Vom Fondak bis zum ETF-Siegeszug: In 75 Jahren hat die deutsche Fondsbranche ein beachtliches Wachstum hingelegt. Doch nun ist der Reformdruck groß. Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des Fondsverbands BVI, spricht im Interview über Kapitalmärkte als Standortfaktor, politische Blockaden bei der Altersvorsorge, die Chancen institutioneller Anleger – und die Gefahr, dass deutsche Anbieter im Wettbewerb mit Frankreich und den USA den Anschluss verlieren.
DAS INVESTMENT: Wenn Sie die Entwicklung seit 1950 in einige große Kapitel aufteilen müssten – welche Überschriften würden Sie wählen und warum?
Kinderjahre (1950 bis Ende der 1980er Jahre)
Die Einführung von Fondak und Fondra war der Beginn einer neuen Ära der Geldanlage. Es entwickelten sich neue Fondstypen wie Renten- und Mischfonds. Die Fondsbranche war noch kein wichtiger Bestandteil der deutschen Finanzwirtschaft.
Jugend (1989 bis 1999)
Das Wachstum beschleunigte sich. Amerikanische Anbieter betraten den deutschen Markt, zuerst J.P. Morgan im Jahr 1989. Mitte der 1990er Jahre wurden Fonds zu Lieblingsprodukten der Anleger.
Der erste Rückschlag (2000-2002)
Mit dem Platzen der Dotcom-Blase kollabierte der Neue Markt. Die Börsen brachen ein, viele Fonds erlitten erhebliche Verluste.
Der zweite Rückschlag (2007-2009)
Die internationale Finanzkrise sorgte für massive Vermögensverluste und Mittelabflüsse aus Fonds.
Aufschwung (seit 2010)
Nach der Finanzkrise folgten mehr als zehn Jahre mit niedrigen Zinsen. Das bescherte der Fondsbranche erhebliches Wachstum. Die ETFs begannen ihren Siegeszug
Treiber des Aufstiegs: Welche zwei bis drei Entwicklungen haben die deutsche Fondsbranche strukturell am stärksten vorangebracht?
Thomas Richter: Das waren im Wesentlichen zwei Entwicklungen: Erstens, die niedrigen Zinsen. Sie haben dazu geführt, dass Anleger renditestärkere Anlagen an den Kapitalmärkten gesucht haben. Und zweitens das institutionelle Fondsgeschäft, also die Auslagerung der Kapitalanlage durch institutionelle Kunden in Fonds.
Wie anders wirkt die Branche heute im Vergleich zu Ihrem Einstieg – und welcher Umbruch hat Sie am meisten geprägt?
Thomas Richter: Die Fondsbranche ist heute verglichen mit Ende der neunziger Jahre, als ich eingestiegen bin, professioneller, technischer, standardisierter – und regulierter. Am stärksten geprägt hat mich die Immobilienfonds-Krise. Die damaligen Fondsschließungen haben einen immensen politischen Schaden verursacht. Das Vertrauen in den BVI war weg, das Ansehen der Branche hatte schwer gelitten, und Berlin drohte damit, das Produkt abzuschaffen. 2010, auf dem Höhepunkt der Krise, habe ich beim BVI angefangen und musste meine Antrittsbesuche bei Politikern regelmäßig mit der Bitte um Entschuldigung beginnen.
Welche Bedeutung haben Fonds heute für Vermögensaufbau, Altersvorsorge und Unternehmensfinanzierung – und wo liegt Ihrer Meinung nach das größte ungenutzte Potenzial?
Thomas Richter: Die Bedeutung der Fonds ist enorm. Die Fondsbranche ist die größte Kapitalsammelstelle vor den Versicherern, der größte Verwalter von Altersvorsorgekapital in Deutschland und eine bedeutende Finanzierungsquelle für die Realwirtschaft. Bei Privatanlegern wird das Fondssparen immer beliebter. Nach unserer Schätzung gibt es 30 Millionen Fondssparverträge, davon zwei Drittel mit aktiv gemanagten Fonds und ein Drittel mit ETFs, Tendenz steigend.
Das größte ungenutzte Potenzial liegt in der privaten Altersvorsorge. Hier hinkt Deutschland anderen Volkswirtschaften deutlich hinterher. Seit Jahren fordern wir die Reform der Riester-Rente.
Die nächsten fünf bis zehn Jahre: Auf welche wenigen, wirklich entscheidenden Trends sollte sich die Branche einstellen?
Thomas Richter: In den kommenden Jahren werden drei Trends entscheidend sein: Passives Investieren, Technologie und die Konsolidierung der Branche. Die Anbieter aktiver Fonds müssen eine Antwort auf den ETF-Boom finden, um den wachsenden Margendruck abzufedern. Technologie wird dabei ein entscheidender Wettbewerbsfaktor sein. Je mehr Fonds zu Commodities werden, je weniger sie sich also voneinander unterscheiden, umso wichtiger wird technische Effizienz: Welche Plattformen sind am einfachsten zu handeln, wo laufen Prozesse am schnellsten und sichersten ab, und wie können Anleger am besten auf Informationen zugreifen? Neben dem Margendruck wird das die Konsolidierung in der Branche, die schon in vollem Gang ist, weiter beschleunigen.
Was stimmt Sie optimistisch für den Fonds-Standort Deutschland – und wo muss aus Ihrer Sicht am dringendsten gehandelt werden?
Thomas Richter: Wir sind heute schon der größte Fondsmarkt in Europa. Aber nicht nur die Größe der Volkswirtschaft bietet Potenzial, auch der relativ geringe Anteil von Investmentfonds am Finanzvermögen. Er liegt bei rund 13 Prozent und ist ausbaufähig. Ein weiterer Pluspunkt: Die deutsche Fondswirtschaft ist sehr gut strukturiert. Hierzulande gibt es Anbieter entlang der gesamten Wertschöpfungskette, angefangen von Fondsproduzenten und -vertrieben bis hin zu Service-KVGs. Diese Arbeitsteilung ermöglicht es kleinen Asset Managern, einfach und kostengünstig ohne große Investitionen in den Markt einzutreten. Das ist ein Vorteil gegenüber anderen Märkten. Ein weiterer Vorteil für Deutschland sind Spezialfonds, die das ideale Vehikel für institutionelle Anleger sind.
Sorgen bereitet mir, dass es in Deutschland anders als zum Beispiel in Frankreich keine globalen Champions gibt. Das Tempo der Konsolidierung in Europa nimmt zu – ohne aktive deutsche Beteiligung. Das ist gefährlich, so wird man zum Ziel von Übernahmen. Deutschland droht zur Kolonie französischer und amerikanischer Gesellschaften zu werden. Es ist Zeit, dass auch hierzulande zwei oder drei große Akteure entstehen.
Welche eine Regel, Praxis oder Denkschule würden Sie sofort ändern, um die Branche spürbar voranzubringen?
Thomas Richter: Es muss sich in Deutschland die Finanzmarkt- und Wirtschaftsfeindlichkeit von Politikern und Regulatoren ändern. Diese Haltung verhindert die Verbreitung kapitalgedeckter Altersvorsorge in Deutschland, und sie ist der Grund für die massive Überregulierung in der EU. Ohne diese Einstellung hätten die Deutschen eine bessere Altersvorsorge, und die europäische Fondsbranche wäre international wettbewerbsfähiger.
Lesen Sie hier unsere ausführliche Heftgeschichte zu Deutschlands Fondsgeschichte:
„101.925 Prozent! Nicht nur die 75-jährige Performance des ersten deutschen Aktienfonds ist beeindruckend. Wir blicken auf die bewegte Geschichte der Fondsbranche – und voraus!“

