Thorsten Polleit

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Thorsten Polleit: „Es wird keine Zinswende geben“

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Es gibt keine Abkehr von der Politik des billigen Geldes, so der Vorsitzende der mächtigsten Zentralbank der Welt, Ben S. Bernanke, am 9. Juli. Diese Botschaft vermittelte er in nur einem Satz: “Highly accommodative monetary policy for the foreseeable future is what’s needed in the U.S. economy.” Die sogenannte Zinswende, von vielen erhofft und von vielen gefürchtet, bleibt aus. Und eigentlich ist das alles andere als überraschend.

Denn künstlich tief gehaltene Zinsen sind längst zur Überlebensfrage der internationalen Kredit- und Geldarchitektur geworden. Mit dem Ausbruch der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise Mitte 2007 haben alle großen Zentralbanken unter Führung der US-Notenbank Federal Reserve die Zinsen auf bisher nicht gekannte Tiefstände geschleust – damit die kolossale Verschuldungspyramide nicht kollabiert, die die Zentralbanken mit ihrer laxen Geldpolitik in den letzten Jahrzehnten aufgetürmt haben.

Zinsmarkt ist manipuliert

War die Rekordtiefzinspolitik erfolgreich? In Amerika scheint sie für einen neuerlichen Scheinaufschwung zu sorgen. Im Euroraum verschärft sich die Rezession, Massenarbeitslosigkeit greift um sich. In Japan ist der Zinssenkungsspielraum ausgeschöpft, die ungehemmte Monetisierung der Schulden scheint nun begonnen zu haben. Und in China braut sich vermutlich erst noch eine schwere Kreditkrise zusammen – als Folge der jahrelangen Kredit- und Geldmengenvermehrung durch die chinesische Zentralbank zu tiefen Zinsen.

Die Zinsen werden wohl kaum mehr auf ein „normales“ Niveau zurückkehren. Das verhindern die Zentralbanken. Denn sie haben de facto die volle Zinskontrolle übernommen: Sie kontrollieren nicht nur die Kurzfristzinsen, sondern mittlerweile durch Anleihekäufe auch die längerfristigen Zinsen – und zwar bis auf die Nachkommastelle, wenn sie es denn wollen. Der Zinsmarkt ist kein freier Markt mehr, sondern ein durch und durch manipulierter Markt.

Eine Zentralbank kann den von ihr politisch gewünschten Marktzins jederzeit am Markt durchsetzen. Und das geht so: Die Zentralbank kündigt an (erzeugt die Erwartung), den Kurs einer Anleihe durch Käufe bei 100 Euro zu halten. Der Kurs der Anleihe wird dann nicht unter diesen Kurs fallen: Niemand wird seine Anleihe für weniger als 100 Euro im Markt verkaufen, wenn ihm die Zentralbank dafür 100 Euro zahlt. Diese Politik ist im Kern eine Mindestpreispolitik für Anleihen.

Dass die Zentralbank den Kurs der Anleihe dabei auf ein Niveau hebt, das höher ist als der Kurs, der sich im freien Markt bilden würde, versteht sich von selbst: Der Marktzins soll ja gerade unter das Niveau gesenkt werden, das sich einstellen würde, wenn sich die Kursbildung frei im Markt vollzieht.

Auf den Kapitalmärkten sind folglich längst nicht mehr die Inflations- und Kreditausfallsorgen der Investoren maßgeblich für die Höhe der Langfristzinsen, sondern der entscheidende Faktor für die Zinshöhe ist die erwartete Bereitschaft der Zentralbanken, Anleihen aufzukaufen.

Auf Worte müssen Taten folgen (können)

Eine Zeitlang mag es genügen, dass die Zentralbank lediglich ankündigt, Anleihen zu kaufen, um die Zinsen auf das gewünschte Niveau zu schleusen. Wenn aber Investoren beginnen, die Bereitschaft der Zentralbank zu testen, ob sie Worten auch Taten folgen lässt, treten die Konsequenzen der Mindestpreispolitik für Anleihen zutage: Die Zentralbank gibt die Kontrolle über die Geldmenge auf.

Steigt der Angebotsdruck am Anleihemarkt (und steigt folglich der Zins), so muss die Bank Anleihen kaufen, um die Kurse zu heben und die Renditen zu senken, und sie muss die Anleihekäufe mit der Ausgabe von neuem Geld bezahlen.

Wenn Nichtbanken wie zum Beispiel Versicherungen, Pensionskassen und private Sparer Anleihen, die sie in ihrem Portfolio halten, an die Zentralbank verkaufen, steigt die für Nachfragezwecke verfügbare Geldmenge (M1 bis M3) unmittelbar und im Grund unwiderruflich an.

Ein solches Monetisieren von Schulden ist inflationär, vor allem wenn sie in großem Stil erfolgt. Die Geldmengenausweitung wird früher oder später die Preise in die Höhe treiben, ob nun die Preise der Lebenshaltung oder die Preise des Bestandsvermögens („Asset Price Inflation“) – die Kaufkraft des Geldes schwindet in jedem Fall.

Der lange Arm des Staates

Diese (Neben-)Wirkung der Mindestpreispolitik für Anleihen – die Geldentwertung – käme hoch verschuldeten Staats- und Banken gelegen: Künstlich tief gehaltene Zinsen, die niedriger sind als die Geldentwertungsrate, vermindern den realen Wert der Schulden – zu Gunsten der Schuldner, zu Lasten der Sparer. Und weil Zentralbanken nun einmal in erster Linie Staaten und Banken dienen, ist die Inflation eine so akute Gefahr in Zeiten einer Überschuldung.  

Um die Zahlungsunfähigkeit des heutigen Schuldgeldsystems abzuwenden, bedarf es künstlich gedrückter Zinsen – ob nun stark oder leicht gedrückt, in jedem Falle müssen sie niedriger ausfallen, als sie in einem freien Markt sein würden.

Ein Ausweg ist das fortgesetzte Zinsherabdrücken der Zentralbanken natürlich nicht: Es verursacht Fehlentwicklungen und Ungleichgewichte und wird in eine noch größere Krise münden.

Gefangen im Teufelskreis

Wenn die Zentralbanken den Zins jetzt aber freilassen, werden die Kapitalmarktzinsen weltweit stark steigen, und eine (Bereinigungs-)Rezession-Depression wäre die Folge. Um dem zu entkommen, werden die Zentralbanken weitermachen mit ihrer Zinsmanipulation.

Vermutlich werden sie die Langfristzinsen bei ungefähr 3 Prozent festhalten: Die Zinsen sollen nicht zu tief gedrückt werden, damit nicht der öffentliche Unmut gegen das Schuldgeldsystem befördert wird. Die Zinsen sollen aber auch nicht zu hoch sein, so dass Schuldner die Hand heben müssen.

Es wird keinen Ausstieg („Exit“) geben aus der Geldvermehrungspolitik („QE“), weder in den Vereinigten Staaten noch im Euroraum noch anderswo. Eine Zinswende im Sinne einer „Normalisierung“ der Zinsen wird es nicht geben. Die Zinsmanipulation der Zentralbanken sichert zwar die Zahlungsfähigkeit des Banken- und Finanzsystems, sie legt dadurch jedoch die Saat für die nächste Krise.

Und werden Forderungen gegenüber Staaten und Banken nicht vorher gelöscht, wird diese Geldpolitik Termin- und Spareinlagen und Staats-, Banken- und Unternehmensanleihen durch Inflation entwerten.


Über den Autor: Thorsten Polleit ist seit April 2012 Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH. Er ist Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute, Auburn, US Alabama, seit Oktober 2012 Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland und seit 2003 Honorarprofessor an der Frankfurt School of Finance, Frankfurt.

Der 45-Jährige ist Mitgründer und Partner von Polleit & Partner Investment Management und managt mit Matthias Riechert den Fonds P&R Real Value. Die private Website von Thorsten Polleit ist www.thorsten-polleit.com.

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