Jubiläum in Pullach: DJE wird 50 Jahre alt. Am Kapitalmarkt ist das keine Selbstverständlichkeit. Was hat man aus vergangenen Krisen gelernt, und wie gestaltet man die nächsten Jahrzehnte? Zum Unternehmensjubiläum wirft Thorsten Schrieber im großen Interview mit DAS INVESTMENT einen Blick zurück und nach vorne.
Herr Schrieber, bevor wir uns der Gegenwart widmen, werfen wir doch ganz kurz einen Blick in den Rückspiegel: Wie lief das Jahr 2023 für DJE?
Thorsten Schrieber: Während viele andere in der Branche mit einer eher durchwachsenen Entwicklung zu kämpfen hatten, war 2023 für uns alles in allem ein gutes Jahr. Mit unserer breiten Aufstellung jenseits der großen Aktienindizes konnten wir uns vor dem Hintergrund der Zinswende und der hohen Inflation solide behaupten. Insgesamt sehe ich uns für die Zukunft gut gewappnet. Schließlich haben wir schon andere Krisen in unserer 50-jährigen Geschichte gemeistert.
Welche Trends haben Sie über-, welche unterschätzt?
Schrieber: Ehrlich gesagt hat wohl niemand damit gerechnet, wie steil und plötzlich die Zinswende kommen würde. Ich bin ja auch schon ein paar Tage im Geschäft und habe unterschätzt, mit welcher Vehemenz die EZB plötzlich die Zinsen anheben würde. Für viele meiner jüngeren Fondsmanager-Kollegen war das Neuland – die haben in ihrem Berufsleben ja noch nie einen signifikanten Zins gesehen! Umso wichtiger war es also, dass wir bei DJE unsere Strategie frühzeitig angepasst und den Fokus stärker auf unseren Rentenbereich gelegt hatten. Wir werden häufig als Aktienhaus wahrgenommen. Aber wenn ich unsere Assets zusammenrechne, haben wir rund 40 Prozent in Anleihen allokiert.
Hat sich das auch in den Flows widergespiegelt?
Schrieber: Die waren durchwachsen. In den DJE-Publikumsfonds hatten wir 2023 deutliche Mittelabflüsse in Höhe von etwa 300 Millionen Euro, allerdings verzeichneten wir auf der institutionellen Seite und bei Spezialfondsmandaten sehr erfreuliche Zuflüsse. Unterm Strich waren wir zum Jahresende bei plus minus null.
Sind Sie damit zufrieden?
Schrieber: Auch wenn wir uns in diesem rauen Klima ganz gut geschlagen haben, können wir nicht damit zufrieden sein, lediglich eine „schwarze Null“ zu schreiben. Schließlich haben meine Vorstandskollegen und ich den Anspruch, DJE auch in unsicheren Zeiten profitabel weiterzuentwickeln. Die Kosten steigen auch bei uns, sei es durch die komplexere Regulatorik oder natürlich auch bei den Personalkosten.
Welche Produkte stehen bei Ihnen 2024 im Fokus?
Schrieber: Unser Schwerpunkt liegt klar auf unseren etablierten Mischfonds. Hier liegt unsere Kompetenz, hier können wir aus einem breiten Instrumentarium schöpfen. Wir kombinieren Aktien und Renten, setzen je nach Marktlage aber auch Derivate ein oder allokieren antizyklisch Rohstoffe wie Gold. Gerade Gold hat sich als stabilisierender Portfoliobaustein bewährt. Obwohl Gold wegen der Zinswende eigentlich hätte leiden müssen, konnten wir damit sogar eine leichte Outperformance generieren.
Dabei dürfte 2023 nicht in die Annalen der Mischfonds-Geschichte eingehen …
Schrieber: Unser Flaggschiff-Fonds Zins & Dividende hat 2023 eine Performance von mehr als 7 Prozent erzielt. In diesem Umfeld ein respektables Ergebnis für ein ausgewogenes 50/50-Portfolio bei moderater Volatilität, würde ich sagen. Die Produkte haben geliefert und liefern weiter. Sie hatten nur zuletzt etwas Gegenwind.
Gegenwind wovon?
Schrieber: Das Marktumfeld, aber auch die sich verändernde Vertriebslandschaft. Die Sparkassen etwa waren über viele Jahre ein sehr wichtiger Partner für uns, mit dem wir das Fondsgeschäft vorangetrieben haben. Umso mehr schmerzt es mich, dass sie branchenweit 2022 ihren Fondsneuabsatz halbiert haben und 2023 noch weiter das Neugeschäft reduziert haben. Stattdessen setzen viele Institute nun massiv auf Zertifikate - wohl auch aufgrund der höheren Provisionen. Aus meiner Sicht fehlt hier allerdings die Transparenz gegenüber den Kunden. Viele wissen gar nicht, auf was sie sich mit diesen Produkten einlassen. Am Ende können hohe Risiken ohne ihr Wissen in ihren Depots schlummern.
Trotzdem, die Sparkassen bleiben wichtig?
Schrieber: Sie sind nach wie vor unser wichtigster Kanal im Wholesale. Einige Sparkassen-Vorstände, mit denen ich gesprochen habe, bedauern selbst, wie schnell sie nun das mühsam aufgebaute Fondsgeschäft zugunsten der Zertifikatestrategie opfern mußten. In diesem Sinne hoffe ich, dass zumindest einige Institute wieder zum Fondsgedanken zurückkehren. Dort sollten wir mit unserer langjährigen Expertise und unseren Mischfondskonzepten punkten können.
Sie setzen auf Aktien, Mischfonds, Anleihen. Bei illiquiden Assets sind sie dagegen recht blass aufgestellt. Warum?
Schrieber: Bei Themen wie Immobilien oder Private Equity kennen wir bei DJE unsere Grenzen: Für den Sprung auf die illiquide Seite fehlt uns schlicht die langjährige Expertise. Stattdessen konzentrieren wir uns auf das, was wir am besten können, das Management von liquiden Assets. Immobilien sind dabei nicht gänzlich außen vor: Im Rahmen unserer Multi-Asset-Fonds berücksichtigen wir durchaus auch Immobilienaktien und analysieren die Portfolios und Finanzkennzahlen der entsprechenden Unternehmen. Aber den Schritt in illiquide Assets gehen wir nicht.
Könnte sich das in Zukunft ändern? Immerhin verdrehen Eltifs gerade der Branche den Kopf …
Schrieber: Nun, ausschließen würde ich nicht, dass wir mit passenden Partnern Produktlösungen wie Eltifs ins Auge fassen. Aber die Messlatte für Qualität und Transparenz liegt hoch.
Von der echten in die digitale Welt: Wie blicken Sie auf Bitcoin?
Schrieber: Bitcoin und Kryptowährungen sind für uns kein Thema. Im Gegensatz zu Gold können wir bei Bitcoin keinerlei Fundamentaldaten oder inneren Wert erkennen.
Gold hat doch auch keinen intrinsischen Wert.
Schrieber: Bei Gold lässt sich aus Schürfvolumina, Minen-Kapazitäten und Nachfrage der Industrie ein fairer Wert ableiten. Bitcoin hingegen, und da bin ich ganz offen, ist für mich nicht greifbar.
Andere Asset Manager sind bei dieser Asset-Klasse deutlich optimistischer.
Schrieber: Wir bei DJE sind 50 Jahre erfolgreich am Markt und haben unzählige Trends kommen und gehen sehen. Sollte uns jemand schlüssig erklären können, wie man Bitcoin fundamental bewerten kann, nur zu. Bis dahin bleibt Krypto für uns ein klares No-Go. Da vertrauen wir lieber auf Werte mit Substanz oder Fluchtwährungen wie Gold.
Lassen Sie uns über Geld sprechen – beziehungsweise Kosten. Ihr Flaggschiff-Fonds hat 1,76 Prozent TER. Kann man eine solche Summe in 5 oder gar 10 Jahren noch verlangen angesichts des steigenden Kostendrucks durch ETFs?
Schrieber: Als aktiver Manager unterscheiden wir uns doch deutlich von einem ETF-Anbieter. Und bedenken Sie: Wir haben ein 18-köpfiges Research-Team, das jährlich 500 Firmengespräche führt. Das kostet. Ich glaube schon, dass die TER weiter sinken wird, aber aktiv gemanagte Fonds haben ihre Qualität und ihren Preis. Für Honorarberater bieten wir mit der XP-Tranche aber ein Produkt mit einer Kostenquote von nur 0,65 Prozent an.
Ihr verwaltetes Vermögen liegt bei 16 Milliarden Euro. Wie wollen Sie weiterwachsen?
Schrieber: Über institutionelle Investoren und Vermögensverwalter. 2025 wollen wir die 20 Milliarden-Marke knacken, das ist unser Fixstern. Vielleicht brauchen wir nach den Turbulenzen der vergangenen Jahre dafür ein Jahr länger, aber wir werden das schaffen. Das müssen wir auch angesichts der zunehmenden Regulierung.
Welche Rolle spielt die digitale Vermögensverwaltung Solidvest für DJE?
Schrieber: Solidvest ist unsere Antwort auf die Digitalisierung in der Geldanlage. Damit sprechen wir eine neue Kundenzielgruppe an.
Das Volumen ist mit 250 Millionen Euro bislang überschaubar.
Schrieber: Es geht nicht allein um die Assets. Die Einheit fungiert auch als Innovationstreiber für die gesamte DJE-Gruppe. So wurde auf Basis der Solidvest-Technologie gerade die DJE-Vermögensverwaltung modernisiert und digitaler aufgestellt. Ein erklärtes Ziel sind auch Cross-Selling-Effekte zwischen Solidvest und der DJE-Vermögensverwaltung. Wir sehen hier eine sinnvolle Ergänzung.
Sind Sie mit den 250 Millionen Euro zufrieden? Und wo soll das Volumen in zwei Jahren liegen?
Schrieber: Konkrete Volumenzahlen möchte ich nicht nennen. Klar ist: Das Volumen soll nennenswert über dem aktuellen Niveau liegen, eine gesunde Wachstumsdynamik ist essenziell. Doch wir müssen auch realistisch bleiben: DJE ist kein B2C-Startup, wir verbrennen kein Risikokapital von externen Investoren. Solidvest muss sich in seinen Möglichkeiten entwickeln können, aber steht nicht unter unmittelbarem Maximal-Wachstumsdruck. Im Vordergrund steht, Synergien und Digitalisierungseffekte für DJE zu heben. Da erfüllt Solidvest seine Aufgabe bislang sehr gut.
Sie erwähnten vorhin die 50-jährige Geschichte von DJE. Das ist beeindruckend. Und doch gibt es in der deutschen Fonds-Geschichte einige Häuser, die an Ihnen vorbeigezogen sind. Wie konnte eine Vermögensverwaltung wie Flossbach von Storch denn viel größer werden?
Schrieber: Flossbach hat in einer Wegstrecke, wo wir nicht ganz so gut aufgestellt waren, einen sehr guten Job gemacht. Und auch deren Performance war in den vergangenen zehn Jahren gut. Ich gönne dem Kollegen Bert Flossbach den Erfolg, keine Frage! Meiner Meinung nach müsste die Fragestellung aber eine andere sein.
Und zwar?
Schrieber: Langfristiger Erfolg entscheidet sich nicht nach 5 oder 10 Jahren. Hier sollten wir nach einem halben Jahrhundert, also nach 50 Jahren noch einmal sprechen! Ich bin überzeugt, dass wir unseren Kunden dann immer noch zur Seite stehen werden – während mancher Shooting-Star vielleicht schon wieder vom Markt verschwunden ist. Was jetzt natürlich weder auf die Kollegen aus Köln noch Aschaffenburg gemünzt ist.
Gané ist das Kunststück gelungen, innerhalb weniger Jahre mit nur drei Mann 8 Milliarden Euro einzusammeln. Warum DJE nicht?
Schrieber: Auch die machen einen guten Job. Und sie haben natürlich ein tolles Praktikum im Vorfeld gemacht, bevor sie durchgestartet sind. (lacht) Unser Fehler war nur, sie nicht zu behalten. Die Erfolgsgeschichte von Gané zeigt auch, dass man Unternehmen heute anders startet als wir damals.
Was würden Sie heute anders machen?
Schrieber: Eine spannende Frage! Wenn wir heute noch einmal bei Null anfangen würden, würden wir sicher vieles anders angehen als damals in den 1970ern. Allein die regulatorischen Rahmenbedingungen für junge Finanzunternehmer sind ja völlig andere. Heute kann man einfach unter dem Haftungsdach einer etablierten KVG starten, statt direkt eine eigene Gesellschaft zu gründen. Das minimiert Kosten, Risiken und organisatorischen Aufwand. Wir waren seinerzeit Vorreiter als rein privatwirtschaftliche Fondsgesellschaft ohne Bank im Rücken. Diese Unabhängigkeit war sicher mit ein Schlüssel für unseren langjährigen Erfolg. Also ja – der Start wäre wohl schlanker, aber die DNA bliebe gleich.
Welche Rolle spielt Gründer Jens Ehrhardt noch?
Schrieber: Er prägt das Unternehmen nach wie vor sehr! Auch mit seinen nunmehr 82 Jahren ist Jens Ehrhardt noch fast täglich im Büro anzutreffen. Seine Leidenschaft für die Märkte ist ungebrochen. Manchmal scherze ich, dass er noch eher im Büro anzutreffen ist als so mancher unserer jungen Kollegen – schließlich lässt er es sich nicht nehmen, weiterhin seine Finanzwoche-Kolumne persönlich zu verfassen
Ihre Heimat ist Pullach bei München. Ist das ein Standortnachteil im Kampf um Talente?
Schrieber: In Frankfurt ist es sicher leichter, Leute zu finden. Der Markt dort ist viel größer. Ein paar unserer Vertriebsmitarbeiter sitzen deshalb in Frankfurt. Heutzutage ist das ja besser möglich als früher.
Trotzdem finden Sie Talente?
Schrieber: Traditionell hatten wir Glück damit, vielversprechende Studenten bereits früh an uns zu binden, häufig über Praktika. Der Name DJE zieht noch immer. Viele spätere Führungskräfte haben auf diesem Weg bei uns reingeschnuppert und sind geblieben.
Mit welchen Themen beschäftigt sich DJE aktuell am meisten?
Schrieber: Abseits des Kapitalmarktes meinen Sie? Das sind aktuell vor allem regulatorische Fragen, da gilt es auf der Höhe zu bleiben. Gleichzeitig treiben wir aktuell unsere digitale Transformation voran. Cloud-Lösungen, Automatisierung von Prozessen durch KI, App-Lösungen für Kunden: Wie überall in der Finanzbranche spielt Digitalisierung auch bei uns eine immense Rolle. Die Gratwanderung besteht für uns als DJE darin, möglichst effizient und kundenfreundlich zu agieren, ohne unsere persönliche Handschrift aus den Augen zu verlieren.
Sie sind mit einer längeren Unterbrechung seit mehr als 20 Jahren bei DJE. Was war rückblickend Ihre größte Herausforderung?
Schrieber: Oh, da gab es einige. Sicher war die Auflegung unserer Fondsgesellschaft 2002 eine Mammutaufgabe. Als kleines privates Unternehmen dieser Art mussten wir damals mächtig Überzeugungsarbeit leisten. Auch der sprunghafte Aufbau des Unternehmens ab der Jahrtausendwende erforderte, innerhalb weniger Jahre aus einem kleinen Team eine schlagkräftige Investmentboutique aufzubauen. Rückblickend waren es diese dynamischen Wachstumsphasen, in denen sich zeigte, wer wir sind und wer an einem Strang zieht.
