geben, die mit ihm verbunden sind und die einen finanziellen Nutzen daraus ziehen. Ein investierbarer Trend muss über eine bloße Story hinausgehen. Er sollte zu Gewinnen und Gewinnwachstum führen.
Über den Interviewten:
Ed Verstappen ist Spezialist für Verbtauchertrends bei Robeco. Zuvor war er elf Jahre bei der niederländischen Privatbank ABN Amro Mees Pierson im Asset Management tätig.

