Lesedauer: 4 Minuten

„Timing ist weniger wichtig“

Franz Weis
Franz Weis
DAS INVESTMENT: Der europäische Aktienmarkt hat in jüngerer Zeit bereits gut performt. Ist jetzt noch ein guter Zeitpunkt, um einzukaufen?
Weis:
Wir halten die Bereitschaft, in Aktien zu investieren, grundsätzlich für wichtiger als die Fokussierung auf das richtige Timing. Uns ist daran gelegen, Unternehmen ins Portfolio zu nehmen, die langfristig eine bessere Wertentwicklung erwarten lassen als der breite Markt – bei niedrigeren Schwankungen.

Die Fundamentaldaten sind aber gegenwärtig
nicht so rosig, oder?
Weis:
Einige makroökonomische Indikatoren zeigen für die nähere Zukunft in der Tat keine Boom-Epoche an. Dies ist für unser Portfolio jedoch auch nicht notwendig, weil Qualitätsunternehmen in der Vergangenheit bewiesen haben, dass sie auch ohne volkswirtschaftliches Wachstum stabiles Gewinnwachstum generieren können.

Das müssen Sie näher ausführen.
Weis:
Ein Qualitätsunternehmen zeichnet sich für uns durch ein überdurchschnittliches, vorhersehbares und möglichst nicht zyklisches Gewinnwachstum aus. Es ist in der Regel in der Lage, künftiges Wachstum aus laufenden Erträgen zu finanzieren, ohne Schulden zu machen. Darüber hinaus zeigt sich Qualität für uns in einem verantwortungsbewussten und an einem langfristigen Erfolg ausgerichteten Management.

Ein Beispiel wäre schön.
Weis:
Nehmen Sie den Brillenglashersteller Essilor aus Frankreich. Er ist Weltmarktführer, fünfmal größer als der nächste Konkurrent und sehr innovativ: Jüngst brachte Essilor eine neue Antibeschlag- Beschichtung auf den Markt. Das Unternehmen baut seine Marktposition durch den Kauf von kleinen Laboren und neuen Technologien aus, ohne sich stark zu verschulden. So profitiert Essilor, und am Ende mittelbar der Anleger, langfristig davon, dass Europas Bevölkerung immer älter wird – was die Nachfrage weiter ansteigen lässt. Außerdem hat Essilor zunehmend eine dominierende Marktposition in Schwellenländern wie China und Thailand. Wir erwarten für Essilor stabile zweistellige Gewinnsteigerungen.

Was machen Sie anders als Kollegen, die
europäische Aktienfonds managen?
Weis:
Wir bleiben in allen Marktphasen unserer Philosophie treu. Unser Ziel ist es, für unsere Anleger langfristig eine positive Wertentwicklung zu erzielen. In Zeiten stark steigender Aktienmärkte sind wir in der Regel etwas hinter dem Markt, dafür verlieren wir in schwachen Phasen deutlich weniger und generieren dadurch den größten Teil unserer Outperformance. Bedingt durch die aufgezeigte Vorgehensweise orientieren wir unseren Fonds nicht an einem Vergleichsindex.

Führt Ihre Anlagephilosophie aber nicht zwangsläufig zu einem konzentrierten Portfolio?
Weis:
Das ist richtig. Wir halten im Comgest Growth Europe derzeit lediglich 33 Positionen. Denn Gesellschaften, die in unser Beuteschema passen, gibt es nun mal nicht wie Sand am Meer.

Und welchen Ansatz verfolgen Sie mit dem Schwesterfonds, dem Comgest Growth Greater Opportunities?
Weis:
Auch dieser Fonds setzt auf Qualitätswachstumswerte, investiert aber in Unternehmen, die sich in einer früheren Phase ihres Wachstums befinden oder über eine kürzere Aktienmarkthistorie verfügen. Außerdem kommen Unternehmen infrage, die sich zwar in zyklischeren Industrien bewegen, aber dank ihrer Nischenpositionen und besonderer Geschäftsmodelle auch in Wirtschaftskrisen profitabel bleiben. Daneben hat der Fonds ein größeres geografisches Anlageuniversum, er kann etwa auch in Russland oder der Türkei investieren.

Streut der Fonds damit breiter?
Weis:
Ja, etwas. Er hat derzeit rund 40 Titel im Portfolio. Es kommt aber nur dann eine neue Aktie hinzu, wenn sich aus Sicht der Bewertung eine besondere Gelegenheit auftut: daher auch das „Opportunities“ im Namen. Aufgrund des unterschiedlichen Risikoprofils verhält sich der Fonds in schwierigen Zeiten nicht ganz so defensiv wie unser Klassiker Comgest Growth Europe, doch wenn die Aktienmärkte steigen, schneidet er überdurchschnittlich gut ab.

Auf welche Kennzahlen achten Sie bei der Titelauswahl?
Weis:
Sehr wichtig sind uns Gewinnzuwächse von mehr als 10 Prozent jährlich über die nächsten Jahre. Nur wenn wir dies sicher prognostizieren können, ist die Firma ein Kandidat für unser Portfolio. Darüber hinaus stellen wir uns die Frage, ob wir dem Management dauerhaft zutrauen, die Gesellschaft in stabilem Fahrwasser zu halten. Letztlich muss uns der Einstiegspreis angemessen erscheinen. Können Unternehmen diesen Dreiklang wiedergeben, zögern wir nicht, für unsere Anleger zu investieren.

Die gesamte Interviewserie finden Sie hier

STECKBRIEF FRANZ WEIS
Franz Weis ist bei Comgest für europäische Aktien verantwortlich und managt den europäischen Aktienfonds-Klassiker Comgest Growth Europe sowie den Comgest Growth Greater Europe Opportunities. Der gebürtige Bayer (Jahrgang 1967) begann seine berufliche Laufbahn im Jahre 1990 als Analyst und Portfoliomanager bei Baillie Gifford. 1996 wechselte er zu F&C Asset Management in der Position als Senior Portfoliomanager. Dort war er im Team für „Continental European Equities“ tätig, bevor er 2005 zu Comgest wechselte.

Mehr zum Thema
Im Crashtest: Die besten Manager für europäische Aktienfonds Comgest: Zitt geht, Franz kommt Comgest holt Schwellenländer-Analysten