Mautstraßen in Portugal, Rettungshelikopter in Spanien, Schulbetreiber mit Staatsgarantie – das klingt nach dem langweiligsten Portfolio der Welt.. Aber genau das macht diese Investments gerade interessant. Beim private banking kongress in Berlin erklärt Tristan Schirra von Swiss Life Asset Managers, warum Langeweile manchmal die beste Strategie ist. „Das ist das Fundament unseres Daseins“, sagt er – und meint damit Infrastruktur. Für seine Präsentation wählte er einen ungewöhnlichen Ansatz: Er führt das Publikum durch einen ganz normalen Tag.

Von der Kaffeemaschine bis zum Krankenhausbesuch

„Wir sind heute Morgen aufgestanden. Es ist kalt und dunkel draußen, aber zu Hause ist es warm. Wir schalten das Licht an, gehen in den Wohnbereich, kochen den ersten Kaffee, checken im heimischen Netzwerk die ersten E-Mails“, beschreibt Schirra. Was banal klingt, ist in Wahrheit ein komplexes Zusammenspiel aus Energieversorgung, Telekommunikation und Wasserinfrastruktur.

Und weiter: „Dann geht's zur Arbeit – mit dem Auto auf Straßen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Kinder erstmal in die Schule.“ All das ist Infrastruktur. „Ohne die Infrastruktur geht es nicht“, bringt Schirra es auf den Punkt. Und genau diese Unverzichtbarkeit mache Infrastruktur als Investment so attraktiv.

Fünf Bereiche, ein Prinzip

Als Infrastruktur-Investment-Manager unterscheidet Schirra fünf große Bereiche:

  1. Transport (Straßen, Häfen, Flughäfen)
  2. Energie & erneuerbare Energie (Energie-Erzeugung und -Transport)
  3. Kommunikation (Telekommunikationsnetze, Rechenzentren)
  4. soziale Infrastruktur (Schulen, Pflegeeinrichtungen)
  5. Versorgung (Wasser- und Abfallwirtschaft).

„Wenn ich über Investitionen in Infrastruktur spreche, dann rede ich von sogenannten Privatmarkt-Investitionen“, stellt Schirra klar. „Das heißt, wir betrachten hier Unternehmen, die nicht an einer Börse handelbar sind.“

Tatsächlich sind nur etwa zehn Prozent aller Unternehmen weltweit mit relevanter Umsatzgröße an Börsen gelistet – der Rest ist Privatmarkt.

Die fünf Segmente des Infrastrukturfonds
Die fünf Segmente des Infrastrukturfonds | Bildquelle: Swiss Life AM

Der Infrastruktur-Boom

Die Frage liegt auf der Hand: Warum investieren Versicherer, Banken, Pensionskassen bereits seit Jahrzehnten in diese Anlageklasse? Schirras Antwort ist eindeutig: „Weil sie Stabilität bringen, weil sie resilient sind und losgelöst von Krisen.“

Die Logik dahinter: „Auch zu Krisenzeiten oder zu Zeiten, wo wir den Gürtel enger schnallen müssen, brauchen wir die Güter dieser Unternehmen“, erklärt Schirra. „Auf viele Luxusartikel kann man auch mal einen Monat verzichten. Auf Strom und Gas eher nicht.“

Diese Krisenresistenz spiegele sich in den Zahlen wider. Nicht gelistete Infrastrukturanlagen korrelieren nur sehr gering mit traditionellen Anlageklassen wie Aktien oder Anleihen, erklärt er. In einem Portfolio-Vergleich über 15 Jahre zeige sich: Fügt man einem klassischen Multi-Asset-Portfolio nicht gelistete Infrastruktur hinzu, verbessert sich die Rendite minimal – gleichzeitig sinkt die Volatilität.

„Man kauft sich Stabilität und Diversifikation ein“, fasst Schirra zusammen, „wohl wissend: Ich habe hier einen längeren Anlagehorizont, bringe aber Stabilität und attraktive Dividenden ins eigene Portfolio.“

Swiss Life AM öffnet Plattform für Privatanleger

Was lange institutionellen Investoren vorbehalten war, ist dank der Eltif-2.0-Novelle nun auch für Privatanleger zugänglich. Swiss Life Asset Managers verwaltet nach eigenen Angaben rund 13 Milliarden Euro in nicht gelisteter Infrastruktur – gehört damit zu den größeren Playern in Europa.

„Wir verwalten nicht nur Gelder von Drittkunden, sondern investieren in jedes Objekt auch mit dem Geld der Swiss Life, weil wir von unseren Investitionen überzeugt sind“, so Schirra. Mehr als 70 verschiedene Unternehmen befinden sich in dieser Plattform, mit Schwerpunkt in Zentraleuropa und Nordamerika.

Monatlich kaufbar, quartalsweise rückgebbar – mit Haken

Seit April 2024 können auch Privatanleger über einen Eltif auf dieses Konzept zugreifen. Das Vehikel nutzt die neue Eltif-2.0-Regulierung, die alternative Investmentfonds unter dem hohen Anlegerschutz eines UCITS zugänglich macht.

Der Fonds ist monatlich kaufbar, quartalsweise rückgebbar und hat keine Mindesthaltedauer. „Ich würde es nicht empfehlen, aber wer heute kauft, kann nächstes Quartal auch wieder zurückgeben“, so Schirra. Wenn zu viele gleichzeitig rauswollen, greift ein Gating bei fünf Prozent des Fondsvolumens.

Das Versprechen: 6 bis 7 Prozent Netto-Rendite bei jährlichen Ausschüttungen von 4 bis 5 Prozent netto. Ob sich das langfristig halten lässt, muss sich zeigen.

Core statt Risiko: Die 80-20-Regel

Die Strategie konzentriert sich vor allem auf den Core- und Core-Plus-Bereich. „Das sind jene Unternehmen, die uns fortlaufend stabile Cashflows liefern“, erklärt Schirra. „Also Mautstraßen, Energieversorgung, Glasfasernetze, Rechenzentren.“

Das bedeutet: 70 bis 80 Prozent der erwarteten Rendite stammen aus laufenden Erträgen, nur ein kleiner Teil aus Wertzuwachs. Value-Add-Investments werden beigemischt, aber dosiert.

Schirra warnt vor unrealistischen Versprechen: „Es gibt auch Infrastruktur-Eltifs, die 12 Prozent netto IRR versprechen. Aber 12 Prozent kriegen Sie nur mit entsprechendem Risikoappetit.“ Solche Renditen erziele man mit 80 Prozent Value-Add und 20 Prozent Core – nicht umgekehrt.

Drei Investments, drei Welten

Im Folgenden drei konkrete Beispiele aus dem Portfolio:

Brisa – die Mautstraße als Krisengewinner

Im April 2020, mitten im ersten Lockdown, erwarb Swiss Life Asset Managers anteilig den größten Mautstraßenbetreiber in Portugal. „Eine entsprechend hohe Investition nimmt man nie auf die leichte Schulter“, gibt Schirra zu. Doch die Rechnung ging auf: „Die Erholung der Verkehrszahlen kam unglaublich schnell. Verkehrszahlen in Out-Performance im Vergleich zu Vor-Krisenniveau – noch während der Krise.“

Die Vorteile: Das Gegenüber ist der Staat, man hat weiterhin das Recht, Mauttarife im Rahmen der Inflation zu erhöhen. „Das Investment ist dadurch krisensicher und liefert attraktive und stabile Cashflows Renditen im niedrigen zweistelligen Nettobereich sind möglich.“ Schirras Einschätzung: „Mautstraßen sind eine sinnvolle Ergänzung für ein gut diversifiziertes Kerninfrastruktur-Portfolio."

Eliance – Rettungshelikopter mit unerwarteten Einnahmen

Im Sommer 2025 kaufte Swiss Life AM die Mehrheit an Eliance, einem der  führenden Anbieter für Luftrettungsdienste in Spanien. Mit knapp 100 Fluggeräten, davon hauptsächlich gelbe Airbus-Helikopter, und 500 Mitarbeitern ist das Unternehmen einer der Marktführer.

Das Geschäft: Luftrettung bei Unfällen, Feuerlöscheinsätze, Medizintransporte, Search-and-Rescue. „Gerade in Richtung Balkanstaaten ist der Staat weit hinter den Erwartungen“, erklärt Schirra. „Der Staat vergibt die Bereiche an Unternehmen wie Eliance.“

Interessant ist das Vergütungsmodell: Die Bezahlung für Luftnotrettung erfolgt nach Verfügbarkeit. „Ob die Helikopter einmal am Tag, fünfmal am Tag oder gar nicht genutzt werden, hat auf die Vergütung keinen Einfluss.“ Ein System ähnlich wie im deutschen Stromnetz.

Skurril: Nebenbei verdient Eliance durch Helikoptervermietung für Luftaufnahmen – etwa bei der spanischen Radrundfahrt La Vuelta oder für Netflix-Produktionen. „Das ist nur ein geringer Prozent des Umsatzes“, stellt Schirra klar. Aber immerhin. 

Aber natürlich gibt es auch Risiken wie politische Eingriffe in Vergütungssysteme, Konkurrenz durch staatliche Anbieter oder steigende Betriebskosten.

Ein Eliance-Helikopter
Ein Eliance-Helikopter | Bildquelle: Eliance

Colegios Educare – Schulen mit Staatsgarantie

Vor wenigen Wochen investierte Swiss Life AM in einen der führenden privaten Betreiber öffentlicher Schulen in Spanien. „Investments in Schulen werden Sie in anderen Fonds nicht häufig finden“, so Schirra. Das System ist ungewöhnlich: private betriebene Schulen, aber im öffentlichen Bildungssystem.

Die Mechanik: In Spanien gibt es eine zehnjährige Pflichtschulzeit. „Das Schulgeld ist für jede Schule gleich und trägt der Staat – jeweils pro Schüler. Der Betreiber muss dafür die Schule attraktiv machen, mit modernem Equipment, gutem Personal und besserer Technologie als die öffentliche Konkurrenz.

Zusätzlich bietet Educare Services an: Verpflegung, Sportangebote, Lernförderung. Diese Mehrkosten zahlen viele Eltern. Auch hier konnte die Inflation grösstenteils weitergegeben werden,  was den hohen Stellenwert der Bildung in Spanien untermauert.

Das Resultat: eine feste Vergütung vom Staat, inflationsgeschützt, zweimal jährlich Ausschüttungen. „Unabhängig davon, ob es Inflation gibt oder Lockdown: Das Schulgeld kommt regelmässig vom Staat.“ Die Kehrseite: Man ist abhängig vom spanischen Staat als Zahler. Ändert sich die Bildungspolitik, könnte das Geschäftsmodell eines Tages unter Druck geraten.

Infrastruktur als Portfolio-Stabilisator – mit Einschränkungen

Ob Covid, Inflation oder andere Verwerfungen: Infrastruktur-Investments haben sich historisch als stabil erwiesen.

Aber: „Die Anlageklasse ist und bleibt illiquide. Und das ist kein Risiko, das ist eine Chance“, meint Schirra. Seine Empfehlung: „So ein Fonds macht erst richtig Spaß, wenn Sie ihn sieben, acht Jahre und länger halten.“

Der Fonds hat nach eigenen Angaben bisher rund 170 Millionen Euro eingesammelt. Die Performance seit Auflage im April 2024: zehn Prozent netto – allerdings eine sehr kurze Zeitspanne für aussagekräftige Schlüsse.

Fazit: Stabilität statt Spektakel

Rettungshelikopter, Mautstraßen, Schulen – Infrastruktur-Investments klingen wenig glamourös. In Zeiten hoher Volatilität an den Aktienmärkten suchen Anleger genau das: planbare Erträge, geringe Korrelation, Krisenfestigkeit. Infrastruktur verspricht das – nicht mit spektakulären Renditen, aber mit Verlässlichkeit. Ob die Rechnung aufgeht, hängt vom Einzelfall ab.

Die Risiken sollten allerdings nicht verschwiegen werden: Illiquidität, regulatorische Eingriffe, politische Unwägbarkeiten. Und: Die Vergangenheitsperformance ist keine Garantie für die Zukunft. Auch wenn die Infrastruktur seit Jahrtausenden funktioniert.