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in MegatrendsLesedauer: 4 Minuten
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Walter Liebe im Interview „Jedes noch so abgefahrene Nischenthema wurde mit rosigen Aussichten beschrieben“

Walter Liebe, Leiter Intermediäre bei Pictet Asset Management
Walter Liebe, Leiter Intermediäre bei Pictet Asset Management: „Aktienbörsen erkennen früher oder später superiores Wachstum – und honorieren es.“ | Foto: Pictet AM

Herr Liebe, zum Jahreswechsel publizieren Banken und Vermögensverwalter traditionell ihre Jahresausblicke. Die Anleger verfolgen interessiert die Schlussfolgerungen aus dem abgelaufenen Jahr sowie die Prognosen für das folgende. Warum klafften 2022 die Erwartungen und die Marktrealität besonders krass auseinander?

Walter Liebe: Üblicherweise ist die prognostische Qualität von Volkswirten und Marktstrategen begrenzt, was wiederum genüsslich in den Medien diskutiert wird. Dieses Jahr ist dabei keine Ausnahme. Allerdings gab es in diesem Jahr schwerwiegende Gründe, warum die zum Jahreswechsel 2021/22 gemachten Prognosen nicht oder nur unvollständig eingetroffen sind. Der Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Folgen für die Weltkonjunktur, insbesondere der starke Inflationsschub, konnten nicht vorhergesagt werden. Zugegebenermaßen hat sich bereits vor zwölf Monaten das Inflationsgespenst deutlich am Horizont gezeigt, die Explosion von Energiepreisen nach dem 24. Februar hat die Teuerungsraten noch einmal beschleunigt – und die Zentralbanken rund um den Globus zu einer Abkehr ihrer seit vielen Jahren praktizierten akkommodierenden Geldpolitik gezwungen.

Bemerkenswert ist aber schon, dass auch Multi-Asset-Anlagen unter Druck gerieten, oder?

Liebe: Wie informierten Lesern sicherlich bekannt ist, war das Kapitalmarktjahr 2022 das schlechteste seit vielen Jahrzehnten. Insbesondere die Kombination von nachgebenden Aktienmärkten und stark steigenden Renditen an den Anleihemärkten haben traditionelle Mischfondsmanager vor große Probleme gestellt. Es gab nur vereinzelte Anlageklassen, die in der Jahresschau überhaupt eine positive Wertentwicklung zeigen konnten.

Warum sind Wachstumsaktien so schwer unter Beschuss geraten, die einen wesentlichen Bestandteil von Themenfonds bilden?

Liebe: Große Wendepunkte an den Anleihemärkten sind erfahrungsgemäß keine gute Zeit für Wachstumsaktien. So auch 2022 – wobei sich eine relative Schwäche gegenüber dem breiteren Aktienmarkt bereits im Herbst des Vorjahres andeutete. Gestiegene Renditen verteuern nicht nur die Finanzierungskosten für Unternehmen, insbesondere stark expandierende mit wiederholtem Kapitalbedarf. Sie verteuern auch die Bewertung der Unternehmen mit weiter in der Zukunft liegenden Cashflows.  So weit, so bekannt. Das Jahr 2022 war allein aus der Zinsentwicklung heraus schon nicht förderlich für thematische Aktien, die ja zumeist einen Hang zu höherem Wachstum haben. Um den „perfect storm“ zu vervollständigen, kam noch der Absturz der weltweiten Konjunktur und die Verwerfungen von globalen Lieferketten hinzu, die das Ausschöpfen des vollen Absatzpotenzials für viele innovative Unternehmen behinderten.

 

Ob Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder erneuerbare Energien: Kaum einer dieser Megatrends hatte mit Blick auf die Wertentwicklung im Depot der Anleger Bestand. Welche Implikationen hält  2022 als Annus horribilis für Themenaktien bereit?

Liebe: Die Antwort fällt aus unserer Sicht leicht: langfristig keine. Obwohl diese Aussage leichter formuliert ist als sie in die Herzen der Anleger zu bringen. Über viele Jahre haben Themenfonds sich wachsender Beliebtheit und steigender Mittelzuflüsse erfreut. Das Angebot an Anlagethemen hat sich ebenfalls verbreitert und vertieft – nicht immer ausgereift, aber der Markt wird sich in dieser Hinsicht von allein bereinigen. Begleitet wurde die jüngste Welle der Themenfonds-Begeisterung von einer sehr positiven Berichterstattung in der Presse, wobei jedes noch so abgefahrene Nischenthema mit rosigen Aussichten beschrieben wurde. Die entgegengesetzte Richtung lässt sich bereits ansatzweise beobachten. Vermehrt erscheinen Artikel, die sich mit der generellen Sinnhaftigkeit thematischen Investierens befassen, die einen großen Bluff oder gar eine marketinggetriebene Blase der Assetmanagement-Industrie vermuten.

Ohne Zweifel gab es in der Spätphase des Bullenmarktes der vergangenen Jahre Übertreibungen…

Liebe: Ja, weil neue Player am Markt erschienen und plötzlich ihre „Erfahrung“ in der Konzeption und dem Management von Themenfonds anpriesen. Wie nach den Themenzyklen 1999 bis 2002 sowie 2006 bis 2008 werden viele Fonds wieder vom Markt verschwinden, entweder mangels Masse, also fehlender kommerzieller Erfolge, oder weil sie wertentwicklungsseitig gescheitert sind. Diese Marktbereinigung ist schmerzhaft, aber gesund für die Themenfonds-Landschaft.

Welchen Unternehmen gehört denn nun die Zukunft?

Liebe: Was bleibt, ist die Attraktivität des gedanklichen Konzepts von Themenfonds: Was sind die großen Wachstumslinien für die Menschheit? Welche Technologien werden uns helfen, die ökologischen, demographischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft zu meistern? Geschäftsmodellen, die hierfür Lösungen anbieten, wird die Zukunft gehören. Aktienbörsen erkennen früher oder später superiores Wachstum – und honorieren es. Selbst nach einem Jahr, in dem lediglich Öl- und Gasunternehmen sowie Finanztitel positiv abschneiden und Tech-Aktien einen herben Rücksetzer erleben.

Anleger sollten demnach nicht verzagen und idealerweise die gefallenen Bewertungen als lukrative Wiedereinstiegschance sehen?

Liebe: Die Enttäuschung über die Rückkehr zu mehr Realitätssinn bei luftigen Geschäftsmodellen sollte nicht den Blick verstellen für die Entwicklungen, die durch Konjunktur- und Börsenzyklen hinweg gültig sind. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen einen guten Start ins neue Jahr und ein glückliches Händchen bei der Anlage.

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