Montagabend, kurz nach 18 Uhr, ein kleines Café in einem Altbau direkt am Frankfurter Mainufer. Draußen ist es bereits dunkel, drinnen rücken Frauen Stühle an eine lange Tafel. Es wird gelacht, umarmt, bestellt. Manche kennen sich seit Jahren, andere sehen sich zum ersten Mal – geduzt wird sich trotzdem. Es wirkt wie ein Treffen unter Freundinnen.
Doch man hat sich nicht zu einem After-Work-Drink verabredet. Alle zwei Monate trifft sich hier der Trade Wives' Club - ein Stammtisch für Frauen, die sich für Kapitalmärkte und Geldanlage interessieren. Die Teilnehmerinnen sind keine Anfängerinnen, sondern bereits fortgeschrittene Anlegerinnen. Gemeinsam tauschen sie sich über etwas aus, das selbst für Profis oft herausfordernd bleibt: die eigenen Finanzen.
Trade Wives, keine Tradwives
Die Idee entstand im Herbst 2024, als die drei Initiatorinnen Pia Kater, Edda Vogt und Annabelle Düchting nach einer anderen Female-Finance-Veranstaltung zusammensaßen. „Natürlich war auch ein Glas Wein im Spiel“, lacht Kater. Und bald stellten die drei Branchenkennerinnen fest: „Wir wissen alle, wie Investieren geht. Aber die eigene Umsetzung? Man schludert.“
Auch der Name stand schnell fest: Auf Social Media war gerade der Trend der Tradwives – Frauen, die sich einem konservativen Rollenbild der 1950er Jahre unterordnen – besonders präsent. Ganz im Gegenteil dazu wollten die Initiatorinnen selbstständig und emanzipiert agieren – und gleichzeitig auf die Finanzbranche anspielen. Was also war naheliegender als aus traditionellen Hausfrauen Handelsfrauen zu machen?
Kater war zuletzt langjährige Kommunikationschefin beim Frankfurter Asset Manager Lupus Alpha, Düchting arbeitet als PR & Marketing Managerin bei J.P. Morgan Asset Management. Vogt leitet die Anlegerkommunikation bei der Deutschen Börse und kennt die Bedürfnisse von Privatanlegern aus unzähligen Seminaren und Veranstaltungen. „Ich bin ziemlich aktiv in der Female Finance“, sagt Vogt. „Aber ich habe zunehmend den Wunsch gehabt, auch mal was für mich zu tun.“
Diskussion statt Vortrag
Im Juli 2025 war es dann so weit: Die Trade Wives trafen sich zum ersten Mal. An diesem dritten Stammtischabend sind 16 Frauen gekommen – trotz winterlicher Temperaturen und eines Streiks im öffentlichen Nahverkehr. Das Thema: Wie baue ich ein diversifiziertes Portfolio, das zu mir passt?
Die Runde ist bunt gemischt: Frauen aus unterschiedlichen Bereichen der Finanzwelt, von Vermögensverwaltung und Beratung bis hin zu Kommunikation, Vertrieb und brokerseitigen Funktionen. Die Vorstellungsrunde zeigt schnell, was alle verbindet: „Für institutionelle Kunden kenne ich Diversifikation – für mich selbst war ich nie so aktiv“, sagt eine Teilnehmerin.
Impulsgeberin ist Petra Mennong, Vermögensberaterin mit über 20 Jahren Erfahrung in der Betreuung wohlhabender Privatkunden. Kater kündigt sie an: „Finanzplanung und Asset Allocation sind ihr Metier. Und es wird unterhaltsam.“ Das Format ist kein Vortrag, sondern Austausch, Zwischenfragen ausdrücklich erwünscht.
60 Millionen in vier Aktien
Mennong erzählt aus ihrer Praxis – nicht in Thesen, sondern in Geschichten. Da ist etwa der alteingesessene Frankfurter Unternehmer, der mit seinem Depot zu ihr kam. „Unterm Strich standen 60 Millionen Euro“, berichtet sie. Das Problem: Der Mann hatte sein gesamtes Vermögen in nur vier Aktien investiert, allesamt Finanzwerte. Mennong empfahl ihm, das Portfolio breiter aufzustellen. Er lehnte ab, sie kamen nicht zusammen. „Dann kam die Finanzkrise 2008. Als er wieder bei ihr im Büro saß, standen unter dem Strich nur noch 2,5 Millionen Euro“, erzählt die Anlageexpertin.
Es ist nicht die einzige Geschichte an diesem Abend, die im Raum hängen bleibt. Mennong berichtet auch von einem Anleger, der mit 50.000 Euro startete und über Jahre ein Vermögen von acht Millionen Euro aufbaute – mit gehebelten Investments und dem richtigen Timing. Doch sie warnt sofort: „Das Timing muss stimmen. Das ist kein Selbstläufer.“ Und: „Leute wie er machen das mit Geld, das sie verbrennen können. Komplett.“
Altlasten im Depot
Die Fragen aus der Runde gehen schnell in die Tiefe. Wie bestimmt man sein eigenes Risikoprofil? Ab welcher Verlustschwelle sollte man verkaufen? Macht ein Stop-Loss bei ETFs überhaupt Sinn? „Das Wichtigste ist, dass die Anlage zu meinem Risikoprofil passt“, sagt Mennong. „Denn ich muss nachher auch noch gut schlafen können.“
Nach rund 1,5 Stunden zerfällt die Runde in kleinere Gespräche. Die Frauen sprechen über eigene Fehler, zu viele ETFs oder unübersichtliche Portfolios. „Jeden Tag reden wir über Investments, und doch hat man in seinem Portfolio die eine oder andere Altlast“, sagt Düchting. Vogt zeigt später ihre eigene Portfolio-Analyse. „Fehler Nummer eins: Ich habe viel zu lange zu viel Cash gehalten.“ Ein Austausch, den klassische Branchen-
events selten bieten.
Andere Atmosphäre
Warum ein reiner Frauenstammtisch? „Die Stimmung ist einfach anders“, sagt Vogt. „Bei gemischten Veranstaltungen geht es schnell darum, wer mehr weiß, wer den dickeren Gewinn hat. Hier nicht.“ Es habe schon Anfragen von Männern gegeben, erzählt Kater. „Die haben wir freundlich abgelehnt. Wir sind bewusst ein Female-Finance-Club.“
Die dazugehörige Linkedin-Gruppe zählt mittlerweile 65 Mitglieder. „Wir haben da wohl einen Nerv getroffen“, sagt Düchting.
Kleine Runde, große Wirkung
Bildquelle: Trade Wives' Club
Der Stammtisch selbst ist bewusst klein gehalten, für den aktiven Austausch, getragen vom Engagement der drei Gründerinnen – ohne Budget, ohne Geschäftsmodell. „Es ist eine Herzensangelegenheit“, sagt Kater und ergänzt: „Und es macht tierisch Spaß.“
Gegen 21 Uhr leert sich das Café. Letzte Gedanken werden ausgetauscht, man verabredet sich fürs nächste Mal. „Das sind wirklich gute Vibes hier“, sagt Kater zum Abschied. Und ein paar Ideen fürs eigene Portfolio nimmt jede mit nach Hause.
