Trade Republic steht seit Monaten unter Druck. Kaum ein Neobroker hat den deutschen Markt so stark geprägt – und gleichzeitig so viel Kritik auf sich gezogen. Fehlerhafte Dividendengutschriften, Unstimmigkeiten bei Steuerabrechnungen, teilweise monatelange Wartezeiten bei Depotüberträgen, technische Ausfälle an volatilen Börsentagen und ein Kundenservice, der als kaum erreichbar beschrieben wird – die Liste der Probleme scheint lang.

Zwischen Januar und September 2025 registrierten die Verbraucherzentralen bundesweit über 300 Beschwerden über Trade Republic. Das entspricht einem Anstieg von 133 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hauptgründe: mangelnde Erreichbarkeit und unvollständige Leistungen.

Beschwerdemuster in Online-Foren

In Online-Foren, sozialen Netzwerken und Beschwerdeportalen finden sich zahlreiche Kundenschilderungen, die ein ähnliches Muster zeigen: lange Funkstille beim Support, teils eingefrorene Guthaben, verspätete Abrechnungen, technische Fehler und das Gefühl, mit Problemen allein gelassen zu werden.

Viele der gemeldeten Probleme sind nicht neu in der Neobroker-Welt. Doch die Häufung und die geringe Reaktionsgeschwindigkeit sorgen zunehmend für Vertrauensverlust – zumindest wenn man Berichten aus dem Netz folgt. Auch Vermögensverwalter und andere Experten der Branche beobachten die Geschehnisse bei Trade Republic kritisch.

„Tech und Marketing allein reichen nicht“

Markus van de Weyer, Geschäftsführer von Alpha Beta Asset Management, sieht in der aktuellen Lage ein grundsätzliches Problem der Branche. „Wenn ein Marktführer wie Trade Republic über Monate mit technischen Ausfällen, Problemen bei Steuerabrechnungen und schwer erreichbarem Kundenservice in den Schlagzeilen steht, dann färbt das zwangsläufig auf die gesamte Kategorie ab“, sagt er. Die wichtigste Lehre: „Tech und Marketing allein reichen nicht, wenn man faktisch Bank- und Wertpapiergeschäfte für Millionen Kunden betreibt.“

Van de Weyer hebt drei Punkte hervor, die er für wichtig hält: resiliente Infrastruktur statt Hochglanz-Keynotes, Kundendienst als Teil des Risikomanagements und Produktverantwortung bei komplexen Angeboten. „Systemstabilität an Stress-Tagen ist kein Nice-to-have, sondern elementarer Anlegerschutz“, betont er. „Wenn Beschwerden über schwer erreichbare Hotlines und schleppende Depotüberträge zunehmen, ist das kein Kommunikationsproblem, sondern ein operationelles Risiko.“

Carsten Böhme, CEO der Beratungsgesellschaft Trencavel, sieht vor allem die Reputation in Gefahr. „Kunden akzeptieren durchaus Fehler, aber sie akzeptieren keine Unerreichbarkeit und fehlende Kommunikation“, sagt der Kommunikationsexperte. „Wenn eine Plattform an Crash-Tagen hängt und der Support dann nicht reagiert, entsteht das Gefühl: Im entscheidenden Moment werde ich allein gelassen. Das ist für die Reputation toxischer als der technische Fehler selbst.“

Bafin beobachtet die Lage genau

Die Situation erinnert an frühere Fälle aus dem Fintech-Sektor. Bei N26 führten ähnliche Probleme – technische Ausfälle, Compliance-Schwächen und hohe Beschwerdezahlen – schließlich zu Eingriffen der Finanzaufsicht. Was sagt die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht nun zum Fall Trade Republic?

Zu einzelnen Unternehmen oder möglichen Maßnahmen äußert sich die Bafin nicht. Pressesprecher Norbert Pieper teilt jedoch mit: „Allgemein können wir sagen, dass sich vermehrt Privatanleger als Selbstentscheider bei der Bafin über Neobroker beschweren. Dabei stehen Themen wie die Ausführung von Kundenaufträgen oder die Erreichbarkeit des Wertpapierdienstleisters im Vordergrund.“

Beschwerden seien für die Bafin ein wichtiger Indikator. „Hat die Bafin Anhaltspunkte dafür, dass gegen verbraucherschützende Vorschriften verstoßen wird und eine Vielzahl von Verbraucherinnen und Verbrauchern betroffen ist, dann ergreift sie die erforderlichen Maßnahmen“, so Pieper.

Braucht es schärfere Regeln für Neobroker?

Van de Weyer sieht den Fokus nicht bei neuen Vorschriften: „Aus meiner Sicht geht es weniger um ‚neue' Regulierung, sondern um eine konsequente Anwendung der bestehenden Regeln: klare Anforderungen an IT-Resilienz, transparente Produktinformationen, funktionierende Beschwerdeprozesse – und gleiche Maßstäbe für Neobroker und klassische Anbieter.“ Wenn sich herausstelle, dass einzelne Player diese Standards strukturell nicht einhalten, sei ein gezieltes Eingreifen der Aufsicht im Interesse aller.

Böhme ergänzt: „Ein digitaler Broker skaliert viel schneller als ein klassischer Vermögensverwalter – deshalb treten Probleme auch sichtbarer auf.“ Regulatorisch gelte aber für alle das gleiche Prinzip: „Wer sensible Kunden- und Finanzdaten verwaltet, Transaktionen an der Börse durchführt, der muss Strukturen, Prozesse und Servicekapazitäten haben, die diesem standhalten – passend zu Größe und Wachstum.“

Trade Republic: „Längst erledigte Themen“

Trade Republic weist die Kritik weitgehend zurück. Eine Pressesprecherin betont: „Trade Republic zählt aktuell bereits über 10 Millionen Kunden, diese haben über 150 Milliarden Euro bei uns angelegt. Auf jeden Kunden, der sich beschwert, kommen zeitgleich tausende Kunden, deren Anliegen wir kurzfristig direkt in der App lösen – die meisten Anfragen beantworten wir innerhalb von 24 Stunden.“

Dennoch räumt das Unternehmen Handlungsbedarf ein: „Jeder einzelne Kunde, den wir nicht zufriedenstellen, ist einer zu viel. Die Verbesserung der Kundenbetreuung hat bei uns eine hohe Priorität.“ Man habe bereits einen dreistelligen Millionenbetrag in den Ausbau des Kundenservice investiert. Zu den konkreten Vorwürfen heißt es: „Es handelt sich um längst erledigte Themen, die in den meisten Fällen übrigens nicht nur bei uns aufgetreten sind.“

Systemfrage für die gesamte Branche

Die Causa Trade Republic wirft eine grundsätzliche Frage auf: Können Neobroker mit ihrer Tech-first-Philosophie die gleiche Servicequalität und Stabilität bieten wie etablierte Anbieter? Oder braucht es neue regulatorische Standards, die der rasanten Skalierung dieser Geschäftsmodelle Rechnung tragen?

Van de Weyer warnt: „Andere Anbieter sollten sich sehr genau anschauen, wie sie Service-Strukturen skalieren, bevor sie die nächste Million Kunden akquirieren.“ Die Bafin beobachtet die Entwicklung offenbar aufmerksam – ob und wann sie eingreift, bleibt abzuwarten.