Weshalb die Berliner Volksbank Millionen in einen VC-Fonds steckt
Nachgefragt bei Timo FleigWeshalbdieBerlinerVolksbankMillionenineinenVC-Fondssteckt
„Volksbank investiert in Hochrisiko-Fonds“ – das klingt wie die nächste Skandal-Schlagzeile. VC-Fondsmanager Timo Fleig erklärt, weshalb dahinter eine Erfolgsgeschichte steckt.
Timo Fleig sammelt 100 Millionen Euro für seinen VC-Fintech-Fonds ein, in dem die Berliner Volksbank als Ankerinvestor fungiert.| Bildquelle: Redstone Fintech Management
DAS INVESTMENT: Herr Fleig, seien Sie uns bitte nicht böse, wenn wir gestehen, dass es uns schwer fällt, die Berliner Volksbank mit einem Venture-Capital-Fintech-Fonds über 100 Millionen Euro in Verbindung zu bringen…
Timo Fleig: (lacht) Alles gut, das höre ich nicht zum ersten Mal! Die Geschichte begann vor über zehn Jahren, als ich von PwC zur Berliner Volksbank wechselte. Der damalige Vorstandsvorsitzende wollte in der Niedrigzinsphase alternative Renditequellen erschließen. Carsten Jung, der damals noch nicht Vorstandsvorsitzender war, erkannte zudem, dass sich das Banking fundamental verändern wird.
Aus diesen zwei Strömungen entstand 2015 zunächst die Berliner Volksbank Ventures mit einem Startfunding von 20 Millionen Euro. Das war der Anfang. Bereits damals hatte sich die Bank entschieden, den Fonds nicht allein zu managen, sondern ist eine Partnerschaft mit dem VC-Investor Redstone eingegangen. Redstone ist also vom Start weg mit dabei.
Wie ging es dann weiter?
Fleig: 2020 haben wir gemeinsam den VR Ventures Fonds aufgelegt, an dem sich mehrere Volksbanken und eine Lebensversicherung außerhalb der genossenschaftlichen Finanzgruppe beteiligt haben.
Heute gibt es bereits den dritten Fonds. Dieser wird von Redstone verwaltet und die Berliner Volksbank ist mit 10 Millionen Euro der Ankerinvestor. Die Bank hat sich also in ihrer Rolle in den zehn Jahren verändert und ist vom Initiator, Co-Manager und initialem Kapitalgeber auf die Investorenseite gewechselt.
Wie laufen denn die ersten beiden Fonds?
Fleig: Der erste Fonds steht aktuell bei einem Multiple von 2,6x, also 260 Prozent Wertzuwachs. Getrieben vor allem durch Planradar und Liqid. Wir hatten auch schöne Exits wie Flexperto und Thermondo. Der zweite Fonds von 2020 hat trotz Corona, Ukraine-Krieg und Tech-Crash unverändert eine positive Portfolioentwicklung – das ist für die vergleichsweise kurze Zeit und dem Marktumfeld, in dem wir uns bewegt haben, sensationell gut.
Im zweiten Fonds sind echte Perlen drin wie Finanzguru, immer unter den Top 4 der meist heruntergeladenen Finanz-Apps, oder Atlas Metrics für ESG-Reporting. Mit dem Penta Verkauf an Qonto haben wir zudem bereits einen ersten sehr erfolgreichen Exit realisiert. Der Track Record ist also makellos. Darauf sind wir stolz.
Ihr dritter Fonds firmiert als „Redstone Fintech & Beyond Fonds III". Sie sind nicht nur im Investmentkomitee, sondern auch selbst als Investor tätig. Wie viel Volksbank steckt denn noch in Ihnen?
Fleig: Sie meinen in mir persönlich? Nun, ich bin Berliner, habe hier studiert und bin nach sechs Jahren in der Unternehmensberatung bewusst zur Berliner Volksbank gegangen, weil ich langfristig etwas mit aufbauen wollte und bei der Bank positive Aufbruchstimmung herrscht.
Allgemein ticken Volksbanken-Vorstände sehr unternehmerisch. Wir konnten immer auf Augenhöhe diskutieren, auch mal unkonventionelle Lösungen umsetzen, wenn es opportun war. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Aber klar: Ich fühle mich heute erstrangig als Fintech-Investor.
Die neue Konstruktion trägt dem Rechnung. Redstone ist jetzt Mehrheitsgesellschafter, die Berliner Volksbank bleibt bedeutend beteiligt – und ich habe selbst einen kleinen Anteil erworben.
Der VC-Fonds ist ein Hochrisikoprodukt – und kommt in einer Zeit, in der Medien über einen „Fintech-Winter“ und zahlreiche Volksbank-Skandale berichten...
Fleig: Den Fintech-Winter haben wir natürlich auch gespürt. Viele Startups haben 2022 ihre Burn-Rate reduziert oder Brückenfinanzierungen durchgeführt. Einige haben 2023 nicht überlebt.
Aber gerade in solchen Phasen zeigen sich Gründerteams, die es wirklich ernst meinen. Die nicht gründen, weil es gerade hip ist, sondern unbedingt was Neues auf die Beine stellen müssen, weil sie sonst selbst nicht in den Schlaf finden.
Interessanterweise dreht sich der Markt gerade wieder und wir sehen spannende Opportunitäten: Wir haben bereits drei Investments in den ersten zwei Monaten des neuen Fonds getätigt, weitere sind in der Pipeline. Interesse und Bedarf kommen also zurück.
Fleig: (lacht) Gar nicht! Die Gruppe hat 670 rechtlich selbstständige Institute. Und die Medienmechanik ist so, dass man eben nicht auf die guckt, wo es läuft. Ich verstehe das und kritisiere es auch nicht.
Zugleich bin ich persönlich erstaunt, dass nicht viel mehr Banken – und nicht nur im genossenschaftlichen Sektor – in Technologie und neue Geschäftsmodelle investieren. Wir denken bei unseren Fonds in Chancen, ohne die Risiken dabei zu vernachlässigen oder gar außer Acht zu lassen.
Ihr neuer Fonds richtet sich nicht nur an andere Volksbanken aus dem genossenschaftlichen Verbund. An wen denn konkret?
Fleig: Unser Sweet Spot sind mittelständische Banken und Versicherungsgesellschaften, die sich für beides interessieren: Rendite und strategische Mehrwerte. Wir sind für sie quasi ein „Window on Technology“. Viele wollen keine eigene VC-Einheit aufbauen, aber trotzdem verstehen, was sich da draußen tut.
Und das ist dringend notwendig: Selbst Innovationsmanager großer Banken kennen meist reife Start-ups nicht. Neulich fragte ich in einer Runde, wer Qonto kennt – eine Banking-Plattform für KMUs, zuletzt mit über vier Milliarden Euro bewertet. Qonto kannten nur die, die bei uns investiert waren.
Es geht bei Ihrem VC-Fonds also gar nicht allein um die Rendite?
Fleig: Genau. Nicht nur. Es geht auch um diesen strategischen Mehrwert. Schon die Insights, die wir mit unseren Investoren teilen, sind Geld wert, welches sonst an das ein oder andere Beratungsunternehmen fließen würde. Bei uns bekommen sie Wissen, Technologiezugang und Netzwerk nebenbei frei Haus. Wenn unsere Investoren mit Portfolio-Unternehmen ins Gespräch kommen, entwickeln sich oft konkrete Kooperationen.
Zudem berichten wir mit unseren Investoren regelmäßig, welche Trends und Entwicklungen wir am Markt sehen: Zuletzt haben wir beispielsweise unseren Research zu AI-Unternehmen im Kundensupport präsentiert und relevante Start-ups präsentiert. Das ist unseren Investoren extrem wichtig. Wir schaffen mit jedem Fonds ein kleines Ökosystem.
Mit Verlaub: Zwischen einer klassischen Geno-Bank und einem agilen Fintech-Startup dürften Welten liegen. Ist ein Investment in Ihren Fonds nicht nur ein teurer Blick in die hippe Finanzwelt von Gen-Z-Großstädtern?
Fleig: Da liegen Sie völlig falsch! Nehmen Sie Backbone, ein Schweizer Unternehmen für Immobilienvisualisierung. Banken mit eigenen Maklerunternehmen geben dorthin einen Auftrag und haben 24 Stunden später professionelle Bilder inklusive Drohnenaufnahmen: schneller, günstiger, besser. Oder Planradar für Baumängel-Management – das wird konkret genutzt. Empion für HR-Recruiting verwenden bereits gut zehn Volksbanken.
Und als wir Atlas Metrics – ein Unternehmen für das ESG-Reporting – im Beirat vorgestellt haben, da waren wir noch gar nicht investiert, und bereits eine Woche später liefen operative Gespräche zwischen unserem Investor und dem Start-up. Jetzt wird Atlas Metrics in Kooperation mit der DG Nexolutions an über 200 Volksbanken vertrieben. Da steckt also einige Musik drin.
Die so entstandenen Partnerschaften unterstützen Banken und Versicherungen bei Ihrer Digitalisierungsstrategie. Gleichzeitig gewinnen unsere Portfoliounternehmen durch diese Partnerschaften attraktive Kunden und einen starken Vertrauenszuwachs bei anderen potenziellen Kunden. Wir schaffen also strategische Mehrwerte für beide Seiten.
Woran erkennen Sie ein gutes Fintech mit Potenzial? Nennen Sie bitte mal ein Beispiel.
Fleig: Nehmen wir Orus aus Paris. Die haben erkannt: Gewerbekunden und Freelancer haben keine Lust, für eine simple Versicherung mehrmals zum Makler zu rennen. Also bauen sie Versicherungsprodukte mit komplett digitaler Antragsstrecke. Oder Banxware mit Embedded Lending – da hat sogar eine Volksbank die Kreditlinie gegeben.
Was uns überzeugt: nachgewiesener Product-Market-Fit, starke Unit Economics und visionäre Gründerteams. Zudem ist uns ein effizienter Kapitaleinsatz wichtig: In der aktuellen Marktlage erwarten wir zum Beispiel 24 Monate Runway nach einer Finanzierungsrunde.
Die Fintech-Krise dürfte auch an Ihrem Portfolio nicht spurlos vorübergegangen sein. Wie viele Investments sind pleite gegangen?
Fleig: Natürlich gibt es Ausfälle, das gehört zum VC-Geschäft. Aber unsere Quote ist deutlich besser als der Marktdurchschnitt. Wichtig ist: Viele unserer Portfoliofirmen haben 2022 rechtzeitig die Burn-Rate reduziert und sind jetzt robust aufgestellt. Es bleibt genug Zeit, auch schwierige Phasen zu überstehen.
Für uns als VC-Investoren ist es zudem viel entscheidender sogenannte Fund Returner im Portfolio zu haben, also Unternehmen, die beim Exit einmal das gesamte Fondsvolumen zurückspielen können. Da sehen wir uns gut aufgestellt.
Wir konzentrieren uns häufig viel zu sehr auf die Dinge die schief gehen und noch mal: Ich bin eigentlich erstaunt über die Ruhe auf manchen Vorstandsetagen.
Fleig: In Start-ups und Technologie zu investieren, das ist heute kein Nice-to-have mehr, sondern überlebenswichtig. Jede Bank sollte eigentlich mehr in diesem Bereich machen oder Wege der Partizipation suchen. Wer sich die Quoten für Forschung und Entwicklung anschaut, versteht das sofort. Die Gefahr ist nicht die, dass mal ein Investment schiefgeht. Die Gefahr ist vielmehr die, dass Banken den Anschluss verlieren, weil sie zu lange in ihrer Komfortzone bleiben. Ich bin mir sicher: Stillstand ist Rückschritt – das gilt heute mehr denn je.
Über Timo Fleig und Redstone Fintech Management
Timo Fleig (Jahrgang 1981) ist geschäftsführender Partner der Redstone Fintech Management GmbH. Der gebürtige Berliner – „einer der ganz wenigen in der Berliner VC-Szene“, wie er selbst sagt – studierte in Berlin und Kopenhagen, bevor er sechs Jahre bei PwC im Transaktionsbereich arbeitete. 2012 wechselte er zur Berliner Volksbank und baute dort ab 2015 das Venture-Capital-Geschäft auf. Fleig lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Berlin.
Redstone ist eine europäische Risikokapitalgesellschaft mit Hauptsitz in Berlin und Büros in Zürich und Helsinki. Redstone betreibt Start-up-Fonds, die mit gezielten Strategien in junge Wachstumsunternehmen in verschiedenen Bereichen investieren.
Der „Redstone Fintech & Beyond Fonds III“ mit einem Zielvolumen von 100 Millionen Euro ist – nach der „Berliner Volksbank Ventures“ und dem „VR Ventures Fonds“ – bereits der dritte Fintech-Fonds. Der Investmentfokus liegt auf europäischen Fintech- und B2B-SaaS-Startups in den Phasen Pre-Seed bis Series A. Die Berliner Volksbank fungiert hier seit Mai 2025 als Ankerinvestor mit 10 Millionen Euro.
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