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Thorsten Polleit Wie die EZB den Zins bekämpft

Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel und Präsident des Ludwig von Mises INstitut Deutschland.
Thorsten Polleit ist Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel und Präsident des Ludwig von Mises INstitut Deutschland.


I.

Die Anleihen der Bundesrepublik Deutschland werden nach wie vor zu den Staatsanleihen mit der besten Bonität gezählt. Das zeigt sich an ihren Renditen, die durchweg niedriger sind als die anderer Euro-Staatsanleihen. Derzeit (am 11. November 2015) beträgt die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe 0,60 Prozent. Die Renditen der Bundesanleihen mit Laufzeiten bis sechs Jahren liegen jedoch unter null Prozent. Wie erklärt sich das?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zum einen mit ihrer Niedrigzinspolitik und dem Aufkaufen von Euro-Staatsanleihen die Renditen im Euroraum auf historisch niedrige Niveaus gedrückt. Zum anderen erhebt sie mittlerweile einen negativen Einlagezins: Banken müssen, wenn sie bei der EZB „Überschussguthaben“ halten, einen Strafzins in Höhe von 0,2 Prozent bezahlen (der Einlagenzins ist also minus 0,2 Prozent).
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Um dem „Strafzins“ zu entkommen, kann eine Euro-Bank, die Überschussreserven hält, entweder Kredite vergeben oder Staatsanleihen kaufen. In Zeiten angeschlagener Bankbilanzen ist der Kauf von Staatsanleihen natürlich besonders attraktiv. Denn anders als für Unternehmenskredite müssen Banken für Staatsanleihen kein teures Eigenkapital vorhalten.

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Für eine Bank macht es prinzipiell solange Sinn Staatsanleihen zu kaufen, wie deren Renditen höher sind als der negative Einlagenzins. Eine Bank wird daher auch eine Staatsanleihe mit einer Rendite von null Prozent kaufen. Und selbst bei einer Rendite von –0,19 Prozent wird die Bank noch zugreifen: Der Verlust ist geringer als das Halten von Überschussreserven.

Treibt die EZB den Einlagenzins noch weiter in den Negativbereich, wird das Halten von Überschussreserven noch verlustreicher. Banken werden daher vermutlich auch bereit sein, Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten beziehungsweise mit schlechterer Bonität zu kaufen. Die zusätzliche Nachfrage drängt die Renditen in Richtung Nulllinie beziehungsweise darunter.

Wenn die EZB weiter macht mit ihrer eingeschlagenen Politik der Bekämpfung des Zinses, ist es sehr wahrscheinlich, dass vor allem die Renditen der deutschen Staatsanleihen noch weiter unter die Nulllinie gezogen werden; das würde dann wohlmöglich auch die Renditen der Papiere mit zehn oder mehr Jahren Laufzeit einschließen.

II.

Künstlich niedrig gedrückte Zinsen beziehungsweise Negativzinsen haben weitereichende Folgen, die unterschiedliche Akteure in unterschiedlicher Weise treffen. Hierzu gehören beispielsweise:Die Zinskosten der Schuldner sinken;
  • der Reformdruck auf misswirtschaftende Staaten nimmt ab;
  • die Zinserträge der Sparer schwinden, beziehungsweise sie erleiden Vermögensverluste;
  • der Euro-Außenwert fällt und begünstigt Exporteure und benachteiligt Importeure;
  • die Finanzmarktpreise blähen sich auf und senden Fehlsignale;
  • es stellen sich Kapitalfehlallokationen ein.
Vor allem die Kapitalfehlallokationen verdienen ein besonderes Augenmerk. Sie stellen sich nämlich zwangsläufig ein unter der EZB-Geldpolitik. Denn der (reale) „neutrale Zins“ (oder: „Urzins“) kann nicht auf null Prozent fallen, geschweige negativ werden.[1] Ein negativer realer Marktzins ist vielmehr ein sicherer Hinweis dafür, dass Fehlentwicklungen auflaufen.

Ein negativer realer Marktzins lässt erwarten, dass Sparer, soweit sie noch bei Verstand sind, ihr Geld nicht in verlustbringende Schulden (re-)investieren. Bei hoher Liquiditätspräferenz werden sie auf beispielsweise die Bargeldhaltung ausweichen, oder sie wechseln in risikoreichere Anlageformen (wie zum Beispiel Aktien).

Wenn das der Fall ist, stellen sich nicht nur Preisverzerrungen ein, die die Marktakteure zu fehlerhaften Entscheidungen verleiten. Auch muss die EZB ihre Nachfrage nach Schuldpapieren erhöhen, damit die Marktzinsen niedrig beziehungsweise im negativen Territorium bleiben. Die Politik des Niedrig- beziehungsweise Negativzinses treibt folglich die Monetisierung der Schulden voran.

Und letztere wird im Euroraum wohl sehr, sehr groß ausfallen: Die Anleihekäufe der EZB und die damit verbundene (Basis-)Geldmengenausweitung werden vermutlich auf mindestens 4.760.000.000.000 Euro – also fast 5 Billionen Euro – anschwellen.[2] Man darf gespannt sein, was das für die Euro-Zinsen bedeuten wird – und natürlich auch für den Euro-Geldwert im In- und Ausland.


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